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Oscar Pistorius ist wieder frei

Paukenschlag in Pretoria: Der unter Mordverdacht stehende Sportler Oscar Pistorius wurde gegen Kaution aus der Haft entlassen. Der Richter sieht keine Fluchtgefahr, im Gericht brach Jubel aus.

Der unter Mordverdacht stehende südafrikanische Sprintstar Oscar Pistorius ist gegen eine Kaution von einer Million Rand (85.600 Euro) freigelassen worden. Er sehe keine Fluchtgefahr, außerdem gehe von Pistorius keine akute Gefahr für die Gesellschaft aus, sagte Richter Desmond Nair am Freitag nach mehrtägiger Anhörung in Pretoria. Er widersprach damit der Auffassung der Anklage, die den 26-Jährigen bis zum Prozess in Gewahrsam halten wollte.

"Sie haben die Kaution bezahlt, und er wurde freigelassen", sagte ein Familienangehöriger am Freitagabend. Gegen 18 Uhr Ortszeit - das ist 17 Uhr deutscher Zeit - verließ der Sportler demnach das Gerichtsgebäude in Pretoria mit mehreren Familienmitgliedern in einem Auto.

Richter: "Es geht nicht um die Schuldfrage"

Richter Nair hatte am Mittag ausführlich begründet, warum er dem Antrag auf Freilassung gegen Kaution stattgab. Er könne den Argumenten des Angeklagten für seine vorläufige Freilassung folgen, sagte Nair. Gleichzeitig machte er deutlich, dass seine Entscheidung dem Urteil in einem späteren Prozess nicht vorgreife. Es gehe nicht um Schuldfragen, sondern um Fragen der Angemessenheit, sagte Nair. Am 4. Juni muss Pistorius erneut vor Gericht erscheinen.

Der Richter sieht keine Fluchtgefahr, auch gehe von Pistorius keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit aus. Ein öffentlicher Skandal, den manche Kommentatoren vorausgesagt haben, sei im Falle der Freilassung auch nicht zu befürchten.

Jubelrufe im Gerichtssaal

Die Familie und Anhänger des 26-Jährigen brachen bei seinen Worten in laute "Yes"-Rufe aus. Pistorius wurde von einem Weinkrampf geschüttelt. Schon während der ausführlichen Begründung des Richters rang er immer wieder um Fassung.

In einer ersten Reaktion äußerte sich Pistorius' Familie erleichtert. "Wir als Familie sind davon überzeugt, dass Oscars Schilderung der Tatnacht sich als richtig erweisen wird", sagte der Sprecher der Familie.

Kein Alkohol, Pässe abgeben

Richter Nair hatte zuvor fast zwei Stunden die wichtigsten Argumente der Staatsanwaltschaft und der Verteidigung vorgetragen und die juristischen Hintergründe einer Freilassung auf Kaution ausgeführt. Im Falle einer Ablehnung hätte der Sportler womöglich bis zum Prozessbeginn in einigen Monaten in Haft bleiben müssen.

Pistorius muss nach dem Willen des Richters bestimmte Auflagen erfüllen. Vor allem darf er das Land nicht verlassen, muss seine beiden Pässe abgeben und sich vom Flughafen fernhalten. Er müsse in Pretoria bleiben, stets für die Ermittlungsbehörden erreichbar sein, keinen Kontakt zu Zeugen des Verfahrens, zu Nachbarn und anderen Bewohnern seiner Wohnanlage in Pretoria haben. Zudem verfügte der Richter ein Alkoholverbot.

Die Staatsanwaltschaft beschuldigt den beinamputierten Profisportler des "vorsätzlichen Mordes" an seiner Freundin Reeva Steenkamp, 29. Er hatte die junge Frau am frühen Morgen des Valentinstages in seinem Haus mit mehreren Schüssen getötet.

