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Tod einer Anwältin

Yvonne G. führte ein Doppelleben: Im Netz ging die Anwältin auf die Suche nach schnellem Sex. Bis sie tot in ihrer Wohnung gefunden wurde. Erst fünf Jahre später wurde Anklage erhoben.

Von Kerstin Herrnkind

Yvonne G. ließ sich trotz gegenteiliger Behauptungen der Boulevard-Presse nie für sexuellen Kontakt bezahlen

Yvonne G. ließ sich trotz gegenteiliger Behauptungen der Boulevard-Presse nie für sexuellen Kontakt bezahlen

Als die Polizei an einem kalten Montagmorgen im Februar 2008 die Wohnung der Rechtsanwältin Yvonne G. in Leipzig aufbrach, sah auf den ersten Blick alles nach Selbstmord aus. Die 27-jährige hing mit einem Seil um den Hals an der Klinke ihrer Schlafzimmertür.

Ein Tagebuch verriet, dass Yvonne G. ein gefährliches Doppelleben geführt hatte: Tagsüber vertrat sie Unternehmen für eine renommierte Wirtschaftskanzlei. Nach Feierabend tauschte sie ihre dunklen Hosenanzüge gegen Korsett, Minirock und hohe Stiefel, ging auf Swingerpartys oder suchte als "Innocentia" schnellen Sex im Netz.

Penibel hatte Yvonne G. Namen und Vorlieben ihrer Sexpartner notiert - unter ihnen viele Familienväter, Juristen, Ärzte, Unternehmer, ein Polizist, ein Beamter einer Bundesbehörde. Auch dass sie lebensmüde sei, hatte Yvonne G. aufgeschrieben. Ein Test bei der Obduktion schien das Motiv zu klären: Die junge Anwältin hatte sich mit HIV infiziert.

Zweifel am Selbstmord-Szenario

Doch dann meldeten die Gerichtsmediziner Zweifel an. Am Knoten des Seils, am Strang und auf den Kleidern der toten Anwältin wurden DNA-Spuren eines Mannes nachgewiesen. Auch die HIV-Infektion schied als Motiv offenbar aus. Yvonne G. wusste wahrscheinlich noch gar nicht, dass sie das tödliche Virus in sich trug. Ihre Ärzte jedenfalls hatten keine Ahnung. Fast fünf Jahre schleppten sich die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Leipzig hin. Jetzt hat die Behörde – auf Druck der Generalstaatsanwaltschaft in Dresden - Anklage gegen den 45-jährigen Geschäftsmann Tom Kramer (Name geändert) wegen Körperverletzung mit Todesfolge erhoben. Die Ermittler gehen offenbar davon aus, dass Yvonne G. bei einem Sexunfall ums Leben gekommen sein könnte.

Jahrelang hatte die Staatsanwaltschaft Leipzig dem Verdächtigen gegenüber ein erstaunliches Wohlwollen an den Tag gelegt. Obwohl seine DNA-Spuren am Seil und auf den Kleidern der toten Anwältin gesichert worden waren, stellte die Staatsanwaltschaft Leipzig das Verfahren im August 2011 - dreieinhalb Jahre nach dem mysteriösen Tod der Juristin – ein. Dagegen legte der Hamburger Rechtsanwalt Uwe Toben, der die Mutter von Yvonne G. vertritt, Beschwerde ein. Mit Erfolg. Die Generalstaatsanwaltschaft Dresden hob die Einstellung Ende des vergangenen Jahres auf und wies die Kollegen in Leipzig an, weiter zu ermitteln. Der stern berichtete ausführlich über die zögerlichen Ermittlungen (Nr. 45/2011).

Die ungewöhnlich lange Dauer der Ermittlungen war nicht die einzige Merkwürdigkeit in diesem Verfahren. Die Staatsanwaltschaft Leipzig verweigerte dem Anwalt der Mutter zunächst das gesetzlich verbriefte Recht auf Akteneinsicht – um sensible Daten Dritter zu schützen, wie ein Sprecher sagte. "So etwas habe ich noch nie erlebt", empörte sich Toben, der seit fast 40 Jahren Strafverteidiger ist. Der Anwalt zog vor Gericht. Das Landgericht Leipzig gab ihm Recht. Toben durfte die Akten sehen.

Doch der mysteriöse Todesfall der jungen Anwältin erzählt nicht nur von Staatsanwälten, die offenbar Beißhemmungen entwickeln, wenn sie in sogenannten besseren Kreisen ermitteln sollen. Er gibt tiefe Einblicke in das Sexleben einer sächsischen Großstadt, die schon Schauplatz vieler Skandale war, in denen die Justiz nicht immer eine rühmliche Rolle gespielt haben soll. Und er erzählt die tragische Geschichte einer jungen Frau, die sich auf der Suche nach Liebe auf ein gefährliches Spiel einließ.

