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Ihm fehlte nur das Quäntchen Glück

Im Augsburger Mariendom herrschte eine besondere Atmosphäre: Neben Bayerns Innenminister und vielen Bürgern waren auch Hunderte Polizisten zur Trauerfeier für ihren getöteten Kollegen gekommen. Die Reden und Gebete richteten sich vor allem an die Familie des Opfers.

Von Malte Arnsperger

  Blumenkränze umgeben das Bild von Mathias Vieth im Mariendom: Zu der Trauerfeier kamen auch Hunderte Kollegen des getöteten Polizisten nach Augsburg

Blumenkränze umgeben das Bild von Mathias Vieth im Mariendom: Zu der Trauerfeier kamen auch Hunderte Kollegen des getöteten Polizisten nach Augsburg

  • Malte Arnsperger

Ein kleiner goldener Stern klebt auf der weißen Kerze, daneben das Bild eines lächelnden dunkelblonden Mannes. In goldenen Lettern steht darüber: "Polizist Mathias Vieth. Ein Stern der deinen Namen trägt." Wohl halb Deutschland kennt mittlerweile dieses Gesicht, diesen Namen. Mathias Vieth ist der vor zehn Tagen in Augsburg getötete Polizist. Bei dem offiziellen Trauergottesdienst im Augsburger Dom nahmen nun nicht nur der bayerische Innenminister und viele Bürger von ihm Abschied. Es waren vor allem hunderte Polizeibeamte aus dem ganzen Bundesgebiet, die dem Requiem in dem großen Gotteshaus eine besondere Atmosphäre gaben.

Schon eine Stunde vor dem Beginn haben sich vor dem Haupteingang des Doms viele kleine und größere Grüppchen von Menschen in giftgrünen Uniformen gebildet. Aus Sonderbussen steigen immer mehr Polizisten aus, Zollbeamte, Feuerwehrleute und Angehörige des Technischen Hilfswerks gesellen sich dazu. Ernste Mienen bei allen, leise Unterhaltungen. Zwei Beamte, die unter einem Baum vor dem Haupteingang stehen, sind extra für die Trauerfeier aus Mittelfranken angereist. Der Mord an Mathias Vieth sei auch dort mit Schock aufgenommen worden. Wie Vieth seien sie Streifenbeamten und Familienväter. "Seitdem fahre ich mit einem anderen Gefühl von zu Hause weg", sagt einer. "Man verabschiedet sich immer mit der Hoffnung, dass man gesund zurück kommt."

"Diese Tat rüttelt einen wach"

Genau diese Hoffnung der Familie von Mathias Vieth wurde in den frühen Morgenstunden des 28. Oktober auf brutale Weise zerstört, als er und seine Kollegin von zwei Tätern beschossen wurden. Der 41-Jährige, der bei dem Schusswechsel tödlich getroffen wurde, wird in den Reden als liebevoller Familienmensch beschrieben. Er hinterlässt eine Frau und zwei minderjährige Söhne. Deshalb richten sich die Reden und Gebete im Augsburger Dom vor allem an sie. Die "tiefste Anteilnahme" gelte der Familie und den Angehörigen Vieths, die ohne ihn weiterleben müssten, sagt Bischof Konrad Zdarsa. "Es wird nicht nur ein Mensch aus dem Leben gerissen, sondern die, die ihn geliebt haben, müssen ein Stück eigenes Sterben erleiden und wissen nicht, wie es weitergehen soll." Auch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann richtet sich in seiner Ansprache direkt an die Hinterbliebenen. "Sie haben ihren Mann, ihren Sohn, euren Papa geliebt. Ich sage Ihnen heute, Sie können stolz auf ihn sein. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, dass es Ihnen möglich sein wird, die Kraft zu finden, diese schwierige Situation zu meistern."

Neben dem Gedenken an den Toten und der Anteilnahme für die Angehörigen stand der Beruf des Polizisten im Mittelpunkt. So meint etwa einer der beiden Beamten aus Mittelfranken: "Diese Tat rüttelt einen wach und macht einem klar, was für einen Beruf man hat". Sein Kollege nickt, er ist derselben Meinung. "Aber ich habe mir das bei meiner Berufswahl schon ganz genau überlegt und bin mir der Gefahr bewusst. Und ich denke, kein Polizist nimmt die Gefahr auf die leichte Schulter."

"Ihm fehlte nur das Quäntchen Glück"

Auch drinnen, im mit 1800 Menschen, darunter 800 Polizeibeamten, sehr gut gefüllten Dom, weisen die Redner auf dieses Risiko hin. Plötzlich sei das "bittere Realität" geworden, was sonst Schauspieler mühsam in Szene setzten, sagt Bischof Zdarasa. "Es war Mathias Vieths Alltag. Er ist wie gewohnt Streife gefahren. Einmal mehr wollte er für Ordnung und Sicherheit sorgen. Auf grausame und tödliche Weise ist er dann damit konfrontiert worden, wovor er uns beschützen wollte." Ähnlich formuliert es Minister Herrmann: Der Polizeiberuf sei kein Beruf wie jeder andere. "Er ist Dienst von Menschen an Menschen. Mathias Vieth ist diesem Leitbild in jeder Hinsicht gerecht geworden." Im Polizeialltag könne aber aus einer scheinbar harmlosen plötzlich eine gefährliche Situation werden. Genau das sei Mathias Vieth passiert. "Er hätte auch weggehen könne, es war aber sein Beruf und seine Berufung." Und dann erinnert Herrmann an den kürzlich erfolgten Freispruch eines Mannes, der einen Polizisten aus Rheinland-Pfalz erschossen hatte. "Ich weiß, dass viele diesen Freispruch nicht verstehen können. Unsere Beamten halten ihren Kopf hin für unsere Sicherheit. Sie brauchen die Rückendeckung des Rechtsstaates, sie dürfen nicht zu Freiwild werden."

Für die beiden Personen, die Vieth an jenem 28. Oktober mit seiner Kollegin kontrollieren wollte, waren Polizeibeamte offensichtlich "Freiwild". Eine 50-köpfige Sonderkommission jagt seit der Tat nach ihnen. Eine heiße Spur der "Schwerverbrecher" gebe es nicht, sagt Minister Hermann. Vieths höchster heimischer Vorgesetzter, Augsburgs Polizeipräsident Gerhard Schlögl, verspricht, man tue alles, um sie zu finden. Und er schildert in seiner Ansprache noch mal, wie Vieth ins Visier dieser Verbrecher geraten war. "Zu unserer Arbeit gehören Kontrollmaßnahmen, diese Aufgaben hatten die beiden Kollegen. Sie wussten nicht, was diese Personen taten. Sie wollten Beitrag zur Sicherheit leisten und wahrscheinlich haben sie eine schwerste Tat verhindern können." Vieth, so sagt Schlögl, "fehlte nur das Quäntchen Glück, das jeder Mensch braucht".

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