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Ein Blick zurück nach vorn

Manchmal bringt ein Blick von außen Erkenntnisse, die aus der Binnensicht verborgen bleiben. So erging es stern-Autor Jochen Siemens, den ein Freund an alte Zeiten erinnerte.

  Vermummte Demonstranten am Samstag vor Weihnachten vor der "Roten Flora" im Hamburger Schanzenviertel

Vermummte Demonstranten am Samstag vor Weihnachten vor der "Roten Flora" im Hamburger Schanzenviertel

Ein Freund ist zu Besuch. Ein Hamburger, der seit 17 Jahren in Spanien lebt und Hamburg fast nur noch aus der Zeitung kennt. Es ist der erste Samstag 2014 und wir spazieren am Schlachthof und an der Sternschanze herum, schauen uns die neuen Väter und Mütter im Café Elbgold an, die neuen Bartmänner mit Hornbrillen an der Sternschanze und ich zeige ihm dieses Haus am Schulterblatt, das aussieht wie ein Müllhaufen und vor dem es nach Pisse stinkt, die Rote Flora. Muss man so sagen, denn es ist so. Es ist das Haus, um das es geht und von dem der Freund selbst in Spanien in der Zeitung gelesen hatte. Und vom Straßenkrieg in Hamburg. Und von der städtischen "Gefahrenzone" in der wir jetzt herumlaufen. Von Gefahr sehen wir nichts, aber wir sehen Polizisten, die in kleinen Gruppen an den Straßen stehen und jeden und alles beobachten. Ein paar hundert Meter weiter werden ein paar junge Menschen angehalten, wir sehen aus der Ferne, wie sie ihre Ausweise zeigen müssen und die Polizisten in ihren Umhängetaschen herumsuchen. Ausnahmezustand light, es geht alles gelassen zu, niemand wird festgenommen.

Müllhaufen Rote Flora

Dennoch ist die Luft nervös. Es ist nicht sehr kalt, aber wer sich einen Schal vor den Mund zieht, fällt auf. Wird länger angesehen als sonst, was auffällt, weil sich in Hamburg Fremde nie auf der Straße ansehen. Die Schanze ist Misstrauensland und irgendwo unter diesem Pflaster brodelt es. Das Irgendwo ist wichtig, denn der Zorn ist gleich verteilt. Bei denen, die nicht mitansehen wollen, wie auch hier jedes halbwegs bewohnbare alte Haus neuen Appartementblöcken mit den immergleichen Glasfronten und Schöner-wohnen-Balkon-Kulturen mit Topfbambus und sandfarbenen Stühlen weichen muss. Denen, die keine Balance zwischen Erneuerung und Erhalten finden und sich deshalb bockig jeder Erneuerung verweigern. Aber der Zorn ist auch woanders, weiter weg bei denen, die diese Straßen hier gar nicht kennen, die aber dicke Gewinne machen, wenn abgerissen und neu bebaut wird. Auch das sind Hamburger, die eine saubere Stadt wollen und die Rote Flora für einen Schandfleck halten, einen Müllhaufen, der saniert, planiert oder sonstwas gehört und an dessen Stelle ein Event-Theater, eine Shopping-Insel oder irgendetwas gehört, das so aussieht wie ein Apple-Store von innen. Zugegeben, jetzt sieht das Ding wirklich wie ein Müllhaufen aus, und was genau daran ein Kulturzentrum sein soll, ist schwer verstehbar.

Mehr noch, der Laden hat noch nicht einmal den Charme schwer erziehbarer Kinder, die mit Fingerfarben ihren Krieg führen und der Stadt täglich ein "Ätsch, wir bleiben anders" zurufen, was eine Stadt mit hanseatischer Gelassenheit wegstecken könnte. Nein, die Luft um die Flora ist steinig, fast alle Fensterscheiben der benachbarten Geschäfte sind oder waren kaputt, das Schulterblatt ist die einzige Straße in Hamburg, in der sich immer mehr Geschäfte mit Stahlrollos oder Gittern verbarrikadieren wie in der Bronx. Der Freund staunt. So war Hamburg vor 17 Jahren nicht. "Wie heißt der Bürgermeister nochmal?", fragt er. Olaf Scholz. "Und redet der mit denen?", der Freund zeigt auf die Flora. Nein. "Redet er überhaupt?" Ja, jetzt am Wochenende mit Wirtschaftsvertretern über die Stadt. Über den Hafen. Die Elbvertiefung. Am Montag soll eines der größten Containerschiffe der Welt versuchen, in den Hafen zu kommen. Heimlich. Sowas interessiert den Bürgermeister. Muss ihn auch interessieren. "Aber das hier muss ihn auch interssieren", sagt der Freund. Und dann fragt er: "Und was sagt Dohnanyi, der Bürgermeister von früher?"

