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Missbrauch in gutem Hause

Die Mutter, eine Journalistin, stellt ihren Gesprächspartnern Erziehungsfragen. Zu Hause missbraucht ihr Lebensgefährte die Tochter - bis die Zwölfjährige versucht, sich das Leben zu nehmen. Nun ist die Mutter angeklagt, und der leibliche Vater will Schadenersatz von der Stadt Frankfurt.

Von Kerstin Schneider

Das Kind stürzt 16 Meter tief. Schlägt auf die Pflastersteine im Hof. Ein Polizist, der zufällig vorbei kommt, sieht das Mädchen in der Einfahrt des Mehrfamilienhauses liegen. Arme und Beine sind verdreht, der Atem ist flach. Über Handy alarmiert der Polizist den Rettungswagen. Dann deckt er das Kind mit seiner Jacke zu. Es nieselt an diesem Samstagmorgen im Juli 2004.

Während der Notarzt um das Leben des Kindes kämpft, klingelt der Polizist überall im Haus, um die Mutter zu finden. Kurz darauf identifiziert Dr. Rita Meyer* ihre zwölfjährige Tochter Lara* im Rettungswagen. Das Kind ist aus dem Badezimmerfenster im fünften Stock gesprungen.

Die Schamlippe geschwollen, die Scheide gerötet

Lara schwebt in Lebensgefahr, muss sofort operiert werden. Ihre Leistenschlagader ist verletzt, ein Lungenflügel eingefallen. Unter der Schädeldecke drückt ein Hämatom auf ihr Gehirn. Mehrere Wirbel, rechter Oberschenkel, linke Rippe, Scham-, Kreuz- und Fersenbein sind gebrochen. Als Lara in der Frankfurter Uniklinik auf dem Röntgentisch liegt, stutzt der Notfallchirurg. Ihre Schamlippe ist geschwollen, die Scheide gerötet. Das Kind hat Abschürfungen an den Genitalien. An den Innenseiten beider Oberschenkel, auf Rücken und Gesäß, sind striemenartige blaue Flecken zu sehen. Der Notarzt tut etwas, das er in 25. Dienstjahren bisher nur einmal gemacht hat: Noch im OP alarmiert er den Gerichtsmediziner und eine Gynäkologin. Sein Verdacht: Lara ist sexuell missbraucht und geschlagen worden.

Warum sich ihre Tochter umbringen wollte, fragt ein Polizist Rita Meyer im Krankenhaus. Dr. Meyer, die völlig aufgelöst ist, wie ein Polizist protokolliert, "senkt den Kopf und schweigt". Nach einer Weile schaut sie auf, sagt, dass sie "in der Erziehung wohl einiges falsch" gemacht habe. Sie hätte mit Lara über "Lügen und schlechte Noten" gestritten. Der Streit sei "eskaliert". Mit der rechten Hand habe sie ihrem Kind "sieben bis acht Schläge auf das Gesäß" gegeben. Da ihre Tochter "schnell blaue Flecken" bekäme, könne "man etwas sehen". Wieder sieht Rita Meyer zu Boden, kann dem Polizisten, "nicht in die Augen schauen".

"Person mit hoher Beschwerdegewalt"

Dr. Rita Meyer, damals 37, ist, wie es im Behördenjargon heißt, eine "Person mit hoher Beschwerdegewalt". Die promovierte Philosophin arbeitet als stellvertretende Ressortleiterin bei einer großen Tageszeitung, die viele prominente Leser hat. Nachdem sie eine Zeitlang die Kinderseite redigiert hat, jettet Rita Meyer um die Welt, trifft Prominente wie den US-Schauspieler Robert Redford, berühmte Schriftsteller wie Umberto Eco und John Irving, den bekannten Maler Jörg Immendorf oder AC/DC-Gitarrist Agnus Young zum Interview.

