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Gestanden und gebrochen

Jörg K., Vater des Amokläufers von Winnenden und selbst angeklagt, stellte sich der Öffentlichkeit. Über den Auftritt eines gebrochenen Mannes.

Von Matthias Rittgerott, Stuttgart

Zwei Minuten. So lange braucht Jörg K. für die "paar Worte", die er den Angehörigen der Menschen sagen will, die sein Sohn Tim ermordet hat. Der 52-Jährige erhebt sich von der Angeklagtenbank. Er will nicht sitzenbleiben, um den Hinterbliebenen zu sagen, was die schon lange aus seinem Mund hören wollen. "Es tut mir leid, was mein Sohn angerichtet hat", sagt Jörg K., dass Tim so viele Menschen getötet und verletzt habe . "Ich fühle mich verantwortlich für meinen Sohn Tim." Da entgleitet dem gestandenen, doch gebrochenen Mann die Stimme, kurz schluchzt er. Spricht dann weiter. Einige Angehörige verlassen den Gerichtssaal. Von Mitgefühl für die Hinterbliebenen spricht Jörg K. und davon, dass er selbst kein Mitleid will.

Kein Mitleid, obwohl auch sein Sohn tot ist und seine Tochter, seine Frau und er mit falscher Identität und unter Polizeischutz leben müssen.

Dann ist der Prozesstag vor dem Landgericht Stuttgart zu Ende. Gisela Mayer bleibt auf ihrem Platz sitzen, als müsse sie sich darüber klar werden, was Jörg Ks Worte bedeuten. Schließlich sagt sie: "Das erste Mal hat Tim einen Vater gehabt. Zwei Minuten lang." Mayer hat am 11. März 2009 durch Schüsse aus Jörg K.'s Waffe ihre Tochter Nina verloren.

Wie Jörg K. innerlich bebt

Dem Prozess war sie bislang ferngeblieben. Weil sie nicht daran glaubte, dass ein Schuldiger verurteilt wird. "Was Jörg K. gesagt hat, war ungeheuer mutig", sagt sie jetzt. Er habe keinen Text verlesen, den ihm seine Anwälte diktiert hätten. Ein früheres Entschuldigungsschreiben K's war als selbstmitleidig empfunden worden. "Heute war es authentisch."

Jens Rabe sieht das anders. Er ist einer der Rechtsanwälte der Hinterbliebenen und sagt: "K. merkt wohl, dass sich die Schlinge um seinen Hals zuzieht." Während des Verhandlungstages hatte Tims Vater drei Stunden fast regungslos auf der Anklagebank gesessen, während seine beiden Verteidiger versuchten, die juristische Schuld von ihm zu nehmen. Hin und wieder schielte der Angeklagte in das Manuskript von Hans Steffan. Als sein Stuttgarter Verteidiger Tim als ruhigen Späterpubertierenden beschrieb, der lediglich mehr unter die Leute müsse, um aufzublühen, schien Jörg K. innerlich zu beben. Als tue es ihm gut zu hören, wie "normal" sein Sohn in den Augen von Lehrern und Freunden war.

Erst Rührkuchen, dann Amoklauf

Niemand, so die Linie der Verteidiger, habe geahnt, welch monströse Tat Tim begehen würde. Psychiater einer Fachklinik in Weinsberg nicht, Laien wie die Eltern erst Recht nicht.

Am Tag vor dem Amoklauf habe Tim freudig erzählt, zwei Schulstunden fielen aus, er müsse erst später los. Eine Lüge, weiß man heute. Vor seiner Wahnsinnstat habe er Rührkuchen gefrühstückt. "Die Tatgeneigtheit konnte der Angeklagte nicht erkennen", sagt Hubert Gorka, Verteidiger aus Karlsruhe. Freude und Rührkuchen statt düsterer Vorahnung. Tim habe friedlich die Katze gestreichelt, nicht wie ein Massenmörder gewirkt.

Jörg K. habe zwar seine Pistole, seine Beretta, mit der sein Sohn 15 Menschen und sich selbst erschoss, nicht sicher weggeschlossen. Der fahrlässigen Tötung habe er sich aber nicht schuldig gemacht, so die Verteidigung. Von einer Strafe, forderte Rechtsanwalt Gorka, sei daher abzusehen. K. sei gestraft genug.

Vielleicht hat Jörg K. heute einen wichtigen Schritt getan. Weil er ehrlich war. Zwei Minuten hat es ihn gekostet.

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