HOME

Wirbel um Demjanjuks SS-Ausweis

In wenigen Tagen wird gegen John Demjanjuk wahrscheinlich Anklage erhoben. Er soll der SS in Sobibor bei der Ermordung von über 29.000 Juden geholfen haben. Wichtiges Beweisstück: der SS-Ausweis. Doch der ehemalige Chef der Kriminaltechnik des BKA meldet Zweifel an der Echtheit an und erntet Jubel von Rechtsradikalen.

Von Kerstin Schneider

Er gilt als eines der wichtigsten Beweismittel im Ermittlungsverfahren gegen John Demjanjuk. Der SS-Ausweis mit der Nummer 1393, ausgestellt auf den Namen Iwan/Nikolai Demjanjuk, geboren am 3.4.1920. Eine leicht nach rechts gekippte Handschrift vermerkt mit schwarzer Tinte: "Abkommandiert am 27.3.1943 Sobibor". Der inzwischen 89-jährige Demjanjuk steht unter Verdacht, der SS bei der Ermordung von über 29.000 Juden im Vernichtungslager Sobibor geholfen zu haben. Ende dieser Woche rechnet die Staatsanwaltschaft München mit dem medizinischen Gutachten, das klären soll, ob John Demjanjuk verhandlungsfähig ist.

Sollte Anklage wegen Beihilfe zum Mord gegen Demjanjuk erhoben werden, wird der SS-Ausweis im wohl letzten deutschen NS-Kriegsverbrecher-Prozess eine wichtige Rolle spielen. Der Ausweis ist mehrfach von Sachverständigen in den USA, Israel und zuletzt auch von Experten des Bayerischen Landeskriminalamtes untersucht und für echt befunden worden.

Ehemaliger BKA'ler zweifelt

Trotzdem zweifelt Wolfgang Steinke, früher Abteilungspräsident im BKA und Chef der Kriminaltechnik, die Echtheit des Ausweises an. Steinke trägt einen grauen Anzug, dazu eine Krawatte in den Farben schwarz, rot, gold, als er dem öffentlichen-rechtlichen Fernsehen ein Interview gibt, das Anfang Juni zur besten Sendezeit in der ARD ausgestrahlt wird.

Das BKA habe schon 1987 erhebliche Zweifel an der Echtheit des SS-Ausweises angemeldet, erzählt Steinke vor laufender Kamera. Der Pensionär untermauert seine Aussagen mit einem 22 Jahre alten BKA-Vermerk, in dem die Auffälligkeiten notiert sind, die angeblich für eine Fälschung sprechen. Der alte BKA-Vermerk, der nach Einschätzung der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen, "für die Frage der Echtheit des SS-Ausweises ohne Belang ist, weil er von Gutachtern längst widerlegt wurde", ist unterschrieben von dem 2005 verstorbenen BKA-Abteilungsleiter Louis Ferdinand Werner.

Jubel von rechts

Dem BKA sind die Auftritte seines ehemaligen Abteilungsleiters offenbar peinlich. "Es wurde niemandem die Erlaubnis gegeben, sich offiziell für das BKA zu äußern", stellt die Behörde klar. Und betont: "Seitens des BKA gab es kein Gutachten zur Echtheit des Ausweises." Die deutliche Äußerung der Behörde kommt nicht von ungefähr. Denn Steinke erntet vor allem in rechtsradikalen Internet-Foren Applaus für seinen Fernsehauftritt. Endlich seien die Zweifel des BKA an der Echtheit des Ausweises "auch beim Öffentlich-rechtlichen Fernsehen" angekommen, jubeln die Neo-Nazis und bedrohen Ermittler der Zentralstelle Ludwigsburg. Die Nazijäger haben die Beweise gegen Demjanjuk für die Staatsanwaltschaft zusammengetragen und im Rahmen ihrer Ermittlungen auch geklärt, was es mit dem BKA-Vermerk aus dem Jahr 1987 auf sich hat.

Besuch aus Israel

Ende Januar 1987 reiste Amnon Bezaleli, Chef-Sachverständiger der israelischen Polizei und Leiter des Urkundenlabors, von Jerusalem zum BKA nach Wiesbaden. Zu dieser Zeit saß John Demjanjuk in Israel gerade auf der Anklagebank. Der damals 66-jährige stand unter Verdacht, in Treblinka als "Iwan der Schreckliche" bei der Ermordung von Juden geholfen zu haben. Augenzeugen wollten Demjankuk erkannt haben. Später wurde Demjanjuk freigesprochen. Die Zeugen hatten ihn verwechselt. Schon damals lag den israelischen Behörden der SS-Ausweis Nummer 1393 vor, in dem als Einsatzort zwar nicht "Treblinka", wohl aber "Sobibor" vermerkt ist. Um die Echtheit dieses Ausweises zu prüfen, wollte Bezaleli unter anderem die Unterschrift von Karl Streibl, dessen Name auf dem SS-Ausweis steht, mit anderen Dokumenten vergleichen, die der SS-Sturmbannführer unterschrieben hatte. Streibl befehligte im ostpolnischen Trawniki ein SS-Ausbildungslager, in dem seit Herbst 1941 etwa 5000 "fremdvölkische Hilfswillige" für den Dienst bei der SS gedrillt wurden, darunter, laut Ausweis, auch Iwan Demjanjuk.

