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Sekt, Tränen und ein Freispruch

Der Prozess gegen Jörg Kachelmann endete mit einem Freispruch zweiter Klasse. Das Gericht sparte in seiner Urteilsbegründung nicht mit Kritik an einem Verteidiger und appellierte an die Medien.

Von Malte Arnsperger, Mannheim

Sie feiern. Fünf ältere Damen halten Sektgläser in der Hand, lassen eine Piccolo-Flasche "Jules Mumm Rosé Dry" kreisen. "In dubio pro reo", ruft eine der Frauen mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht und stößt mit ihrer Nachbarin an, während hinter ihr die Justizbeamten den Gerichtsaal 1 verschließen. Die Party-Szene mitten im Mannheimer Landgericht ist der Abschluss eines spektakulären Prozesses.

Es ist 9.07 Uhr, als der Vorsitzende Richter Michael Seidling die entscheidenden Sätze sagt: "Der Angeklagte Jörg Kachelmann wird freigesprochen." Kurz brandet Beifall im Publikum auf, Jubelschreie. Kachelmann selbst zeigt keine erkennbare Reaktion. Steif steht er neben seinen Verteidigern, ohne Minenspiel blickt er zur Richterbank. Auf der gegenüberliegenden Seite des Saals steht Silvia May (Name geändert), die Frau, die Kachelmann der Vergewaltigung beschuldigt hat. Sie zittert, schluchzt, fasst sich wieder, legt die Hände ineinander. Dann hört sie zu, wie der Richter rund 45 Minuten lang sein Urteil begründet.

Es ist ein Freispruch zweiter Klasse. Das macht Seidling wiederholt und unmissverständlich klar: "Der heutige Freispruch beruht nicht darauf, dass die Kammer von der Unschuld von Herrn Kachelmann und damit im Gegenzug von einer Falschbeschuldigung der Nebenklägerin überzeugt ist", sagt der 61-Jährige. "Es bestehen aber begründete Zweifel an der Schuld von Herrn Kachelmann. Er war deshalb nach dem Grundsatz in dubio pro reo freizusprechen."

Richter verteidigt Staatsanwaltschaft

Neun Monate und 43 Tage lang hat das Gericht verhandelt, zehn Gutachter und über 30 Zeugen gehört. Die Richter haben sich viel Mühe gegeben, um diesen emotional hochaufgeladenen Fall zu klären. Es ist ihnen nicht gelungen, das muss der Vorsitzende Richter einräumen. "Trotz der Zeugen und der Gutachter bleibt der Kammer die Einsicht, dass dem menschlichen Erkenntnisvermögen Grenzen gesetzt sind."

Wie schwer sich die fünfköpfige Kammer mit diesem Fall getan hat, wird in der Urteilsbegründung deutlich. Verschiedene Sichtweisen seien durchaus möglich. Deswegen könne man der Staatsanwaltschaft, die für eine Verurteilung plädiert hatte, auch keine Vorwürfe machen. "Dass angesichts der Verdachtslage Anklage zu erheben und das Hauptverfahren zu eröffnen war, ist nicht zu bezweifeln." Damit verteidigt Seidling aber nicht nur die Staatsanwaltschaft, sondern auch seine Kammer, die dieses Verfahren eröffnet hat. Und dann nutzt der Richter die Stunde zu einer Generalabrechnung - insbesondere mit Kachelmanns Verteidiger Johann Schwenn.

Dieser habe wiederholt den Respekt vor den anderen Verfahrensbeteiligten vermissen lassen. Schwenn habe geglaubt, der Kammer und der Staatsanwaltschaft "wie einem kleinen Kind auf die Finger klopfen zu müssen". Seidling will zudem jeglichem Triumphgeheul von Schwenn vorbeugen: Die Verdachtsmomente hätten sich ohne Zutun des Hamburger Anwalts verflüchtigt, der im November Kachelmanns ersten Anwalt Reinhard Birkenstock abgelöst hatte. Schwenn hört sich diese ungewöhnlich deutliche Kritik eines Richters mit einem abfälligen Grinsen an. Sein Vorgänger Reinhard Birkenstock sagte - hörbar zufrieden - am Telefon zu stern.de: "Ich habe Jörg Kachelmann zum Erfolg unseres gemeinsamen Überzeugungskampfes gratuliert."

