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"Wir hatten Todesangst"

Es sollte eine fröhliche Klassenfahrt ins sächsische Bad Schandau werden. Doch für Felix K. und seine Hamburger Klassenkameraden wurde es ein Horrortrip. Die Schule verharmlost den Fall.

Von Lena Kampf

Felix K. (Name von der Redaktion geändert) war noch nicht einmal richtig wach, als ihm die Männer den Kiefer brachen. Die erste Faust traf ihn mitten ins Gesicht. "Wen haben wir denn da?", hatte er noch gehört, sich umgedreht und gesehen, dass ihm die drei Fremden vom Flur auf die Toilette gefolgt waren. Jetzt krümmte er sich auf dem Boden neben der Kloschüssel und flehte: "Bitte lasst mich in Ruhe." Ein zweiter Schlag, dann ein dritter aufs Kinn. "Jetzt lachst du nicht mehr", glaubt Felix noch gehört zu haben, dann ließen die Männer von ihm ab. Sie würden wiederkommen, mit Verstärkung.

Doch den zweiten Angriff dieser Freitagnacht Anfang September auf die Jugendherberge in Bad Schandau, nahm Felix K. gar nicht mehr wahr. Blutüberströmt war der 15-Jährige in sein Zimmer zurückgewankt und lag wimmernd auf dem Bett, während seine Lehrerin versuchte, die Tür des Gebäudes zu verriegeln. Sie hatte die Zimmerschlüssel verteilt, damit die Schüler sich verbarrikadieren. Die Männer draußen, mittlerweile mindestens ein Dutzend, grölten: "NSDAP - wir vergessen nie!" Einige der Schüler wollen sie sogar marschieren gehört haben. "Alle hatten Todesangst", sagt Felix K.

Schulleiter schickt seine Klassen zum ersten Mal nach Sachsen

Den Kieferbruch und den Bruch des Augenhöhlenbodens stellten die Ärzte bei Felix erst in Hamburg fest. Nur auf Betreiben seiner Mutter wurde er geröngt, die Ärzte in Sachsen sollen gesagt haben: "Der Junge hat nichts."

Die 87 Schüler der Stufe 10 des Hamburger Goethe Gymnasiums waren noch am gleichen Tag von der Klassenfahrt aus dem beschaulichen Kneippkurort Bad Schandau zurückgekehrt. Und Schulleiter Egon Tegge wünschte sich längst, es würde wieder Ruhe einkehren in sein Vorzeigegymnasium, an dem viele Kinder kein Deutsch als Muttersprache sprechen, aber Latein lernen.

Egon Tegge schickt seine Klassen, in denen 30 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund haben, zum ersten Mal ins Osterzgebirge, wo die NPD im Kreistag mehr Sitze als die SPD bekommt. Die Region gilt als Hochburg der rechtsextremistischen Szene. Bad Schandau, wo Adolf Hitler und sein sächsischer Statthalter Martin Mutschmann noch bis 2007 Ehrenbürger waren, hing Anfang September voller Wahlplakate mit rassistischen Slogans: "Deutsche Schulen für deutsche Kinder." Die Jugendlichen aus Hamburg-Lurup kletterten im Schrammstein, wanderten durchs Elbsandsteingebirge an der Grenze zu Tschechien - eine Woche Klassenfahrt an Deutschlands rechtem Rand.

Felix' Vater stammt aus China

Am vergangenen Donnerstag wurde Felix K. operiert, die Wunden sind schon etwas abgeschwollen. Noch ist nicht klar, ob er, der Hamburger Meister im Tischtennis wurde, wieder auf diesem Niveau spielen können wird. Auch sein Instrument wird er länger nicht zwischen Kinn und Schulter klemmen, die erste Geige wird eine Weile ausfallen im Schulorchester.

Trotz Verbot aufs Dorffest gegangen

Auf dem kleinen Tisch neben seinem Bett im Krankenhauszimmer stapeln sich Schokopackungen. Felix, der Vater Chinese, die Mutter Deutsche, sagt auf die Frage, warum die Männer ausgerechnet ihn angegriffen haben: "Die Nazis haben irgendein Opfer gesucht." Neben ihm sitzen zwei Freundinnen aus seiner Klasse. Sie sind gekommen, um ihn zu unterstützen, aber eigentlich stützt Felix sie.