Viertägige Anhörung wegen Kaution

Die Anhörung begann vor vier Tagen. Sie hatte sich mehrfach verzögert, unter anderem weil die Polizei am Donnerstag den bisherigen Chefermittler Hilton Botha wegen des Verdachts des mehrfachen Mordversuchs absetzte.

In seinen Ausführungen kritisierte der Richter Ermittlungspannen in dem Fall. Der bisherige Chefermittler Botha habe Fehler bei der Beweissicherung gemacht. Er habe die Sicherung wichtiger Spuren versäumt und sei unsorgfältig am Tatort vorgegangen. Botha war der erste Ermittlungsbeamte gewesen, der am Morgen des Valentinstages die Villa von Pistorius betreten hatte, in der die junge Frau erschossen worden war.

Richter Nair sagte aber auch, er habe Zweifel an der Version von Pistorius von den Geschehnissen, die zum Tod von Reeva Steenkamp führten. Es gebe da etliche Ungereimtheiten und Unwahrscheinlichkeiten. Nach Darstellung des Sportlers erschoss dieser in der Nacht zum Donnerstag vergangener Woche seine Freundin aus Versehen, weil er meinte, im Badezimmer befinde sich ein Einbrecher.

Pistorius hatte beispielsweise ausgesagt, er hatte befürchtet, der vermeintliche Eindringling habe sich im Bad versteckt und deshalb geschossen. Es sei dunkel gewesen, er habe sich bedroht gefühlt und in der Toilette einen Eindringling vermutet. Nach seiner Freundin habe er gerufen, aber keine Antwort bekommen. Er sei davon ausgegangen, sie liege im Bett. Richter Nair fragte, warum Steenkamp es nicht gelungen sei, sich auf der Toilette bemerkbar zu machen. Die tödlichen Schüsse trafen die junge Frau durch die geschlossene Toilettentür hindurch.

Gericht stuft Pistorius als ungefährlich ein

Dem Beschuldigten hielt der Richter jedoch zu Gute, dass aus seiner Sicht die Staatsanwaltschaft nicht habe belegen können, dass Pistorius zu Gewalt neige. Der Richter bezog sich auf Aussagen, wonach der Sportler bei früheren Gelegenheiten Drohungen ausgestoßen habe. Verbale Drohungen seien allerdings nicht mit tatsächlicher Gewalt gleichzusetzen, sagte der Richter. Ein Grund für eine Verweigerung der Kaution wäre gewesen, wenn der Beschuldigte als gefährlich eingestuft worden wäre. Das sei bei Pistorius aber nicht der Fall, sagte Richter Nair.

Die Anwälte von Pistorius hatten zuvor argumentiert, es bestehe keine Fluchtgefahr, weil ihr Mandant ein weltweit bekannter Sportler sei und überall erkannt werde. Die Verteidigung des Paralympics-Stars plädiert auf eine Anklage wegen "fahrlässiger Tötung". Eine solche Anklage würde eine weitere Inhaftierung des wegen Mordes beschuldigten 26-Jährigen nicht rechtfertigen, hatte Anwalt Barry Roux am Freitagmorgen zum Ende einer viertägigen Anhörung vor dem Magistratsgericht in Pretoria betont.

Der Staatsanwalt hatte dagegen versucht, die Glaubwürdigkeit von Pistorius infrage zu stellen. Die Schilderungen des Athleten über den Verlauf der Tatnacht seien "nicht wahr", seine Version "unwahrscheinlich", sagte Gerrie Nel. Der Angeklagte dürfe weder wegen seiner Behinderung noch seiner Berühmtheit anders behandelt werden als jeder andere Verdächtige in Südafrika.

Pistorius' Anwalt Roux hatte am Donnerstag angebliche Falschinformationen des Staatsanwalts und krasse Fehler der Ermittlungsbeamten am Tatort beklagt. Für den Mordvorwurf habe die Polizei keine Belege gefunden.

anb/DPA/AFP/DPA

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