Einsamkeit in der Einzimmerwohnung

Nach bestandenem Abitur (Note: 1,5) zog Yvonne G. nach Leipzig und schrieb sich an der Universität für Jura ein. Während beim zweiten Staatsexamen ein Viertel von 256 Prüflingen durchfiel, schaffte sie es mit der Note "voll befriedigend" auf Platz 19. Sie fand sofort eine Stelle in einer renommierten Kanzlei. Doch wenn sie spätabends aus der Kanzlei nach Hause kam, wartete in ihrer Einzimmerwohnung nur Meerschweinchen Winnie.

Die junge Anwältin antwortete auf Kontaktanzeigen, lernte einen gleichaltrigen Unternehmer kennen, der mit ihr in den Swingerclub gehen wollte. "Sie redete davon, ihre Grenzen zu erweitern. Aber ich glaube, sie wollte ihrem Freund nur einen Gefallen tun", erinnert sich eine Freundin. Als die Beziehung nach ein paar Wochen wieder vorbei war, ging Yvonne G. allein in Swingerclubs und meldete sich als "Innocentia" im "Joyclub" an - einer Internet-"Community für Sex und stilvolle Erotik".

Nach Feierabend ließ sie sich von Männern ans Bett fesseln, liebte das gefährliche Spiel mit der Strangulation. Nie nannte Yvonne G. Namen, wenn sie ihrer Freundin von ihren nächtlichen Ausflügen erzählte. Sprach nur von "dem Oberarzt" und seiner Frau, "der Krankenschwester", die in ihrem Haus regelmäßig Swingerpartys feierten. Sie erzählte von einem "Rechtsmediziner" und von "Kollegen". Doch anders als später von der Boulevardpresse behauptet, war Yvonne G. keine Gelegenheitsprostituierte, nahm nie Geld von ihren Liebhabern.

Am Freitag, dem 1. Februar 2008, arbeitete Yvonne G. bis spätabends in der Kanzlei, bestätigte per Mail noch einen Termin für Montagmorgen. Zuhause setzte sich die Anwältin wieder vor den Computer, chattete im "Joyclub". Gegen frühen Morgen verließ sie das Forum. Stunden später war sie tot.

Verschleppte die Justiz den Fall absichtlich?

Kurz nach dem Tod der jungen Anwältin wurde auch Tom Kramer als Zeuge vernommen. Der Geschäftsmann, den Yvonne G. über den "Joyclub" kennengelernt hatte, hatte ihr eine Kurznachricht mit erotischem Inhalt aufs Handy geschickt. An diese Nachricht könne er sich gar nicht mehr erinnern, behauptete Kramer. Er kenne Yvonne G. zwar, habe sie allerdings nie in ihrer Wohnung besucht oder gar Sex mit ihr gehabt.

Über anderthalb Jahre später, im Sommer 2009, als längst feststand, dass die DNA-Spuren von Kramer stammten, wurde der Geschäftsmann erneut vernommen. Wieder nur als Zeuge und nicht als Beschuldigter, denn theoretisch hätten die DNA-Spuren am Seil von einvernehmlichen Fesselspielen stammen können. Wieder bestritt Kramer, auch nur in der Wohnung von Yvonne G. gewesen zu sein, geschweige denn Sex mit ihr gehabt zu haben. Eine Aussage, die nicht zu den Spuren passte.

Doch erst im Frühjahr 2011 – mehr als drei Jahre nach dem Tod von Yvonne G. und nachdem die Presse den Fall aufgegriffen hatte - wurde Kramer als Beschuldigter vernommen. Er blieb bei seiner Aussage. Trotz der DNA-Spuren stellte die Behörde das Verfahren ein. "Ich habe das Gefühl, dass der Tod meiner Tochter nicht vor Gericht soll, weil sie viele gut situierte Liebhaber hatte, die als Zeugen in Betracht kämen", vermutete die Mutter von Yvonne G. damals.

Die Behörde weist den Vorwurf der Verschleppung zurück. "Die Verfahrensdauer kann natürlich nicht befriedigen", räumt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft ein. "Die sehr umfassenden kriminaltechnischen und rechtsmedizinischen Untersuchungen sowie die sonstigen Ermittlungen haben aufgrund der nicht uneingeschränkt verfügbaren Kapazitäten viel Zeit in Anspruch genommen."

Kramer bestreitet die Tat. Wenn die Anklage zugelassen wird, dürfte er sich demnächst vor Gericht verantworten. Die Mutter von Yvonne G. hofft nun endlich auf Klarheit. "Ich will wissen, was mit meinem Kind passiert ist."

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