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Einblick in die Innenwelt eines Pädophilen

David Goldberg wurde nach der "Operation Spade" verhaftet. In einem umstrittenen Brief, der Einblick in seine Gedankenwelt gewährt, gesteht er seine Neigung und bittet um Hilfe für Pädophile.

  Die "Operation Spade" deckte ein weltweites Netzwerk auf, mit dem kinderpornografisches Material verkauft wurde.

Die "Operation Spade" deckte ein weltweites Netzwerk auf, mit dem kinderpornografisches Material verkauft wurde.

Vor zwei Jahren wurde der kanadische Journalist David Goldberg festgenommen. Er gehört zu den Pädophilen, denen die Polizei auf die Spur kam, weil sie mit der Kreditkarte zahlten. Die so gekauften Bilder waren nicht illegal, aber David Goldberg hortete seit Jahren auch andere Kinderpornos. Wegen seines Geständnisses wurde er zu einer vergleichsweise milden Strafe von 90 Tagen Gefängnis verurteilt. Die Strafe kann an frei gewählten Tagen abgesessen werden, also auch an den Wochenenden, urteilte das Gericht.

Mit einem Brief, den das Magazin "The Atlantic" publizierte, wandte sich Goldberg im Herbst 2013 an die Öffentlichkeit. Wir zeigen eine deutsche Übersetzung. Goldberg bietet mit seinem Schreiben einen Einblick in die Psyche und das Leben eines Pädophilen. Eine wirkliche Aufarbeitung darf man nicht erwarten. Seine Gedanken kreisen um sein Schicksal als Pädophiler. Er sieht sich als das Opfer seiner Obsession. Die Opfer der Kinderpornoindustrie bedauert er, aber innerlich, so scheint es, erreichen sie ihn nicht. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass Goldberg selbst annimmt, emotional auf dem Stand eines Zehnjährigen stehen geblieben zu sein. Die mangelnde Einsicht wäre dann ein Teil seiner emotionalen Störung.

Die Unfähigkeit, Schuld zu begreifen

In den USA und Kanada führte die Offenbarung zum Teil zu heftigen Angriffen auf ihn. Das Beharren von Goldberg, seine Neigungen nur ungefährlich am Computer ausgelebt zu haben, blieb nicht ohne Widerspruch. In Reaktion auf den Brief und die Pläne Goldbergs, ein Buch schreiben zu wollen, sprach Rosalind Prober, die Präsidentin der Kinderschutzorganisation "Beyond Borders" mit der "Montreal Gazette". Sie bezweifelte die Glaubwürdigkeit Goldbergs. "Nachdem er aufgeflogen ist und verhaftet wurde, gilt er als besonders ehrlich, nur weil er jetzt zugibt, ein Pädophiler zu sein? Sein ganzes Leben bestand darin, andere Menschen zu täuschen."

Typischerweise seien Pädophile manipulativ und narzisstisch, fuhr sie fort. Auch die Tatsache, dass Goldberg seine Therapie nach einem Jahr abgebrochen habe, sei ein Zeichen, dass er sich nicht wirklich ändern wolle. Die Kinderschützerin glaubt nicht an die Geschichte vom quasi harmlosen Pädophilen, der nur vor dem Computer saß: "Wenn ich mir den Werdegang dieses Kerls ansehe, dann ist es doch nicht unwahrscheinlich, dass er früher oder später doch Kinder belästigt hätte. Immerhin hat er sich als Trainer in eine Position gebracht, die ihm die Möglichkeit dazu bieten würde, eine Position, in der die Eltern ihm vertrauen."

Der Brief von David Goldberg

Ich, der Pädophile

Es war kurz vor drei Uhr in der Nacht am 30 Mai 2012, als ich meinen Computer das letzte Mal herunterfuhr. Dann ging ich ins Bett, für eine weitere schlaflose Nacht voller Selbstmitleid und Selbsthass. Später, am nächsten Morgen, würde ich nicht wie geplant den 25. Hochzeitstag eines befreundeten Paares feiern. Stattdessen würde ich auf der harten Pritsche in einer Polizeizelle sitzen.

20 Jahre lang verbrachte ich jede Nacht auf die gleiche Weise: Ich saß vor meinem Computer. Entweder suchte ich das Internet nach Kinderpornografie ab oder betrachtete die Bilder und Videos, die ich bereits gesammelt hatte.

Aber egal, wie viele Bilder ich fand, und wie sehr ich unter Schlafmangel litt, nichts konnte diese perverse Obsession stoppen. Nur meine eigene Sorglosigkeit führte am Ende zu meiner Verhaftung. Ich hatte meine Kreditkarte benutzt, um Bilder von nackten Knaben zu kaufen, auch wenn diese Videos keine sexuellen Akte darstellten. Später sagte mir ein Polizist, er glaube, ich hätte mich absichtlich erwischen lassen. Unbewusst, denn nur so habe ich aufhören können. Aber so stimmt das nicht: Kein Pädophiler will erwischt werden, weil dann sein schreckliches Geheimnis bekannt wird.

Tatsächlich gab es Nächte - wenn auch nicht allzu viele - an denen ich auf meinem Stuhl vor dem abgeschalteten Computer saß und mir vorstellte, wie es sein würde, wenn ich in Haft säße. Würde ich in Babyhaltung auf dem Boden liegen, würde ich in Tränen ausbrechen oder würde mein Herz einfach stehen bleiben? Als dieser Tag dann kam, geschah nichts dergleichen. Nachdem der Polizist mir meine Rechte vorgelesen hatte und mir ein paar Fragen wegen meines Computers gestellt hatte, überkam mich eine seltsame Ruhe. Ich wusste, dass meine Arbeit als Redakteur bei unserem Lokalblatt damit zu Ende war, genau so wie meine Tätigkeit als ehrenamtlicher Baseballtrainer.

Ich dachte überhaupt nicht an die Vergangenheit, sondern an die Zukunft. Ich wollte andere dazu bringen, das befremdliche Leben eines Pädophilen zu verstehen. Ich habe nicht darum gebeten, mit dieser verfluchten Anziehung zu leben. Ich habe auch niemals selbst ein Kind verletzt. Tatsächlich war ich ein vorbildlicher Trainer und aufrechter Bürger - tagsüber. Meine Nächte waren das Problem.

Nach der Verhaftung folgte ich meinen journalistischen Instinkten. Ich fragte, wie konnte mir ein Leben, in dem ich mich nach jungen Kindern verzehrte, vom Gefühl her normal vorkommen, obwohl ich im Kopf genau wusste, wie abnormal das war. Jeden Tag hatte ich mich danach gesehnt, abends wieder an meinem Computer zu sitzen. So wie sich ein Feinschmecker auf ein Festmahl freut. Später, wenn der Computer abgeschaltet war, verachtete ich mich für die Erregung, die ich beim Betrachten der Kinder verspürte. Von Kindern, deren Leben zerstört wurde, weil sie bei so etwas mitmachen mussten.

Kein schreckliches Ereignis in der Kindheit

Ich dachte viel über meine eigene Kindheit nach. Gab es da ein Trauma, einen Vorfall oder gar einen Missbrauch, der meine Neigung erklären konnte. Ich fragte meine Schwester, eine erfahrene Therapeutin. Aber es gab kein großes, schreckliches Geheiminis. Ja, ich war das Opfer einer unglücklichen Kindheit und eines psychisch auffälligen Vaters. Irgendwie blieb ich emotional auf dem Level eines Zehnjährigen stehen.

Ich suchte danach Hilfe bei einem Therapeuten und las soviel ich konnte über Pädophilie. Ich wollte wissen, warum ich so wurde. Doch es ist genauso, als würde man versuchen festzustellen, warum der eine hetero- und der andere homosexuell ist. Glauben Sie mir, wenn wir die Wahl hätten, würde niemand meine Veranlagung wählen.

Den Grund für meine Pädophilie habe ich in den 15 Monaten seit meiner Verhaftung nicht herausbekommen. Ich weiß nur, was man tun kann, um die Gesellschaft über Fehlurteile und Missverständnisse aufzuklären. Wenn jemand das Wort Pädophiler hört, fallen ihm sofort Kinderschänder ein. Nur ganz wenige denken an die Millionen, die mit sexuellen Gefühlen kämpfen, denen sie nie folgen. Die große Mehrheit der Pädophilen belästigt nicht selbst Kinder, sondern verbringt Stunden damit, Kinderpornographie anzuschauen. Aber weil die Zahl dieser Pädophilen permanent wächst, steigt die Zahl der missbrauchten Kinder.

Ich möchte hier nicht für irgendwelche Kontakte zwischen Männern und Kindern werben. Es ist nie richtig, wenn sich ein Erwachsener in sexueller Absicht einem Kind nähert. Aber wir als Gesellschaft müssen den pädophilen Kinderpornokonsumenten helfen, ihnen mehr anbieten als nur das Gefängnis. Denn sonst wird man die Ausbreitung des Problems nicht stoppen können. Wissenschaftler wissen nicht genau, ob es einen Zusammenhang zwischen dem Anschauen von Kinderpornos und einem ausgeführten Missbrauch gibt. Wäre es nicht schön, wenn Pädophilen geholfen werden könnte, bevor man solche Frage genau beantworten kann?

Obwohl ich verhaftet wurde, hatte ich noch Glück. In Kanada wurde ich nur zu einer Haft von 90 Tagen verurteilt. Wäre ich in den USA festgenommen worden, hätte ich mehrere Jahre absitzen müssen zusammen mit hartgesottenen Kriminellen. Meine Freunde und meine Familie haben zu mir gehalten und mich weiter geliebt, trotz meiner sexuellen Mängel.

Doch wie viele Pädophile haben nicht so viel Glück wie ich? Wie viele werden niemals Hilfe suchen, weil sie Angst haben vor den sozialen und strafrechtlichen Folgen? Wie viele werden lieber weiter ihren Begierden folgen und damit genau die Nachfrage schaffen, die den üblen Markt von Kinderpornografie antreibt? Ist es besser, sie alle eine zeitlang wegzusperren? Oder wird jemals der Tag kommen, an dem die Gesellschaft die Hand ausstreckt und denen Hilfe anbietet, die sie so dringend benötigen?

David Goldberg

Gernot Kramper
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