Damals war's die Hafenstraße

Der sagt nichts. Aber die Frage war gut, denn wer schon lange in Hamburg lebt, kennt noch den anderen Bürgerkrieg aus den 80er Jahren. Den Krieg um die Häuser an der Hafensstrasse. Verglichen mit den Bildern von damals, 1987, sieht die Schanze wie ein Spielplatz aus. Damals sollten nach jahrelangen Krawallen die drei bunt bemalten Häuser an der Hafenstrasse geräumt werden und Polizei und Besetzer rüsteten sich wie zur letzten Schlacht. Die Barrikaden waren meterhoch, es wurden Bauwagen und Bagger geklaut, die Häuser wurden mit Stacheldraht umwickelt, aus den Häusern sendete ein Kriegssender, es brannte jede Nacht irgendwo, tausende Polizisten und MEKler waren auf der einen Seite, tausende Bewohner, Freunde und "Vermummte" auf der anderen Seite. St. Pauli sah aus wie ein Heereslager im Mittelalter.

Und dann, fünf Minuten vor der Räumung, sagte der Bürgermeister den Krieg ab. Persönlich, mit eigenen Worten. Er gab den Besetzern sein "Ehrenwort", einen Pachtvertrag für die Häuser anzubieten, er hängte sein Amt an dieses Ehrenwort. Es war für einen Moment ganz still in der Schlagstock- und Wasserwerfer-Stadt. Jeder hielt den Atem an. Auch in der Hafenstraße, denn auf einmal waren sie an der Reihe. Der Sex, Widerstandsbewohner zu sein, war dahin. Nun waren sie Bewohner mit Vertrag. Saubermachen, Heizkostenabrechnung, feuchte Keller, wer bringt den Müll raus - Dohnanyi hatte sie beim kriegerischen Wort genommen und sie über Nacht zu ihren eigenen Hausmeistern gemacht und listig Bewohner von Krawallos getrennt. Die reisten dann auch gelangweilt wieder ab. Das reiche Hamburg stampfte damals mit dem Fuß, wie kann man denn solchen Chaoten und so weiter.

1987 löste man den Konflikt gewaltfrei

Der damalige Bundespräsident Richard von Weizäcker rief Dohnanyi im Rathaus an und gratulierte, auch in Bonn hatte man den Atem angehalten. Klaus von Dohnanyi sagte später einen weisen Satz: "Zur Sicherung des zukünftigen Friedens, also der bleibenden Fähigkeit, Konflikte gewaltfrei zu lösen, sind uns gerade diejenigen unentbehrlich, die das geltende Recht infrage stellen." Ein Satz, den man ein wenig betrachten muss, um ihn in seiner Größe zu verstehen. "Weißt du das noch?", fragt der Freund, mit dem ich damals an diesem Tag hinter einer Polizeibarrikade in der Hafenstraße war.

Bürgermeister Olaf Scholz macht in diesen Krawallwochen in Hamburg nichts. Er lässt machen. Man sah ihn in den vergangenen Wochen bei den GroKo-Verhandlungen in Berlin, man sah ihn oft im ICE nach oder von Berlin, und seine Senatoren versichern bei jeder "Gefahrenzone" und bei jedem Großeinsatz, dass alles geltendes Recht sei. Mag sein. Auch die unendlichen Stahl- und Glaspaläste in der Hamburger Innenstadt sind geltendes Recht, selbst die desaströse Elbphilharmonie ist rechtens. Mag auch sein. Eine Weltstadt muss sich etwas leisten können. "Aber sie sollte sich mal wieder einen Bürgermeister leisten", sagt der Freund, als wir aus der Elbe-Bronx herausspazieren.

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