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Eine Geschichte des Versagens

24 Knochenbrüche wurden bei Kevins Obduktion festgestellt. Als der Kleine noch lebte will niemand die Misshandlungen bemerkt haben - weder die Ärzte noch das Jugendamt. Nun geht der Untersuchungsausschuss in die nächste Runde und ein Satz fällt immer wieder: "Ich war nicht zuständig".

Von Jan Zier

Das Versagen beginnt im zuständigen Jugendamt. Es führt in die Sozialbehörden, die es hätten kontrollieren sollen. Schließlich zu einem ganzen Netz von Sozialdiensten in Bremen, der Gesellschaft. Es ist die Geschichte des Kindes Kevin. Erzählt wird sie im parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Landtages. Nun tagt er wieder, um zehn weitere Zeugen zu befragen.

"Ich war dafür nicht zuständig"

"Ich war dafür nicht zuständig". Das ist ein Satz, der in den vergangenen Wochen immer wieder zu hören war. Nicht zuständig fühlte sich beispielsweise die Ärztin eines Krankenhauses, die eindeutige Zeichen von Kindesmisshandlung diagnostizierte. Aber die Staatsanwaltschaft nicht einschaltete. Kevin war im Oktober vergangenen Jahres tot im Kühlschrank seines Ziehvaters Bernd K. aufgefunden worden. Sozialarbeiter hatten das Kind zuletzt im April gesehen. Seine stark verweste Leiche wies 24 Knochenbrüche auf, fünf hatte er unmittelbar vor seinem Tod erlitten.

Dem Drogenarzt von Kevins Stiefvater ist das nach eigenen Angaben nie aufgefallen. Kevin sei häufig in seiner Praxis gewesen, sagte er dem Untersuchungsausschuss, dort habe er die Mutter und deren ebenfalls drogenabhängigen Lebensgefährten mit dem Ersatzstoff Methadon behandelt. "Kevin wirkte nach außen nicht auffällig". Untersucht hat er das Kind nie. "Im Nachhinein frage ich mich: Wie kann ein Kind jede Woche in die Praxis kommen, ohne dass sich erschließt, dass es ein Misshandlungsopfer ist?" Inzwischen darf der Mann keine Ersatzdrogen mehr verschreiben.

Methadon und Betäubungsmittel verschrieben

Dem Vater Bernd K. verschrieb er nicht nur Methadon, sondern zugleich auch Betäubungsmittel. "Ich hätte Rabbatz machen müssen", sagte der Arzt. Jetzt, im Nachhinein.

Schon direkt nach seiner Geburt im Januar 2004 ist der bei einer Vergewaltigung gezeugte Kevin für "viele Monate vom Bildschirm der Behörden verschwunden", sagte Justizstaatsrat Ulrich Mäurer dem Ausschuss. "Es ist schon ein Wunder, dass der Säugling überhaupt die nächsten Monate überlebt hat". Schon im Alter von acht Monaten sei Kevin wegen Brüchen in der Kinderklinik behandelt worden.

Seine Mutter, im Gegensatz zu Kevin HIV-positiv, starb bereits im November 2005 an einem Milzriss. Da hatte sie "eine massive Karriere von Drogen und Haft" hinter sich, sagte Mäurer. Und schon wenige Wochen nach der Geburt war jedenfalls einer Hebamme des Gesundheitsamtes "sehr klar", dass die Frau "nicht in der Lage war", für ihr Kind zu sorgen.

Sie alle kannten Kevin

Sie habe Zweifel geäußert, dass die Eltern dies je können würden. Doch die wenigsten der Hilfsdienste, die im Laufe der Jahre eingeschaltet wurden, wussten von der Vorgeschichte des Falles, der Eltern. Und doch: Der Bürgermeister, die Sozialsenatorin, das Jugendamt, Familienrichter, Ärzte, Polizei, Waisenhaus - sie alle kannten Kevin.

Alle Informationen liefen beim zuständigen Fallmanager des Sozialressorts zusammen. Doch der unterstützte den Ziehvater in seinem Wunsch, Kevin nicht abgeben zu müssen. Dabei war Bernd K., entgegen seiner Behauptungen, weder der biologische noch der rechtliche Vater.

Und als Pflegevater käme er nicht in Frage. Der Amtsvormund - er trug nach dem Tod der Mutter das Sorgerecht für Kevin - hätte Bernd K. also jederzeit von dem Kind trennen können, sogar ohne ein Gericht fragen zu müssen. Doch Zweifel an seiner Vaterschaft kamen erst im Frühjahr vergangenen Jahres auf, und erst im September fiel die Entscheidung, dem Ziehvater das Kind wegzunehmen. Das Kindeswohl sei gefährdet. Am 2. Oktober ordnet das Jugendgericht an, das Kind abzuholen. Acht Tage später kommt die Polizei. Wie lange Kevin da schon tot ist, wird unklar bleiben.

Jugendamt ist ein "Saftladen"

Das Jugendamt ist ein "Saftladen", sagt die Familienrichterin, die den Fall betreute. Fehlentscheidung im Sorgerecht seien "kein Einzelfall", weil die Behörden häufig "keine ordentlichen Informationen" über Elternschaften, über Verwandte lieferten. "Es gibt kein systematisches Vorgehen", sagt Heinke.

Schon gar nicht beim Fallmanager von Kevin. Nach dessen Tod wird die Behörde "gravierende Mängel" in Arbeitsweise und Aktenführung des Sozialarbeiters feststellen. Von einem "Chaos" ist die Rede, einem Chaos, das trotz wöchentlicher Konferenzen und amtlicher Dienstaufsichtspflicht so recht niemandem auffiel. Das Amt sei über sich selbst erstaunt, hieß es dazu im Ausschuss.

Regelprüfungen fanden nicht statt, der Fallmanager selbst habe durchwegs den Angaben Dritter vertraut, sich kein eigenes Bild Lage gemacht. Und das war nicht nur bei Kevin so: Bei 15 weiterem von ihm betreuten Kindern unterlieben dringend notwendige Hilfsmaßnahmen. Gegen den Fallmanager wird nun ermittelt, beim Untersuchungsausschuss hat er sich krank gemeldet.

Für den 64-jährigen Amtsvormund von Kevin, ein Diplom-Sozialarbeiter und ehemaliger Binnenschiffer, war dieses Kind eines von rund 240, für das er das Sorgerecht trug. Also, sagt er, habe er sich auf den Fallmanager verlassen, prinzipiell. Wegen der Vielzahl der Fälle. 2,75 Planstellen müssten rund 640 Fälle betreuen. Klagen darüber seien stets auf taube Ohren gestoßen.

"Ökonomisierung" im Jugendamt beklagt

Es geht um mehr als individuelles Versagen überforderter Behördenmitarbeiter. Schon vor Jahren beklagte Oberregierungsrat Gerhard Tersteegen aus dem Sozialressorts die "Ökonomisierung" im Jugendamt. Heute ist ähnliches in einem Bericht der Bremer Familienrichter nachzulesen. "Die Praxis der Jugendhilfe gerät in Gefahr, dass die von ihr erbrachten und zu erbringenden Leistungen künftig nur noch unter monetären Gesichtspunkten betrachtet werden", schrieb Tersteegen in seinem internen Papier von 1999. Und warnte vor den Vorschlägen der Unternehmensberater von Roland Berger. Die aber arbeiteten nicht nur in Bremen.

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