Es gab kein BKA-Gutachten

Bezaleli kam spätabends in Wiesbaden an. Der SS-Ausweis wurde per Diplomatenpost von Israel nach Deutschland gebracht. Im Bundeskriminalamt traf der Sachverständige am nächsten Tag unter anderem die BKA-Beamten Steinke und Werner. "Sie waren sehr nett und zuvorkommend", erinnert sich Bezaleli, der noch heute in Jerusalem als Schrift- und Dokumentensachverständiger arbeitet. Die Beamten hätten den SS-Ausweis tatsächlich zu Gesicht bekommen, berichtet der Experte. Allerdings nur kurz.

"Herr Steinke und seine Kollegen haben den Ausweis mehrfach gesehen, allerdings immer nur für ein paar Minuten", erzählt Bezaleli. "Das ist für eine sachverständige Einschätzung oder gar für ein Gutachten viel zu kurz. Der Ausweis ist ja nicht mal unter einem Mikroskop oder Vergrößerungsglas gewesen", betont der Experte. Diese Aussage hat Bezaleli auch gegenüber den Ermittlern der Zentralen Stelle in Ludwigsburg gemacht. "Außer eines kurzen Blickes auf das Dokument", hätten die "BKA-Mitarbeiter keine Untersuchung des Ausweises vorgenommen", heißt es in dem Protokoll, das stern.de vorliegt.

Widersprüchliche Darstellungen

"Ein Gutachten haben wir nicht erstellt", räumt Steinke ein, als er mit der Aussage Bezalelis konfrontiert wird. Das BKA habe jedoch ursprünglich ein Gutachten fertigen sollen, behauptet der Pensionär. "Wir haben Bezaleli damals die Zweifel, die wir nach einer Rundreise durch die Bundesrepublik und nach sorgfältiger Bewertung des Ausweises bekommen haben, mitgeteilt. Bezaleli hat dann mit Israel telefoniert. Als die Iraelis hörten, dass wir Zweifel an der Echtheit des Ausweises anmelden würden, wollten sie kein Gutachten mehr von uns", erzählt Steinke.

Bezaleli ist erstaunt, als stern.de ihn mit der Version Steinkes konfrontiert. "Das hat nichts mit der Realität zu tun", sagt der Gutachter. Gegenüber der Zentralen Stelle wurde der Experte deutlicher: "Es ist ein totaler Witz, wenn von einem Anruf in Israel die Rede ist, in welchem ich über die angeblichen 'Zweifel des BKA' an der Echtheit des Ausweises berichtet hätte, um danach einen 'Gutachterauftrag' zurückzunehmen... Es gab weder Zeit noch Bedarf für Untersuchungen seitens des BKA", gab Bezaleli zu Protokoll. Er habe für das Gutachten noch zwei weitere Monate gebraucht, erzählt der Experte. In Wiesbaden sei er gerade einmal fünf Tage gewesen.

Auf die Frage, warum sich Steinke mit einem 22 Jahre alten Vermerk so aus dem Fenster lehnt, sagt der frühere BKA-Beamte: "Weder die Staatsanwaltschaft München noch die Zentralstelle in Ludwigsburg haben sich jemals an mich gewandt, um meine Hilfe zu erbitten. Deshalb bin ich an die Öffentlichkeit gegangen." Das Gutachten des Bayerischen Landeskriminalamtes hält Steinke für "unbrauchbar". Der Ex-BKA-Mann bietet an: "Die können mich gerne kontaktieren."

Dubioses Expertentum

Dass das BKA Ende der 80er Jahre nicht immer ein glückliches Händchen bewies, wenn es um den SS-Ausweis ging, zeigt auch eine andere Begebenheit. 1987 veröffentlichte Dieter Lehner in einem rechtsradikalen Verlag ein so genanntes "Gutachten", in dem er zu dem Ergebnis kam, der SS-Ausweis sei eine "Totalfälschung". Obwohl Lehner, wie er selbst einräumt, über keinerlei wissenschaftliche Ausbildung verfügt, sondern lediglich "Autodidakt" und "Porzellanmaler" ist, fand er im BKA Gehör, wie die Behörde schriftlich bestätigt: "Im Jahr 1988 wandte sich ein Dieter Lehner zunächst telefonisch an das Bundeskriminalamt und führte in der Folge auch ein persönliches Gespräch mit den Mitarbeitern des Bundeskriminalamtes." Dass Lehners Verlag vom Verfassungsschutz beobachtet wurde, störte die Beamten offenbar nicht.

Wes Geistes Kind Lehner war, offenbarte sich noch einmal im Dezember 1992. Damals wurde Lehner vom Amtsgericht Landshut zu einer Geldstrafe in Höhe von 60 Tagessätzen wegen Verbreitens und Herstellens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen verurteilt. Lehner hatte Hakenkreuze, SS-Runen, Wappen von SS-Divisionen, SS-Wahlsprüche auf Geschirr gepinselt, sie mit Hitler-Bildern beklebt und die Ware in die USA exportiert. Die Frage, warum der offensichtlich rechtsradikale Lehner damals im BKA überhaupt Gehör fand, vermag die Behörde nicht zu beantworten.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren