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"Ich wurde gestern ermordet, aber die Erniedrigung danach war schlimmer"

Zwei Backpackerinnen werden an einem Strand in Ecuador ermordet. Die Staatssekretärin unterstellt ihnen Leichtsinn. Eine Studentin aus Paraguay antwortet mit einem bösen Brief – aus der Perspektive der Toten.

Die beiden Backpackerinnen, die in Ecuador ermordet wurden in einer Fotocollage

Die beiden Backpackerinnen, die in Ecuador ermordet wurden, in einer Fotocollage von "BBC Mundo" auf Twitter

Nach dem Mord an zwei Argentinierinnen in Ecuador ist die Tourismus-Sekretärin des Andenlandes zurückgetreten, weil sie die Opfer als leichtsinnig bezeichnet hatte. Die Staatssekretärin Cristina Rivadeneira hatte am Rande der Tourismusmesse ITB in Berlin gesagt: "Das musste ihnen früher oder später passieren." Nach einem Bericht der "BBC" war den beiden Backpackerinnen unterwegs das Geld ausgegangen. Daraufhin seien sie mit zwei Männern mitgegangen, die ihnen einen Schlafplatz anboten. Laut Informationen der Polizei seien die Leichen der Frauen am nächsten Morgen in Plastiksäcken gefunden worden.

Die Aussagen der Staatssekretärin lösten eine Welle der Entrüstung aus. Ein Schwager eines der Opfer kritisierte die Anschuldigungen in der Zeitung "La Nación": "Sie wollten niemals trampen, sondern mit dem Bus von Guayaquil nach Lima reisen." Es sei die Aufgabe der Regierung, für die Sicherheit von Touristen in Ecuador zu sorgen. "Ich entschuldige mich als Mutter und Tochter, meine Erklärungen sollten niemandem Schaden zufügen", schrieb Rivadeneira daraufhin auf ihrem Twitter-Account. "Ich reiche meinen unwiderruflichen Rücktritt beim Tourismusministerium ein."

Ayer me mataron.Me negué a que me tocaran y con un palo me reventaron el cráneo. Me metieron una cuchillada y dejaron...

Posted by Guadalupe Acosta on Dienstag, 1. März 2016

Heftig diskutiert wurde Rivadeneiras Aussage auch in den sozialen Netzwerken, wo der Hashtag #viajosola – "alleine reisen" – trendete. Eine Studentin aus Paraguay veröffentlichte über Facebook einen "Brief", verfasst aus der Perspektive der Toten. Darin befasst sie sich mit der Diskussion rund um die Morde: "Gestern wurde ich ermordet", beginnt die Userin Guadalupe Acosta, "aber schlimmer als der Tod war die Erniedrigung, die danach kam." In dem Text wehren sich die Opfer gegen all die sinnlosen Fragen, die gestellt werden: "Was hattet ihr an? Warum wart ihr alleine? Warum reist eine Frau ohne Begleitung? Ihr wart in einer gefährlichen Gegend unterwegs, was habt ihr erwartet?"

Lateinamerika und die Gewalt gegen Frauen

Abgesehen davon, dass die beiden Frauen eben nicht ohne Begleitung unterwegs waren, würden diese Fragen in Lateinamerika immer wieder gestellt, sobald eine Frau Opfer einer Gewaltttat werde, so Acosta im Interview mit der "BBC". Trotzdem sei sie überrascht gewesen über die Reaktion auf ihr Posting, das bisher fast 550.000-mal geliked und über 720.000-mal geteilt wurde. Dies zeige, wie wichtig die Diskussion sei: "Es gibt Hunderte Gesetze zur Gleichberechtigung der Frauen", so Acosta zu "BBC". "Aber das sind bloß Gesetze, die echte Welt ist etwas anderes. Wir müssen alle Empathie lernen, uns in die Köpfe anderer versetzen und versuchen zu verstehen. Nur so werden wir wirklich etwas verändern."

tim mit Agenturen

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