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May hat nachweislich gelogen

Aber auch die Medien bekommen ihr Fett ab. Die Pressefreiheit sei zwar ein elementares Grundrecht, sagt Seidling. "Es ist aber auch die Aufgabe der Presse, sich unvoreingenommen eine Meinung zu bilden und die Würde des Gerichts und der Prozessbeteiligten zu achten." In diesem Verfahren sei dies oft nicht der Fall gewesen, Medien hätten Fakten einseitig präsentiert, Stimmungen statt Sachlichkeit verbreitet und damit dem Ansehen der Justiz geschadet. "Die Kammer hätte von Seiten der Medien mehr Verständnis für die Belange des Strafprozesses erwartet."

Was aber ist denn nun wirklich in jener Nacht vom 8. auf den 9. Februar 2010 in der Wohnung von Silvia May passiert? Auffällig oft erwähnt Richter Seidling, dass man in vielen Bereichen der Ex-Freundin Kachelmanns glaube und der Angeklagte gelogen habe. So sei der Abend im Grunde genau so abgelaufen, wie es May geschildert habe. Nur ob Kachelmannn seine damalige Geliebte nach dem Streit wirklich vergewaltigt hat, habe man nicht mit der "für eine Verurteilung nötigen Sicherheit" klären können. Schließlich habe auch May nachweislich gelogen: "Es bestehen Zweifel, dass es sich so abgespielt hat, wie es von der Nebenklägerin geschildert wird." Man könne aber dadurch nicht auf eine absichtliche Falschbeschuldigung schließen, von der einige Gutachter und Kachelmanns Verteidiger ausgehen.

Mit diesen Formulierungen verfolgt Seidling ganz offensichtlich auch das Ziel, Kachelmann keine Gelegenheit zu geben, juristisch gegen May vorzugehen. Der Richter beendet seine Urteilsbegründung deshalb mit einigen bemerkenswerten Sätzen: "Wir sind überzeugt, dass wir die juristisch richtige Entscheidung getroffen haben, Befriedigung verspüren wir dadurch nicht. Wir entlassen den Angeklagten und die Nebenklägerin mit einem möglicherweise nie mehr aus der Welt zu schaffenden Verdacht, ihn als potentiellen Vergewaltiger, sie als potentielle rachsüchtige Lügnerin. Wir entlassen beide mit dem Gefühl, ihren jeweiligen Interessen durch unser Urteil nicht ausreichend gerecht worden zu sein." Und dann fügt Seidling einen Appell an die Öffentlichkeit und die Medien hinzu: "Unterstellen Sie die jeweils günstigste Variante für Herrn Kachelmann und die Nebenklägerin. Nur dann haben Sie den Grundsatz in dubio pro reo verstanden. Nur dann kennt er nicht nur Verlierer, sondern neben dem Rechtsstaat auch Gewinner."

Hat man sich mit der Anklage verrant?

Ist Jörg Kachelmann nun ein Gewinner? Während Silvia May weint, zeigt er während der gesamten Urteilsbegründung keine Gefühle und verlässt kurz nach dem Ende der Sitzung den Saal durch einen Hinterausgang, sein Verteidiger aber schießt einige Pfeile auf das Gericht ab: Die Kritik an der Verteidigung sei "erbärmlich", sagt Schwenn. "Das zeigt, wie gerne das Gericht den Angeklagten verurteilt hätte und wie nahe er an einer Verurteilung war."

In Erklärungsnot befindet sich nun aber vor allem die Staatsanwaltschaft. Hat sie sich möglicherweise mit ihrer Anklage verrannt? Nein, meint ihr Sprecher Andreas Grossmann. Für die Staatsanwaltschaft habe es aufgrund der damaligen Verdachtslage keine andere Möglichkeit gegeben. "Mit dem Risiko muss die Justiz leben, dass möglicherweise mal ein Schuldiger freigesprochen wird, sonst muss man Rechtsfindung einstellen."

Es ist 10.22 Uhr. Während Schwenn vor dem Gericht weitere Interviews gibt, nimmt ein Justizbeamter zwei Zettel aus dem Glaskasten vor dem Sitzungssaal 1. Es ist die Liste aller Verhandlungstage gegen Jörg Kachelmann.

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