Gern flicht die Redakteurin Erziehungsfragen ins Gespräch. "Wie sieht die ideale Mutter aus", will sie von der damaligen Familienministerin Renate Schmidt wissen. "Worauf legen Sie in der Erziehung wert?", fragt sie Kaiser Ur-Ur-Enkel Philipp von Preußen. "Hat Sie Ihr mäßiges Zeugnis kein bisschen schockiert?", provoziert sie Edmund Stoiber. Rita Meyer schreibt über Gewalt gegen Kinder ("Geprügelte Kinder prügeln selbst") und zitiert die damalige Justizministerin Däubler-Gmelin mit den Worten: "Dieses Recht der Kinder auf eine gewaltfreie Erziehung ist eigentlich eine pure Selbstverständlichkeit."

Anklage gegen die Journalistin erhoben

Ende Dezember hat die Staatsanwaltschaft Frankfurt Anklage erhoben gegen die Journalistin, die so engagiert über Erziehungsthemen schrieb. Dr. Rita Meyer soll die Fürsorge- und Erziehungspflicht gegenüber ihren beiden Töchtern gröblich verletzt haben. Eine Straftat, die mit drei Jahren Gefängnis oder Geldstrafe geahndet wird. Ihr Lebensgefährte Hamid Reza T. ist bereits im Mai 2005 vom Landgericht Frankfurt zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Nach Überzeugung des Gerichts hat der Iraner Lara am Nachmittag vor ihrem Selbstmordversuch oder in den frühen Morgenstunden - während ihre Mutter und Schwester schliefen - im Badezimmer oral missbraucht. Das Urteil ist inzwischen rechtskräftig.

Jetzt will Laras leiblicher Vater Cyrus S. die Stadt Frankfurt auf Schmerzensgeld verklagen. Ein Zivilprozess, der Seltenheitswert haben dürfte. "Es wäre ganz einfach gewesen, Lara zu retten, hätte nur jemand von diesen professionellen Kinderschützern ein wenig Mut gehabt", sagt der Arzt. "Nach der Katastrophe haben die Behörden versucht, meine Tochter von mir zu trennen, um die ganze Sache zu vertuschen. Ich habe diese herzlose Wegschau-Mentalität zu genüge kennen gelernt und empfinde es als meine Pflicht dagegen vorzugehen."

*)Namen von der Redaktion geändert

Tatsächlich hatten sowohl das Jugendamt also auch das Familiengericht acht Monate, bevor sich das Mädchen aus dem Fenster stürzte, Hinweise darauf, dass Lara und ihre Schwester bei ihrer Mutter offenbar nicht gut aufgehoben waren. Der Fall zeigt, wie zögerlich Polizisten, Lehrer, Ärzte, Jugendamtsmitarbeiter und Richter reagieren, wenn sich der Verdacht nicht gegen eine so genannte "Unterschichten-Familie" richtet.

Als Lara versucht, sich umzubringen, lebt ihre Mutter seit anderthalb Jahren von ihrem Vater, dem Arzt Dr. Cyrus S., getrennt. Lara ist das gemeinsame Kind des Ehepaares. Ihre 14-jährige Halbschwester Anna* stammt aus einer früheren Beziehung der Mutter. Cyrus S. hat das Mädchen aufgezogen. Doch nach der Trennung lässt Rita Meyer ihrem Mann per Anwaltsschreiben jeglichen Kontakt zu den Kindern verbieten. Weil eine Kinderpsychologin ihm geraten hat, "sich zurückzuhalten und den Kontakt nicht zu erzwingen", hält sich Cyrus S. "schweren Herzens" an das Verbot.

Rita Meyer hat seit einiger Zeit einen neuen Freund, den Iraner Hamid Reza T. Er nennt sich "Dariuzs", rühmt sich der Freundschaft zu Marcel Reich-Ranicki und Michel Friedmann, gibt sich als Kameramann und Religionswissenschaftler aus. In Wirklichkeit führt Hamid Reza T. - wie sich später heraus stellt - zehn Namen, hat nie studiert, sondern war nur kurze Zeit auf einer Metallfachschule für Kfz-Mechaniker. Reich-Ranicki und Friedmann kennt er allenfalls aus dem Fernsehen.

