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Der tragische Irrtum zweier Auftragskiller

Cardiff, Wales. An einer Kreuzung hält ein Auto mit zwei Männern. Die beiden sind Auftragskiller - doch sie wählen die falsche Straße. Am Ende stirbt ein unbeteiligter Teenager. Wie geht es dem, der überlebt hat?

Von Raphael Geiger

Die Kreuzung, an der sich das Schicksal des 17-jährigen Aamir Siddiqi entschied

Die Kreuzung, an der sich das Schicksal des 17-jährigen Aamir Siddiqi entschied

Am Ende seines Lebens wartet Aamir Siddiqi, 17, auf den Koranlehrer. Er ist bei seinen Eltern, in einem Rotklinkerhaus in Cardiff, Wales, 110 Ninian Road. Sie haben gute Laune, es ist ein sonniger Sonntag Anfang April 2010, nebenan im Park gehen die Leute spazieren, der Frühling beginnt.

Es ist zwanzig vor zwei, als es an der Tür klingelt. "Machst du auf?", fragt die Mutter Aamir. Sie hat durchs Fenster jemanden mit einer schwarzen Kapuze gesehen. Sie denkt, es müsse der Imam sein. 

Aamir öffnet die Tür. Sofort stechen zwei Männer auf ihn ein. Sie tragen Sturmmasken und brüllen wie Tiere, sie treffen Aamir in die Brust und den Hals, schnell geht der Junge zu Boden. Seine Eltern laufen herbei, auch auf sie stechen die Männer ein. Aamirs Vater versucht, einen von ihnen gegen die Wand zu drücken, der ist zu stark, er reißt sich los, dann flüchten die beiden. 

"Noch nie solch ein Schreien gehört"

Aus einem Zimmer ragen Aamirs Füße in den Flur. Der Junge ist leblos, er hat keinen Puls mehr. Die Mutter läuft auf die Straße, sie stammelt zwei Worte. "Help", Hilfe, "stab", Messerstich. 

Später stehen Polizeiwagen vor dem Haus, drinnen versuchen Sanitäter, Aamir wiederzubeleben. Alle hören die Schreie der Mutter. Einer der Polizisten sagt: "Solch ein Schreien habe ich noch nie gehört."

Und alle fragen sich: Warum wollte jemand diesen Jungen töten?

Sehr geehrter Herr Tanhai,

wenn Sie diesen Brief weglegen, dann ist das Ihr gutes Recht. Aber als ich von dem Fall Ihres zu Tode gekommenen Nachbarn gehört habe, dachte ich: Wie muss es Ihnen gehen, dem Mann, den die Verbrecher eigentlich hätten umbringen sollen? Ich habe mich gefragt, wie es mir gehen würde, wenn ich wüsste, dass ich eigentlich nur noch aus Zufall lebe. Ich würde mich sehr freuen, wenn ich mit Ihnen reden dürfte.

Mit freundlichen Grüßen,

Raphael Geiger, stern-Reporter

Auftragskiller hatten sich in der Tür geirrt

Mohammed Tanhai sitzt vor dem Kamin, macht Feuer. Ein Raum mit einem alten Holzboden, Sofas, in die man tief einsinkt, an der Wand persische Teppiche. Tanhai hat graues lockiges Haar, ein volles Gesicht, er trägt einen Wollpulli. Er ist Anfang 50, er ist arbeitslos. Wie er da vor dem Kamin kniet, spricht er ganz langsam, seine Stimme ist dunkel. 

Warum wollte man Sie töten?

Geld. Ich sollte diesem Kriminellen 50.000 Pfund zurückzahlen, aber die hatte ich nicht.

Jeden Tag weiß Tanhai, dass er tot sein sollte. Dass er nur lebt, weil für ihn ein Junge aus der Nachbarstraße gestorben ist. Weil sich zwei Auftragskiller in der Tür geirrt haben. 

Sind Sie paranoid geworden?

Anfangs ja. Es hat ein Jahr gedauert, bis ich die Balance gefunden habe: nicht unvorsichtig sein, aber auch nicht übervorsichtig. Wenn man überall nur Gefahr wittert, wird man unausstehlich.

Morgens um sieben ging er mit dem Hund in den Park, da kamen ihm zwei junge Männer entgegen. Er sah sie an, suchte nach etwas, was sie unverdächtig machte. Ein Notizblock: gut, wahrscheinlich Studenten. Keine Auftragskiller. 

Er versuchte, sich nicht zu fürchten

Mittags fuhr er zur Schule, holte die Kinder ab. Er sah in den Rückspiegel. Warum folgte ihm das Auto? Er versuchte, sich nicht zu fürchten. Nicht unausstehlich werden, sagte er sich. Irgendwann bog das Auto ab.

