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Das letzte Opfer eines Nazi-Serienkillers

Vor 36 Jahren musste Terry Mitchell zusehen, wie der Nazi-Killer Joseph Paul Franklin vor ihren Augen zwei Freunde erschoss. Doch mit dem Prozess begann für sie wohl noch ein ganz anderes Martyrium.

Robert Richards war 1981 Staatsanwalt, später US-Bundesrichter

Robert Richards - 1981 Staatsanwalt, später US-Bundesrichter - sieht sich mit schweren Vorwürfen konfrontiert

Auf manchen Fotos sieht Joseph Paul Franklin seinem Idol erschreckend ähnlich: Seitenscheitel, schmales Gesicht, ein angedeutetes Oberlippenbärtchen. Am 20. August 1980 beging er seinen vermutlich letzten Mord.

Joseph Paul Franklin war glühender Nazi und einer der berühmtesten Serienkiller Amerikas. In Hitlers "Mein Kampf" glaubte er seine Bestimmung gefunden zu haben. Im Jahr 1977 startete Franklin seinen ganz eigenen Rassenkrieg und einen blutigen Feldzug durch die USA: Drei Jahre lang zog er durch das Land, wechselte Namen, Identitäten, Waffen, jagte Juden und Schwarze und alle, die in Rassenfragen anders dachten als er. An jenem Sommertag im August legte er in Salt Lake City aus einer Entfernung von 36 Metern auf eine Gruppe von Joggern an. Ted Fields und David Martin überlebten die Schüsse nicht: Die beiden Schwarzen brachen vor den Augen ihrer Freundin Terry Mitchell zusammen und starben.

Der Serienkiller Joseph Paul Franklin auf einem alten Foto

Der Serienkiller Joseph Paul Franklin auf einem alten Foto

36 Jahre später sorgt das Verbrechen noch immer für Aufregung. Eigenen Angaben zufolge brachte Franklin insgesamt 20 Menschen um, er wurde in aufsehenerregenden Prozessen erst zu lebenslanger Haft und schließlich zum Tode verurteilt. Terry Mitchell war als Augenzeugin 1981 eine der wichtigsten Zeuginnen im Verfahren. Doch wenn ihre neuesten Anschuldigungen stimmen, stand die 16-Jährige damals vor einer bitteren Entscheidung: Entweder den Mörder ihrer Freunde hinter Gitter zu bringen - oder eine Vergewaltigung anzuzeigen und damit den Prozess zu gefährden.

Hotelbesuche "fast wie Dates"

Regelmäßig traf sich Mitchell während des Verfahrens mit dem 27-jährigen Staatsanwalt Roberts, um mit ihm über den Fall zu sprechen und ihre Aussagen vorzubereiten. Roberts, zu jener Zeit aufstrebender Jurist, hat es inzwischen zum einflussreichen Bundesrichter gebracht. Laut NBC ist er mit vielen heiklen und sensiblen Fällen betraut. Doch am vergangenen Mittwoch legte er sein Amt nieder, angeblich aus "gesundheitlichen Gründen". Am selben Tag reichte Mitchell 35 Jahre nach dem Prozess Klage gegen ihn ein. Der Vorwurf: Der Mann, der den Mörder ihrer Freunde ins Gefängnis brachte, soll sie damals systematisch vergewaltigt haben. 

Immer wieder, sagt ihr Anwalt Rocky C. Anderson dem US-Nachrichtenportal "The Daily Beast" gegenüber, habe der Staatsanwalt Mitchell mit in ein Hotelzimmer genommen und sich dort an ihr vergangen. Er habe seine Funktion missbraucht, um in den Gesprächen mit ihr ihre intimsten Gedanken und Ängste zu erkunden. Mitchell sei bereits als Kind regelmäßig sexuell missbraucht worden. "Er kannte ihre ganze Geschichte, wusste, wie verletzbar sie war." Die Proteste des Mädchens habe er mit den Worten beiseite gewischt: "Du gehst nirgendwo hin, bevor ich nicht von dir gekostet habe."

Die Hotelbesuche seien zur Routine geworden, "fast wie Dates", führt Anderson weiter aus. Stimmen die Anschuldigungen, die Mitchell über ihren Anwalt verbreiten lässt, hätte Roberts seine Macht missbraucht, um das Mädchen unter Druck zu setzen und sich zugleich selbst zu erregen. Im Hotel, heißt es in der Anklage, habe Roberts sich selbst in den Nachrichten zugeschaut, während er sich an seiner Zeugin verging. Der Staatsanwalt habe den Spiegel oft so gestellt, "dass er sich zugleich selbst beim Sex und beim Interview sehen konnte."

Aussage gegen Aussage

Falls die Geschichte simmt, wäre Mitchell in gewisser Weise das letzte Opfer Franklins geworden. Bewiesen ist indes nichts. Bisher steht Aussage gegen Aussage. Roberts selbst bestreitet zwar nicht den Sex, aber die Vergewaltigung und den Zeitpunkt. Der sexuelle Kontakt sei einvernehmlich gewesen und habe sich erst nach dem Prozess abgespielt, erklärt er in einem Statement. Den Missbrauchsvorwurf weist er "entschieden" zurück. Er habe sich stets mit höchster Integrität, Ehrlichkeit und Anstand benommen.

Anderson sagt dagegen, Roberts habe das Mädchen immer mit dem Prozess unter Druck gesetzt. "Er bedrohte sie damit, was passieren würde, wenn sie es öffentlich machen würde." Denn wenn bekannt würde, dass der Staatsanwalt und seine wichtigste Zeugin eine heimliche Affäre hätten, müsste das Urteil gegen Franklin aufgehoben und der Fall neu aufgerollt werden.

Im Jahr 2013 wurde die Todesstrafe an dem Serienkiller vollstreckt, Joseph Paul Franklin starb in Missouri durch die Giftspritze. Sein berühmtestes Opfer, der Hustler-Herausgeber Larry Flint, der in seinem Magazin Sex mit Schwarzen thematisiert und einen Anschlag Franklins nur querschnittsgelähmt überlebt hatte, hatte sich zuvor vehement gegen eine Hinrichtung ausgesprochen.

Roberts indes machte den Fehler, sich an die ehemalige Zeugin zu wenden. Er soll Mitchell laut "The Daily Beast" eine Email geschickt haben. "Ich wünsche dir Ruhe und Zufriedenheit", stand darin. Diese mail erst habe die Erinnerungen wieder angefacht und letztlich zu der Klage geführt. Stimmt es, was Mitchell erzählt, wäre dem Staatsanwalt somit ausgerechnet die Vollstreckung des Urteils zum Verhängnis geworden - denn mit dem Tod Joseph Paul Franklins hätte er sein wichtigstes Druckmittel verloren.

car
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