"Dramatische Wende im Wesen"

Seitdem Rita Meyer mit Hamid Reza T. zusammen ist, beobachtet eine befreundete Kollegin eine "dramatische Wende im Wesen" von Rita Meyer, wie sie später vor Gericht aussagt. Rita Meyer, die Kollegen und Freunde bis dahin immer als "liebevolle Mutter" erlebt hatten, die ihren Töchtern "aus fast jeder Mittagspause Stofftiere mitbrachte", spricht plötzlich abfällig über ihre Kinder. "Sie sagte, Lara und Anna seien verstockt und schlecht erzogen. Gemeinsam mit ihrem neuen Freund wolle sie sich jetzt einer ordentlichen Erziehung widmen." Als die Kollegin nachhakt, was Rita Meyer unter einer 'ordentlichen Erziehung' verstehe, antwortet die Philosophin, ihre Töchter sollten "wahrhaftiger" werden - so wie ihr neuer Freund, der "immer die Wahrheit sagen würde, egal, wie schmerzhaft sie sei."

Im Frühjahr 2003, drei Monate nach der Trennung von ihrem Mann, interviewt Rita Meyer den italienischen Komiker Roberto Benigni.

Frage: "Wann ist ein Kind schlecht erzogen?" Antwort: "Kinder brauchen Menschen, die Nein sagen... verzogene Kinder...sind das Schlimmste auf der Welt. Sie sind gefährlich und pervers."

"Das Kind zitterte am ganzen Leib"

Kurz darauf steht Lara um fünf Uhr morgens bei ihrer besten Freundin Maja mit einem schweren Koffer vor der Tür. Das Kind "war völlig aufgelöst, weinte bitterlich und zitterte am ganzen Leib", erinnert sich Majas Mutter später vor Gericht. "Sie sagte, sie sei von zu Hause weg gelaufen, weil sie dort nicht mehr leben könne." Unter Schluchzen habe Lara berichtet, dass sie "von ihrer Mutter gezwungen würde zu schreiben, dass sie und ihr Vater schlecht und böse seien. Sie würde nichts zu essen bekommen, dürfe nicht in die Schule gehen, bis sie genug Schlechtes über ihren Vater geschrieben habe." Als Dr. Meyer auf der Suche nach ihrer Tochter kurz darauf angerufen habe, sei Lara "wie elektrisiert" gewesen. "Sie nahm sofort ihren Koffer, traute sich nicht mal, die Karte mit der Nummer des Kindernotdienstes anzunehmen." Mayas Eltern unternehmen nichts.

Kurz darauf fliegt Rita Meyer nach England, um die Bestsellerautorin Fay Weldon ("Die Teufelin") zu treffen. Ihre Töchter überlässt sie ihrem Freund, der keinen festen Job hat. Im Landhaus der Autorin plaudert Dr. Meyer bei Tee und Früchtekuchen mit der Schriftstellerin über Emanzipation und Kindererziehung.

Frage: "Wie haben Sie die Mutter-Falle vermieden?" Antwort: "Ich habe entschieden, eine schlechte Mutter zu sein.... Die Aufgabe eines Kindes ist es, seine Mutter auszusaugen, auszuwringen, ihr jedes Quäntchen Kraft zu rauben.... Die Gesellschaft erlaubt Dir nicht, eine schlechte Mutter zu sein."

Die befreundete Kollegin wundert sich, wie negativ Rita Meyer plötzlich ihre Mutterrolle sieht. "Sie lästerte über 'Spielplatzglucken', sagte, Kinder seien 'Blutsauer, Monster, kleine Terroristen'."

*)Namen von der Redaktion geändert

Als das Interview mit Weldon im Herbst 2003 erscheint, fehlt Laras Halbschwester Anna schon seit Wochen in der Schule. Dr. Meyer entschuldigt ihre Tochter mit einer Lungenentzündung. Ein Attest reicht sie - trotz Aufforderung - nicht ein. Als Anna nach elf Wochen wieder zum Unterricht erscheint, ist sie so abgemagert, dass sie kaum laufen kann. Ihre rechte Gesichtshälfte ist geschwollen. Sie hat ein blaues Auge. Ein Eckzahn ist abgesplittert, die Nase verformt, so als sei sie gebrochen. Die Lehrer sind zwar schockiert, unternehmen aber nichts. Später wird der Direktor sagen: "Wenn man weiß, ein Kind stammt aus sozial schwierigen Verhältnissen, schrillen die Alarmglocken früher, als wenn es aus vermeintlich guten Kreisen stammt."

"Diese blöde Kuh, ich bin doch keine Tütelmama"

Als die befreundete Kollegin von Rita Meyer hört, dass Anna eine Lungenentzündung hat, erkundigt sie sich nach dem Kind. Die Reaktion von Rita Meyer erschreckt sie. "Sie ging hoch wie eine Furie, schimpfte: 'Diese blöde Kuh, hat eine Lungenentzündung, steht zu früh auf, kriegt einen Rückfall und glaubt, dass ich bei ihr am Bett sitze. Aber ich bin doch keine Tütelmama.'"

Annas Mitschüler erzählen ihrem Stiefvater Cyrus S., in welchem Zustand das Mädchen in die Schule gekommen ist. Von Mayas Eltern erfährt der Arzt außerdem, dass seine leibliche Tochter Lara von zuhause weggelaufen war. Cyrus S. geht zur Polizei. "Die Beamten meinten, sie seien nicht zuständig. Das sei Sache des Jugendamtes."

Schwerwiegende Missachtung der Fürsorgepflicht

Also geht der Vater zum Jugendamt. Gleichzeitig stellt Cyrus S. beim Familiengericht den Antrag, zu regeln, wann er zumindest seine leibliche Tochter Lara sehen darf. Cyrus S. weist das Gericht ausdrücklich darauf hin, in welchem Zustand Anna zur Schule gekommen ist. Der Arzt zweifelt daran, dass die Verletzungen von "einem Sturz herrühren" und fordert die Richterin auf, die Ursachen zu klären. "Bei diesen sichtbar schweren Verletzungen im Gesicht ist eine genaue Abklärung, vor allem eine Röntgenuntersuchung des Kopfes, erforderlich. Wenn Annas Mitteilung zutrifft, dass sie nicht im Krankenhaus war, ist das eine schwerwiegende Missachtung der Fürsorgepflicht", schreibt seine Anwältin am 28. November 2003 ans Gericht und äußert den konkreten Verdacht, dass die Mutter "eine Aufdeckung der Ursachen fürchtet". Die Warnung des Vaters wird "zur Akte genommen", wie es im Amtsdeutsch heißt.

Unterdessen stehen zwei Mitarbeiter des Jugendamtes unangemeldet bei Rita Meyer vor der Tür. Die Journalistin ist auf Dienstreise. Die Sozialarbeiter fahren zu Anna in die Schule. Das Mädchen ist so schwach, dass es kaum gehen kann. Sie erzählt von einer Lungenentzündung, einem Treppensturz und dass sie keinen Appetit habe. Die Sozialarbeiter glauben ihr nicht.

Die Journalistin ist beim Jugendamt bekannt

Das Jugendamt lädt Rita Meyer vor. Ihr Name ist den Sozialarbeitern bekannt. Die Journalistin hat mehrfach negativ über das Jugendamt berichtet - unter anderem über eine Russin, die unter Verdacht geriet, ihre Söhne geschlagen zu haben und der die Behörde sofort die Kinder wegnahm. Freimütig erzählt Rita Meyer, dass ihre Tochter gar keine Lungenentzündung hatte, sondern einfach nur nicht in die Schule gehen wollte, weil sie sich in der Klasse unwohl fühle. Dr. Meyer räumt auch ein, dass Anna trotz ihres Zustandes von keinem Arzt untersucht worden sei.

Das Jugendamt schickt Mutter und Tochter sofort ins Kinderkrankenhaus. Dort werden Annas Verletzungen auf der psychosomatischen Abteilung von einer Kinder- und Jugendpsychiaterin untersucht. Das Mädchen hat keine Verletzungen an Handballen, Ellenbogen, Knien oder Schienbein, die typisch wären für einen Sturz. Trotzdem wird die Psychiaterin, die auch Ärztin für Kinderheilkunde ist, nicht stutzig.

"Konstruktives Gespräch nicht möglich"

Eine Woche später bekommt die Journalistin Besuch vom Jugendamt. Die Sozialarbeiter haben sich angemeldet. Dr. Meyer erwartet sie - mit ihrer Anwältin. Nach kurzer Zeit gehen die Mitarbeiter wieder. Ein "konstruktives Gespräch" sei "nicht möglich", notieren sie. Rita Meyer bekommt eine Vorladung ins Amt. Die Journalistin kommt nicht, reicht stattdessen Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Sozialarbeiter ein, droht "diese als Hilfe maskierte Bevormundung öffentlich zu machen". Der Brief trägt die Adresse der Zeitung, für die Rita Meyer arbeitet. "Wenn Sie wissen, dass alles, was sie tun, öffentlich gemacht werden könnte, wirkt sich das aus - zumindest unterschwellig", sagt Jugendamtschef Ingo Staymann.

*)Namen von der Redaktion geändert

Zwei Wochen nachdem das Jugendamt informiert worden ist, stellt die Behörde am 9. Dezember beim Familiengericht den Antrag, das Sorgerecht prüfen zu lassen. Das Jugendamt hätte die Kinder auch sofort in Obhut nehmen können. Bei sozial schwachen Familien geschieht das schnell. Im Fall der angesehenen Journalistin sind die Mitarbeiter vorsichtiger, fürchten, dass das Gericht eine derartige Entscheidung rückgängig machen könnte. Nicht ganz zu Unrecht, wie sich zeigt.

Wegen Essstörungen in ambulanter Behandlung

Die Familienrichterin fordert eine Stellungnahme von Dr. Meyer. Im Januar 2004 legt die Journalistin ein Attest der Psychiaterin vor. Die Ärztin schreibt, dass Anna wegen Essstörungen in ambulanter Behandlung gewesen sei. Die Verletzungen - das blaue Auge, den abgesplitterten Zahn und die verformte Nase - soll sich das Kind selbst beigebracht haben. "Als Reaktion auf die Trennung der Eltern". "Aufgrund der ärztlichen Feststellungen sah die Richterin keine Anhaltspunkte für eine Gefährdung", schreibt das Gericht in einer Stellungnahme an stern.de.

Das Sorgerechtsverfahren gegen die Mutter, das vom Jugendamt eingeleitet worden ist, lässt die Richterin ruhen. Sie regt sogar an, die Sozialarbeiter, die mit dem Fall betraut sind, auszuwechseln. Ein außergewöhnlicher Vorgang, der im Jugendamt für Empörung sorgt. Auch über den Eil-Antrag des Vaters, seine leibliche Tochter Lara, zu der schon seit über einem Jahr keinen Kontakt mehr hat, endlich sehen zu dürfen, entscheidet die Richterin nicht. Später wird das Oberlandesgericht die Richterin für befangen erklären, weil sie einseitig entschieden und die Belange des Vaters nicht berücksichtigt hat.

"Wann würden Sie sagen, dass Erziehung misslingt?"

Acht Wochen später - im Frühjahr 2004 - führt Dr. Meyer ein Interview mit dem Psychoanalytiker und Schriftsteller Wolfgang Schmidtbauer ("Hilfslose Helfer") über "verunsicherte Eltern" und "hehre Erziehungsideale".

Frage: "Wann würden Sie sagen, dass Erziehung misslingt?" Antwort: "Wenn Eltern den Kontakt zu ihren Kindern verlieren. Und das passiert gar nicht so selten. Meistens dann, wenn Menschen ihre Methoden nicht mehr in Frage stellen."