Die Mädchen machen sich Vorwürfe, weil sie ihm nicht geholfen haben. Die Schüler wollten die letzte Nacht durchmachen, bevor es am nächsten Tag nach Hause ging. Doch Felix war zwischenzeitlich eingeschlafen. Die beiden saßen auf seinem Zimmer, als Felix wach wurde und auf die Toilette ging. "Ihr hättet nichts machen können", sagt Felix, um sie zu beruhigen. "Es ist nicht eure Schuld", hat er auch den Freunden aus der Parallelklasse gesagt. Sie hatten an diesem letzten Abend der Reise die Jugendherberge verlassen - auch Felix war zunächst dabei gewesen, kehrte aber zurück und legte sich hin, als die anderen aufs Ortsfest Ostrau gingen, gegen das ausdrückliche Verbot der Lehrer.

Staatsanwaltschaft ermittelt bereits

Auf dem Fest, bei dem es nach Bierprobe mit Schützenkönig den Schlagerabend mit DJ gab, wurden die Schüler von den späteren Angreifern bemerkt, die ihnen dann folgten. "Verpisst euch aus unserem Dorf", hatten die Männer auf dem Weg schon gesagt, erzählt einer der Schüler. Und: "Wir wissen wo die Jugendherberge ist."

Egon Tegge sagte zu stern.de, seine Schüler würden nun lernen, dass die "Konsequenzen eines Regelverstoßes nicht vorhersehbar" seien. Es wirkt so, als wollten die Verantwortlichen den Vorfall von Anfang an klein halten. Auch die Klassenlehrerin schrieb Felix' Mutter etwas vom "Provozieren der Dorfjugend", und dass man nicht den gleichen Fehler begehen sollte wie die Neonazis, sich "Vorurteilen hinzugeben."

Weil seine Klassenlehrerin Felix nicht erlaubt hatte, nach dem Überfall seine Mutter anzurufen, will Monika K. die Schulaufsicht einschalten. Die Kinder hatten auf die Klassenreise keine Handys mitnehmen dürfen, und so erfuhr Felix’ Mutter erst Stunden später von dem Vorfall.

Die sächsischen Polizisten werden in den kommenden Tagen die Schüler in Hamburg als Zeugen befragen. Felix K. wurde schon in der Nacht nach dem Angriff auf einer Polizeiwache vernommen, ebenfalls ohne Wissen der Mutter. In Sachsen ermittelt das neue "Operative Abwehrzentrum Rechtsextremismus", die Staatsanwaltschaft Dresden hat den Fall übernommen. Mehr als zehn Personen werden als Beschuldigte geführt, vier Namen sind stern.de bekannt.

Tourismusverband warnt vor Wahl der NPD

Ob bekannte Neonazis an dem Übergriff auf die Jugendherberge beteiligt waren, wollen die Ermittler nicht kommentieren. Zumindest beim Ortsfest Ostrau hat wohl ein NPD-Fan mitgefeiert, er hatte sich bei der Facebook-Gruppe des Fests angemeldet. Martin H. betreibt einen rechten Modeladen in Bad Schandau, sein Online-Versandhandel wird vom sächsischen Verfassungsschutz beobachtet.

Vier Tage nach der Tat hat der Tourismusverband Sächsische Schweiz eine Imagekampagne gestartet, die Wähler aus der Urlaubsregion aufgefordert, nicht die NPD zu wählen. "Der Tourismus nimmt Schaden", heißt es da.

Felix K. hat überlegt, die Klasse zu wechseln oder gleich die Schule. Er ist enttäuscht, weil die Klassenlehrer nicht bei ihm angerufen haben, als er im Krankenhaus lag. Lediglich die Anmeldeunterlagen für die Matheolympiade wurden ihm zu Hause kommentarlos in den Briefkasten geworfen. Wenn er nächste Woche wieder ans Goethe Gymnasium kommt, ist im Geschichtsunterricht das Thema "Nationalsozialismus" dran.

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