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Amoklauf-Prozess ist "überlebenswichtig"

Anklage gegen den Vater des Winnender Amokläufers Tim K.: Die Angehörigen der Opfer begrüßen diese Anweisung der Stuttgarter Generalstaatsanwaltschaft. "Ich bin einfach froh, dass man diese Entscheidung getroffen hat", sagte Gisela Mayer stern.de.

Frau Mayer, dem Vater des Amokläufers Tim K. soll nun doch der Prozess gemacht werden. Wie beurteilen Sie diese Empfehlung der Generalstaatsanwaltschaft Stuttgart?

Ich will es nicht Dankbarkeit oder Freude nennen. Ich bin einfach froh, dass man diese Entscheidung getroffen hat. Unser Vertrauen in diesen Staat würde damit wieder gestärkt. Ich halte diesen Prozess für absolut notwendig. Alles andere wäre unerträglich.

Wie wichtig wäre ein Prozess für Sie ganz persönlich?

Unendlich wichtig, sogar überlebenswichtig. Man hat mir an diesem Tag meine Tochter zweimal entrissen. Erst wurde sie erschossen und dann durfte ich nicht zu ihrer Leiche. Jetzt habe ich viele Fragen, die unbeantwortet blieben seitdem meine Tochter am Tag des Amoklaufes aus dem Haus gegangen ist.

Welche Fragen wollen Sie beantwortet bekommen?

Eine zentrale Frage ist, welche Verantwortung die beiden Eltern für die Tat tragen. Ich sage bewusst beide Eltern. Der Vater war unendlich leichtfertig mit der Aufbewahrung seiner Waffe. Das ist bewiesen. Das ist aber nur ein Thema. Es geht aber auch um das Verhalten beider Eltern, nachdem sie wussten, dass ihr Kind psychische Probleme hatte und nicht sicher im Leben stand. Ich möchte wissen, inwiefern Tims Eltern trotz dieser Kenntnis verantwortungslos gehandelt haben. Sie haben sicher nicht mit einer solchen Katastrophe gerechnet. Ich denke aber, dass sie es leichtfertig in Kauf genommen haben, dass so etwas passieren kann.

Warum wäre ein Prozess für Sie noch so wichtig?

Ich möchte eine Chance haben zu verstehen, was passiert ist. Dieser Junge ist nebenan aufgewachsen, im gleichen Lebensraum wie meine Tochter. Und dennoch ist es ein Mensch gewesen, dessen Handeln ich absolut nicht verstehen kann. Ich versuche zu verstehen, wie ein Mensch in unserem Land so werden kann. Ich möchte die Eltern kennenlernen und möchte wissen, in was für einer Familie sich ein Kind so entwickeln kann. Ich möchte begreifen, warum Eltern nicht sehen, dass ihr Kind so verzweifelt ist, und zu so einer Tat fähig ist. Diese Eltern behaupten, dass sie es nicht bemerkt haben. Das glaube ich nicht.

Sind die Eltern für Sie sogar die Hauptschuldigen?

Sagen wir es so: Schuldig in jedem Fall, vielleicht sind sie sogar die Hauptschuldigen. Denn sie hatten eine doppelte Verantwortung, da ihr Kind minderjährig und psychisch labil war. Und davon kann sie niemand freisprechen.

Haben Sie Mitleid mit der Familie?

Wahrscheinlich kann kaum jemand besser verstehen, wie es sich anfühlt, wenn das eigene Kind stirbt. Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen meiner Tochter und Tim: Meine Tochter wollte leben. Tim wollte den Tod. Natürlich ist es auch für seine Familie schmerzvoll, herauszufinden, warum er das wollte. Ich hatte deswegen am Anfang Mitleid mit der Familie. Aber ich bin enttäuscht von der Familie. Ich hätte erwartet, dass sie persönlich den Kontakt zu uns Angehörigen suchen. So schwer es ist. Sie haben sich aber weggeduckt und haben sich aus der Verantwortung gestohlen. Das tötet mein Mitleid. Diese Leute scheinen nur an sich selber zu denken. Und auch das will ich in einem Prozess erfahren: War sich in dieser Familie jeder der nächste.

Sie hatten nach dem Amoklauf also nie ein Gespräch mit Tims Eltern?

Der Anwalt hat geschrieben, dass es psychisch zu belastend für sie wäre. Zu einem späteren Zeitpunkt sei vielleicht ein Gespräch möglich. Er bat um Verständnis. Aber wenn mein Kind die Fensterscheibe der Nachbarn einschlägt, dann gehe ich rüber, entschuldige mich und frage, was ich tun kann, um den Schaden zu beheben. Das hätte ich von den Eltern erwartet. In einem persönlichen Gespräch, unmittelbar nach dem Amoklauf.

Vor einigen Wochen ist ein Gutachten über Tim K erstellt worden. Gab Ihnen das Gutachten Klarheit?

Das Gutachten gibt mir Anhaltspunkte und Hinwese. Es hat aber nichts Neues gebracht.

Der Gutachter Du Bois meint, dass sich Tim K. speziell an Mädchen und Frauen rächen wollte. Er sieht in der Scham von Tim über seine masochistische Einstellung eine Triebfeder für die Tat. Teilen Sie diese Einschätzung?

Das bedarf der weiteren Klärung und auch deshalb wäre der Prozess wichtig. Es gibt hier so viele verschiedene Meinungen. Dazu möchte ich die Eltern sehen und hören. Denn sie sind ein wichtiges Puzzleteil. Man muss Tims Umfeld kennen, um ihn einschätzen zu können.

Werden Sie auch zivilrechtlich gegen den Vater vorgehen um Schadenersatz zu fordern?

Das haben wir noch nicht entschieden. Das Wichtigste war uns, dass sie strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden. Wobei es mir nicht um das Strafmaß geht. Das überlasse ich dem Gericht. Es geht mir nur um die elterliche Verantwortung.

Interview: Malte Arnsperger
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