Einen Tag vor Laras Selbstmordversuch, am Freitag, dem 2. Juli, kommen Lara und Anna gegen 14 Uhr aus der Schule. Lara ist unzufrieden, weil sie im Zeugnis "nur eine Zwei" in Latein bekommen soll. Rita Meyer geht aus dem Haus. Ihr Freund Hamid Reza T. kommt, ist etwa zweieinhalb Stunden mit den Mädchen allein. Gegen 17.30 Uhr ist Rita Meyer zurück. Ihr Freund geht wieder. Als er weg ist, klagt Lara plötzlich über Unterleibsschmerzen. "Ich glaube, ich bekomme meine Tage", sagt sie und bittet ihre Mutter, sich ihre Scheide anzusehen. Rita Meyer fallen blaue Flecken am Ober- und Unterschenkel ihrer Tochter auf. Als das Kind ihr "keine einleuchtende Antwort" geben kann, woher die Verletzungen stammen, gerät Rita Meyer in "Wut", weil sie glaubt, Lara habe sich "selbst verletzt" und sperrt ihre Tochter im Badezimmer ein. Gegen Mitternacht kehrt Hamid Reza T. in die Wohnung zurück. Spätestens in den frühen Morgenstunden fängt der Iraner das Kind nach Überzeugung der Richter ab, als es zur Toilette geht und missbraucht es. Aus Verzweiflung über die Tat stürzt sich Lara aus dem Fenster.

Vier Operationen in sieben Tagen

In den ersten sieben Tagen nach ihrem Sturz muss Lara vier Mal operiert werden. Zwei Wochen kämpfen die Ärzte auf der Intensivstation um ihr Leben. Danach liegt das Mädchen drei Monate im Wachkoma. Als sie aufwacht, kann sie sich an nichts erinnern. An den Streit mit ihrer Mutter nicht. An den Sturz nicht. Nicht an das, was am Nachmittag oder in den frühen Morgenstunden passiert ist. Sie hat Angst vor Männern, will nicht mit dem Aufzug fahren, wenn ein Arzt oder Pfleger in der Kabine steht.

*)Namen von der Redaktion geändert

Ende Juli - drei Wochen nach dem Selbstmordversuch ihrer Tochter - wird Dr. Rita Meyer das Sorgerecht für ihre Töchter entzogen. Anna lebt fortan bei ihren Großeltern. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Hamid Reza T. wegen sexuellen Missbrauchs. Im September erscheint ein Interview der Journalistin mit dem Kinderbuchautoren Maurice Sendak ("Wo die wilden Kerle wohnen"). Frage: "Sie glauben also nicht an den paradiesischen Zustand, den wir Kindheit nennen? Antwort: "Kinder sind Gefangene. Und im Laufe der Zeit ähneln sie immer mehr den Menschen, die sie gefoltert haben. Ein Gefangener, der zum Folterer geworden ist, dass ist es, was wir einen Erwachsenen nennen."

Etwa zur gleichen Zeit geht bei der Staatsanwaltschaft das Gutachten über Laras Verletzungen ein. In Mund des Mädchens ist die Spur eines Enzyms festgestellt worden, dass in dieser Konzentration nach Gutachtermeinung nur im Sperma vorkommt. Auch auf ihrem Schlafanzugoberteil sind Spermien nachgewiesen worden. Die Spuren sind allerdings so schwach, dass sie gentechnisch nicht zugeordnet werden können. Hamid Reza T. war zur Tatzeit allerdings der einzige Mann in Laras Nähe. Die geschwollene Schamlippe rührte nach Gutachtermeinung vom Sturz her. Für einige blaue Flecken macht der Gutachter die zupackenden Sanitäter verantwortlich. Die "Blutunterlaufungen" auf Gesäß und Schenkeln des Kindes deuteten allerdings auf die Anwendung "dumpfer Gewalt" hin – möglicherweise mit einem "Stock", einem "Besenstil" oder einer "Gürtelschnalle".

Dr. Meyer versucht ihren Freund zu entlasten

Hamid Reza T. wird wegen schweren sexuellen Missbrauchs angeklagt. Dr. Meyer hält während des Prozesses zu ihrem Freund und versucht, ihn durch ihre Aussage zu entlasten. Sie habe das Schlafanzugoberteil nach dem Selbstmordversuch ihrer Tochter wie ein "Fetischwesen" mit ins Bett genommen - auf diese Weise sei Sperma auf das Kleidungsstück gekommen. Dagegen spricht, dass auf dem Schlafanzug Mischspuren von Hamid Reza T. und Lara nachgewiesen wurden - aber keine von Rita Meyer.