Mal wünscht er sich das alte Leben zurück. Dann sagt er sich: Vergiss es, finde dich ab. Tanhais Leben wird für immer geprägt sein von diesem Tag, als zwei Männer mit dem Auftrag losfuhren, ihn umzubringen. Wie geht er damit um?

Das Opfer war ein Freund der Familie

Es war vor einigen Jahren, Aamir Siddiqi und Luke, der Sohn der Tanhais, waren noch klein. Aamir kam oft zu den Tanhais. Es trennte sie nur der Kreisverkehr, in der Ninian Road wohnten die Siddiqis und in der Fairoak Road die Tanhais. Ein beschauliches Viertel, gut für Kinder.

Ein unschuldiger Teenager wurde Opfer eines Auftragsmordes

Aamir Siddiq: Der unschuldige Teenager wurde Opfer eines Auftragsmordes

Aamirs Familie sei religiös gewesen, sagt Tanhai. Im Gegensatz zu ihm, der aus dem Iran stammt und Muslim sein sollte, wie er sagt, aber mit einer Christin verheiratet ist. Der die Moschee meidet und Whiskey trinkt, denn Gott brauche nicht nur welche für den Himmel, es müsse ja auch die Hölle voll werden.

Die Tragödie begann mit dem Tod von Tanhais Sohn

Das Leben entglitt ihm an dem Tag, an dem sein Sohn Luke starb. Ein Autounfall. Mehr will Tanhai darüber nicht erzählen. Luke war 13. An dem Tag, an dem er starb, begann die Tragödie. Die Tragödie zweier Familien.

Fehlt Ihnen Luke noch immer?

Ja. Aber wissen Sie, auf gewisse Weise hat uns der Tod von Luke stärker gemacht. Vielleicht wären wir mit allem, was später passierte, sonst gar nicht klargekommen.

Wie meinen Sie das?

Ich kenne das Gefühl, wenn der Tod ganz nah ist. Das macht einen weiser. Früher hatte ich Sorgen wegen alltäglicher Dinge. Vor allem wegen Geld, der Hypothek. Junge Menschen haben vielleicht Angst davor, den Job zu verlieren. Sie haben Angst vor ernsten Situationen. Ich nicht. Ich bin entspannter.

Die Familie zog um

Nach dem Unfall ihres Kindes waren die Tanhais wie gelähmt. Eine Weile konnten sie nicht arbeiten. Sie kamen in Geldnot. Und sie fanden, dass sie nicht länger in dem Haus wohnen konnten. Alles erinnerte sie an ihren Sohn. Sie wollten nicht an der Trauer ersticken, sie wollten weitermachen.

So kauften sie ein anderes, ein kleineres Haus, 85 Shirley Road, eine Parallelstraße zur Ninian Road, wo die Siddiqis wohnen. Die Straßen ähneln sich. Reihenhäuser, Doppelhäuser, alles Rotklinkerfassaden. Es ist das Haus, das die Auftragskiller später mit Aamirs Haus verwechseln.

  Im linken Haus wohnte Aamir Siddiqi, der ermordet wurde. Eigentlich wollten die Killer aber zum rechten Haus.

Im linken Haus wohnte Aamir Siddiqi, der ermordet wurde. Eigentlich wollten die Killer aber zum rechten Haus.


Sie wollten das alte Haus loswerden - aber wie?

Den Tanhais fiel es schwer, ihr altes Haus loszuwerden. Sie zahlten zwei Hypotheken ab und waren schon im Verzug, lange würde die Bank das nicht mehr mitmachen, es eilte. Sie beauftragten einen Makler, aber auch der fand keinen Käufer.

Dann stellte ihnen einer ihrer Söhne einen Mann vor, der vorgab, er sei an dem Haus interessiert. Sein Nachname beginnt mit E.

280.000 Pfund, sagte Tanhai. 

E. war einverstanden, unter der Bedingung, dass Tanhai das Haus sofort vom Markt nehme, schon vor dem Kaufvertrag, er würde die ersten Raten bar zahlen. Tanhai war dankbar. Es ging schnell. Hätte er vorsichtiger sein sollen?

Der Käufer: Ein Drogendealer aus Dubai 

Meistens fuhr E., Anfang 30, in einem Porsche Cayenne durch die Stadt. Sonst auch mal im Audi TT. Von einem "verschwenderischen Lebensstil" sprach später das Gericht. Er stammte aus Dubai, aber die meiste Zeit hatte er in Cardiff gelebt. Beruf: Geschäftsmann, genauer: Drogendealer. Ein Spieler. Einer, der sich nahm, was er kriegen konnte. 

Hätte Tanhai misstrauisch werden müssen? Hätte er merken müssen, dass E. unseriös ist, als er das Geld immer nur in bar bekam?

War Tanhai zu naiv?

Vielleicht ist Tanhai einer dieser Menschen, die so rechtschaffen durchs Leben gehen, dass sie auch in anderen nur das Gute sehen. Und nicht merken, dass sie nicht nur gutgläubig sind, sondern naiv.

Wie haben Sie sich in der Zeit verändert?

Eigentlich bin ich ein lustiger Mensch, und das bin ich geblieben. Ich mache gern Sprüche. Jetzt trinke ich noch mehr und lache noch mehr. Aber ich bin auch vorsichtiger geworden. Misstrauischer. Ich habe viele Freunde verloren. Der Kontakt ist einfach abgebrochen, weil es in meinem Leben nur noch um dieses eine Thema ging: den Hausverkauf und diese dubiosen Typen. Das hielten die meisten Freundschaften nicht aus. Irgendwann blieb ich lieber zu Hause. 

Sie wollten das alles mit sich selbst ausmachen?

Ich habe eine Familie. Vier Kinder, das älteste ist 28, das jüngste in der Pubertät. Inzwischen haben wir Enkel. Wir sind mehr zusammen jetzt. Unser ältester Sohn kommt fast jeden Sonntag zum Essen. Freunde sind verschwunden, aber in der Familie sind wir enger geworden.

Tanhai stellte ein Ultimatum

E. zahlte stets nur Raten. Mal 10.000 Pfund. Dann 5000. Wie lange sollte das weitergehen? Nach zwei Jahren hatte Tanhai 50.000 Pfund bekommen. Das Geld hatte er ausgegeben. Rechnungen, Hypotheken. 

Er stellte ein Ultimatum. Den ganzen Kaufpreis sofort, oder er werde das Haus an jemand anderen verkaufen. Gut, sagte E., verkauf es, aber nur, wenn ich sofort das Geld zurückbekomme. Es waren wohl Einnahmen aus Drogengeschäften, die E. bei Tanhai reinwaschen wollte. An dem Haus war er nie interessiert. 

Er hatte es mit einem Verbrecher zu tun

Tanhai sagte, er habe das Geld nicht mehr. Er bat um Zeit, erst müsse er das Haus verkaufen, dann könne er zurückzahlen. Er sagt, er habe erst an dem Punkt begriffen: dass E. ein Verbrecher war.

Nach Aamir Siddiqis Tod sprachen die Freunde von einem Jungen, der "keiner Fliege etwas zuleide tun konnte", von einem "gewissenhaften Koranschüler", einem "Jungen mit außergewöhnlichem Gedächtnis". 

Die Familien brachen den Kontakt ab

Im Kricketklub nannten sie ihn "ein Geschenk für seine Eltern", einen höflichen Jungen, der vom nächsten Semester an einen Studienplatz gehabt hätte, Jura an der Uni von Cardiff. In der Schule schrieb er Einsen. Seine Eltern sagten, ihnen sei früh aufgefallen, dass Aamir "ein besonderes Kind“ war. Sie hätten, sagten sie, in den letzten Jahren nur noch für ihn gelebt.

Herr Tanhai, haben Sie noch einmal mit den Siddiqis gesprochen?

Direkt danach. Einfach, weil wir es richtig fanden. Wir haben ihnen gesagt, dass wir nachvollziehen können, was sie durchmachen, dass wir wissen, wie es ist, wenn man ein Kind verliert. 

Und seitdem?

Seitdem haben wir keinen Kontakt mehr. Wir könnten einander doch sehr leicht verletzen oder zumindest aufwühlen. Da wäre immer etwas zwischen uns. 

Tanhai wurde ein anderer Mensch

Die Siddiqis sind weggezogen. Es heißt, sie seien noch religiöser geworden, ganz fromm, um auszuhalten, was man kaum aushalten kann. 

Nachdem Mohammed Ali Tanhai mit E. gesprochen hatte, fragte er sich: Wie sollte man derselbe bleiben, wenn ständig Männer in der Tür stehen, die einen einschüchtern wollen? 

Immer wieder schickte E. Typen vorbei, die das Geld forderten. Tanhais Frau sagt, damals habe es begonnen, dass Mohammed "ein anderer Mann" wurde. Einer, der den Menschen genauer in die Augen schaute, um sie einzuschätzen: guter Mensch, schlechter Mensch? 

Auch die Polizei war überfordert

Bis heute öffnet er nicht einfach die Tür. Er sieht sich die Leute an. Zwei jungen Männern, die er nicht kennt, macht er nicht auf. Er sagt, er hätte wahrscheinlich auch dem Reporter nicht geöffnet, wenn ein zweiter Mann, ein Fotograf zum Beispiel, dabei gewesen wäre. Er achtet auf den Blick der Menschen. Er hat nicht vergessen, wie die Leute blickten, die ihn damals einschüchterten.

Haben Sie überlegt, wegzuziehen?

Die Polizei hat uns einmal in ein anderes Haus verlegt, das sie "safe house" nannten, dabei war es einfach ein normales Haus in einem anderen Ort. Da fanden wir es nicht sicherer als hier, wo die Nachbarn uns kennen und wir uns auskennen. Die Polizei war auch überfordert mit der Situation, die hatten bislang im Zeugenschutzprogramm Einzelne oder Paare, nie eine Großfamilie.

Denken Sie heute manchmal: Eigentlich bin ich zu leichtsinnig?

Vor ein paar Tagen standen fünf Männer vor der Tür. Meine Frau dachte: Fünf, das ist viel, und der Ältere sah beruhigend aus. Dann fragten die, ob hier Muslime lebten, und meine Frau rief mich: Mohammed, bist du Muslim? Das ist immer so ein Scherz zwischen uns. Ich hab geantwortet: Nein, ich bin kochen. Es stellte sich heraus, dass sie mich zu einem Gespräch in die Moschee einladen wollten. Ganz harmlos, aber ja, wir haben geöffnet, und es hätte etwas passieren können. 

Plötzlich stand E. vor der Tür

Es war an einem Abend, als es klingelte und E. in der Tür stand. Er schlug sofort auf Tanhai ein. Ein weiterer Mann sprühte ihm etwas ins Gesicht, wahrscheinlich Pfefferspray. Tanhais Augen brannten, er konnte nichts mehr sehen. Seine Kinder mussten mit ansehen, wie er zu Boden ging, wie die Männer auf ihn eintraten.

Tanhai sagt, das sei es gewesen, was ihn am traurigsten gemacht habe: dass er seinen Kindern kein guter, starker Vater mehr sein konnte. Er wollte sie raushalten, aber er konnte nicht mal mehr auf sich selbst aufpassen. Ein Krankenwagen brachte ihn in die Klinik, aber Tanhai wollte dort nicht bleiben. Er entließ sich selbst aus dem Krankenhaus und fuhr nach Hause zu seiner Familie.

Seine Kinder gaben ihm Kraft

Wie ging es Ihren Kindern?

Die hat das alles traumatisiert. Dass sie damals mit niemandem über den Umzug sprechen durften, niemandem etwas verraten, nicht mal guten Freunden oder ihren Großeltern. Gleichzeitig waren es die Kinder, die uns die Kraft gaben, das alles durchzustehen. Die Kinder haben uns daran erinnert, dass erst einmal nur der morgige Tag wichtig ist. 

Hätte womöglich eines Ihrer Kinder den Auftragskillern geöffnet?

Das ist der schlimmste Gedanke. Wenn sie die richtige Tür gefunden hätten, hätte es jeden von uns treffen können.

Zweimal 1000 Pfund für einen Mord

Am Tag vor dem Auftragsmord hatte sich E. mit den beiden Killern im Park getroffen. Er hatte seine Kinder dabei, damit es unauffälliger wirkte. Die Killer waren Bekannte aus dem Drogenmilieu. Ben Hope und Jason Richards, beide Mitte 30. Hope war wegen eines Raubüberfalls verurteilt worden, mit Richards teilte er sich die Zelle.

Zurück in Freiheit, kamen sie nicht los von ihrer Sucht nach Heroin. Sie waren Junkies, die Geld brauchten. Dafür klaute Hope in Geschäften. Dafür standen sie an diesem Tag im Park und hörten dem Mann zu, der jedem von ihnen 1000 Pfund versprach. Zweimal 1000 Pfund für einen Mord.

In einem gestohlenen Volvo XC90 fuhren Hope und Richards, beide auf Heroin, in Tanhais Viertel. Zuerst machten sie eine Erkundungsfahrt. Dann fuhren sie zurück, jetzt wollten sie bei Tanhai klingeln. Aber sie irrten sich in der Straße.

Die Killer: Jason Richards und Ben Hope

Die Killer: Jason Richards und Ben Hope wurden zu mindestens 40 Jahren Haft verurteilt

Die Killer bogen eine Straße zu früh ab

Es ist der Kreisverkehr, über den Aamir Siddiqi immer lief, wenn er zu den Tanhais wollte, zu seinem Freund Luke. Hope und Richards fuhren nicht in die Shirley Road, sie bogen eine Straße zu früh ab, in die Ninian Road. Eines der ersten Häuser auf der rechten Seite der Ninian Road ist die Nummer 110. Hier leben die Siddiqis.

Es ist ein Rotklinkerhaus mit einem Erker auf der rechten Seite. Es sieht neu aus. Das Haus, in dem Tanhai wohnt, eines der ersten auf der rechten Seite der Shirley Road, ist auch ein Rotklinkerhaus. Tanhais Haus sieht älter aus, der Erker ist auf der linken Seite. 

Ein völlig unbeteiligter Junge muss sterben

Einige Minuten nachdem Hope und Richards geklingelt haben, liegt Aamir am Boden, die Mutter ist auf die Straße gestürmt, hat einen Passanten um Hilfe gebeten. Sanitäter bringen Aamir ins Krankenhaus. Es ist sinnlos.

Aamir, der nichts zu tun hatte mit E., Richards und Hope, der Tanhai nur von früher kannte und nichts wusste von den Schulden, ein völlig unbeteiligter Junge – er ist tot.

"Ich will den teuersten Computer, den Sie haben"

Noch am selben Tag gibt E. Hope und Richards jeweils einen Umschlag, darin 50 Scheine à 20 Pfund. Hope will das Geld gleich ausgeben. In einem Laden kauft er ein Paar Turnschuhe, Socken und ein Portemonnaie. Danach nimmt er sich ein Taxi, zu PC World. Dort sagt er dem Taxifahrer, er solle draußen warten, dann läuft er ins Geschäft. Er spricht einen Verkäufer an. "Ich will den teuersten Laptop, den ihr habt", sagt er.

Der Verkäufer zeigt ihm einen Laptop für 1000 Pfund. Den kann Hope sich wegen der Turnschuhe nicht mehr leisten. Schließlich kauft er einen für 699 Pfund. Der Verkäufer erinnert sich später, dass Hope nichts über den Computer wissen wollte, keine einzige Frage stellte und dass er in bar bezahlte. Gefragt, wie er heiße, antwortet Hope: "Smith."

Darf ich mich freuen, dass ich überlebt habe? 

Zwei Tage später besucht Hope ein Pfandhaus. Er hat kein Geld mehr und braucht Heroin. Er verpfändet den Laptop für 200 Pfund. Die Polizei überführt ihn und seinen Partner Richards später anhand von Blut, das von Aamir stammt und das sich in dem gestohlenen Volvo und auf einem Pullover befindet, zusammen mit Fingerabdrücken und DNA der Täter. 

Immer wieder dieser Gedanke: Ist es ungerecht, dass Aamir gestorben ist, damit ich, Mohammed, lebe?

Was hätte dieser Junge die nächsten Jahre gemacht, wenn man ihn nicht umgebracht hätte? In wen hätte er sich verliebt? Hätte er Kinder bekommen? Kann ich mich jemals bei Aamirs Eltern entschuldigen? Wie sollte ich das tun? Gibt es Worte des Trostes dafür, dass ich auf ihrem Sofa sitze statt Aamir?

Darf ich mich freuen, dass ich überlebt habe? 

40 Jahre Haft für die Mörder

Tanhai sagt, er sei nach dem Mord an Aamir zum ersten Mal richtig froh gewesen, nicht älter zu sein. Vielleicht blieben ihm noch viele Jahre.

Vor Gericht schoben sich Aamirs Mörder gegenseitig die Schuld zu. Der Richter verurteilte sie zu mindestens 40 Jahren Haft. 

Der Mann, der die beiden mit dem Mord beauftragt hatte, entkam nach Indien, ins Heimatland seiner Mutter. Er verkleidete sich, trug Perücken, trotzdem scheiterte auch seine Flucht. Er ging der indischen Polizei ins Netz.

Er hängt am Leben

Tanhai sagt nach zwei Stunden Gespräch, dass es auf manche Fragen im Leben keine Antwort gebe. Dass man sich manchmal abfinden müsse. Abschließen mit einem Lebensabschnitt – und gnädig mit sich selbst sein.

Mohammed Tanhai, ein Mensch, der Dinge falsch gemacht hat. Der indirekt den Tod von Aamir Siddiqi mitverschuldet hat. Er sagt, dass er Glück hatte, ja. Und ja, er mache sich Vorwürfe. Aber am Ende ist die Wahrheit doch einfach: Natürlich hängt er an sich selbst mehr als an einem Jungen aus der Nachbarschaft.

Tanhai freut sich jetzt auf sein Leben.


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