Ermittlungsfehler der Polizei erschweren die Aufklärung. Erst zwölf Tage nach Laras Selbstmordversuch haben die Beamten Laras Schlafanzugoberteil sichergestellt. Rita Meyer hat das Oberteil freiwillig herausgegeben, was dafür spricht, dass sie nichts von dem Missbrauch wusste. Die Schlafanzughose des Mädchens ist im Krankenhaus verschwunden, konnte nicht mehr beschlagnahmt werden. Unerklärlich bleibt auch, warum die Beamten die Wohnung der Journalistin zwar oberflächlich in Augenschein nahmen, nicht aber gründlich durchsuchten.

Polizei über den Verdacht informiert

Dabei war die Polizei sofort über den Verdacht des Notfallchirurgen informiert worden. Ließen die Beamten Vorsicht walten, weil hier eine "Person mit hoher Beschwerdemacht" involviert war? In dem ersten Bericht, den der Kriminaldauerdienst verfasst hat, während Lara noch im OP lag, heißt es jedenfalls: "Mutter Redakteurin". Daneben steht der Name des Arbeitgebers. Die Polizei gibt hierzu keine Stellungnahme ab.

Das Frankfurter Landgericht verurteilt Hamid Reza T. im Mai 2005 zu neuneinhalb Jahren Haft. Das Urteil stützt sich vor allem auf das Prostata-Enzym im Speichel des Kindes. Hamid Reza T. habe Lara entweder aus "sexueller Erregung" oder aus der "pseudo-erzieherischen Motivation heraus" missbraucht, um, "das widerspenstigere der beiden Kinder, disziplinieren zu wollen". Der Iraner bestreitet die Tat noch heute. Nach Ansicht der Richter hatte Rita Meyer eine "bedingungslose Abhängigkeit" von ihrem Freund entwickelt. Am Tag des Urteils, kündigt die Zeitung ihrer Angestellten Rita Meyer. Fristlos. Obwohl die Redakteurin zu dieser Zeit noch nicht angeklagt war. Inzwischen hat das Landesarbeitsgericht Frankfurt die Kündigung für unwirksam erklärt.

Für sie ist das Urteil ein Justizirrtum

Rita Meyer glaubt ihrem Freund, hält das Urteil für einen Justizirrtum. Die Zeugen hätten vor Gericht ein falsches Bild von ihr, ihrem Leben und ihrer Beziehung gezeichnet, sagt sie. Die ersten Angaben im Krankenhaus, die sie spontan und ohne rechtliche Belehrung gemacht hat, seien so nicht gefallen. Wer Lara mit "Stock", "Besenstiel" oder "Gürtelschnalle" geschlagen hat, konnte die Kripo nicht ermitteln. Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren in diesem Punkt ein, wirft der Journalistin jetzt allerdings unter anderem das vor, worauf Laras Vater die Behörden schon im November 2003 hingewiesen hatte: Dass sie ihre Tochter Anna zum Arzt hätte bringen müssen, als sie abgemagert und im Gesicht verletzt war.

Lara wird ihr Leben lang geistig behindert bleiben. Sie wird nie wieder richtig laufen können, hinkt, hat chronische Schmerzen. Über anderthalb Jahre war das Mädchen in der Reha-Klinik. Das Jugendamt wollte sie ins Heim stecken - gegen den Willen der Ärzte, die vor einer "neuen Traumatisierung" durch eine "Heimunterbringung" ausdrücklich gewarnt hatten. Fast zwei Jahre kämpfte der Vater um das Sorgerecht für seine Tochter. Vor kurzem sprach ihm das Oberlandesgericht Frankfurt das Sorgerecht zu. Lara hatte schon angekündigt, was sie tun wollte, wenn das Jugendamt sie ins Heim gesteckt hätte: Sie wollte aus dem Fenster springen.

*)Namen von der Redaktion geändert

Mitarbeit: Jan Schweitzer

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