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Gefesselt im Eselstall

Sexuelle Übergriffe und ein Viehtreibertest mit Stromschocks - das sind die Vorwürfe, denen sich zwei Hilfstierpfleger aus Wuppertal ausgesetzt sehen. Vor dem Amtsgericht müssen sie sich jetzt verantworten.

Von Uta Eisenhardt

  • Uta Eisenhardt

Tierpfleger, die in der Kulisse des Afrika-Reviers sexistische Übergriffe an Praktiantinnen begehen, das ist der Stoff für den Skandal, der den Wuppertaler Zoo vor einem Jahr in die Schlagzeilen brachte. Jahrelang sollen zwei Hilfstierpfleger systematisch junge Praktikantinnen und Auszubildende sexuell genötigt haben, bis die beiden im August 2008 an eine 17-Jährige gerieten.

Diese Praktikantin sollen die Männer im Rahmen einer Wette zunächst an den Händen gefesselt und dann in den Esel-Stall getragen haben, wo ihr auch die Füße gefesselt worden seien. Der heute 37-jährige Markus F. habe versucht, der jungen Frau einen Knutschfleck zu verpassen. Die Bewegungsunfähige wehrte sich mit Spucken. Dann sollen die Männer den Stall verlassen haben, bis der 29-jährige Stefan S. nach einer knappen halben Stunde das Opfer befreite.

Nach diesem Vorfall brach die Minderjährige ihr langersehntes Praktikum ab, mit dem sie sich eigentlich für eine Ausbildung zur Tierpflegerin qualifizieren wollte. Ihr Vater wandte sich mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde an den Zoo. Er beschrieb, was seiner Tochter widerfahren war, bat jedoch darum, nicht die Polizei zu informieren. Daraufhin beauftragte die Stadt Wuppertal, die den Zoo betreibt, interne Ermittler vom "Antikorruptionssystem", den Verdacht zu prüfen. Als diese auf weitere Fälle stießen, übergab man die Angelegenheit der Staatsanwaltschaft.

"In die Anklage sind nur die eindeutigen Fälle gekommen."

Von morgen an müssen sich die beiden Tierpfleger vor dem Amtsgericht Wuppertal wegen Freiheitsberaubung, Nötigung, Körperverletzung und versuchten sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen verantworten. Einige der Vorwürfe, die bis Ende der 90er Jahre zurück reichen sollen, waren bereits verjährt, sagt der Sprecher der Wuppertaler Staatsanwaltschaft Wolf-Tilman Baumert: "In die Anklage sind nur die eindeutigen Fälle gekommen." Insgesamt umfasst die Anklage sieben Taten. Fünf davon sollen beide gemeinsam, zwei der ältere Tierpfleger allein begangen haben.

Staatsanwältin Blum-Heinrich wird den beiden Männern diverse Fälle vorhalten, in denen junge Frauen im Alter von 17 bis 22 Jahren gefesselt wurden. Hinzu kommt der so genannte "Viehtreibertest", der sich laut Anklage folgendermaßen abgespielt haben soll: Im Frühjahr 2008 musste ein Auszubildender nach Aufforderung der beiden Beschuldigten seine Hose herunter ziehen und sich mit nacktem Unterkörper über den Herd legen. Dann hielt Stefan S. den 22-Jährigen am Pullover fest und drückte den Viehtreiber so fest auf dessen Hintern, dass ein Stromstoß ausgelöst wurde. Markus F. filmte die Szene, in der das Opfer vor Schmerzen schrie.

"Schweinerei an Kindern"

Ebenfalls angeklagt ist die Begebenheit mit einer damals 25-Jährigen. Diese befand sich vor vier Jahren mit Markus F. in der Teeküche, als jener die Tür von innen verriegelte. Er habe das Intimpiercing der jungen Frau fotografieren wollen. Die Auszubildende habe sich zunächst geweigert, dann aber ihre Hose unter Androhung von Zwang herunter gelassen. Bei einer Hausdurchsuchung soll das Foto sicher gestellt worden sein. Claudia F. will an dem Prozess gegen ihren früheren Ausbilder als Nebenklägerin teilnehmen. Sie ist eine von insgesamt sieben Betroffenen, die gegen die beiden Männer aussagen wollen. Insgesamt 36 Zeugen will das Schöffengericht hören. Am 18. Dezember soll der Prozess voraussichtlich enden.

Staatsanwaltschaft-Sprecher Baumert spricht von einer "Schweinerei an Kindern" und von einem "Vertrauensbruch gegenüber jungen Mädchen, die mit einer Begeisterung für Tiere in den Zoo gekommen sind, der eigentlich Geborgenheit bieten soll." Stadtsprecherin Martina Eckermann erklärt, wie abhängig die jungen Frauen von den beiden Männern waren: "Tiere pflegen ist etwas anderes als Tiere streicheln. Deshalb müssen die jungen Leute, bevor sie einen Ausbildungsplatz erhalten, in einem zweiwöchigen Praktikum diese körperlich harte Arbeit kennen lernen."

Angst, Scham und Unwissenheit über die Rechte

Nicht alle Tiere sind harmlos genug, um Praktikanten die Arbeit des Tierpflegers zu zeigen. Nur in etwa fünf, sechs Revieren werden jährlich bis zu 80 Praktikanten eingesetzt, sagt Zoo-Direktor Ulrich Schürer. Eines davon ist das so genannte Afrika-Revier, in dem Zebras, Antilopen, Dromedare und Watussi-Rinder gehalten werden.

Für die vier bis sechs Ausbildungsplätze melden sich dann jährlich 400 bis 500 Bewerber beim Wuppertaler Zoo. "Und wenn in der Praktikumsbeurteilung nur steht: ‚Sie war da', dann können sie das in die Tonne hauen", so Stadtsprecherin Eckermann. Roswitha Bocklage, die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Wuppertal ergänzt: "Die jungen Frauen haben gehofft, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Darum haben sie den Mund gehalten und sich gedacht: 'Die Zeit überstehe ich'." Eine Mischung aus Angst, Scham und Unwissenheit über ihre Rechte habe die Taten ermöglicht.

Ungern hört Stadtsprecherin Eckermann das Wort "Zoo-Skandal". Sie glaubt an eine "spezielle Dynamik zwischen diesen beiden Burschen. Das gibt es überall, wo zwei Menschen aufeinander treffen, die sich gegenseitig in sehr unguter Weise hoch schaukeln. Jeder Einzelne für sich soll ja ganz okay gewesen sein, sagten die Praktikantinnen." Doch warum erfuhr jahrelang kein Vorgesetzter davon? Beachtete die Leitung des vom "stern" im Frühjahr 2008 als drittbester deutscher Großzoo ausgezeichneten Unternehmens weniger das Wohl der Menschen als das der Tiere? Eine Antwort soll der Blick auf die Chronik des Skandals und dessen Folgen geben.

Mehr als 20 Opfer melden sich

Im September 2008, wenige Wochen nachdem der Vater der 17-jährigen Praktikantin seine Dienstaufsichtbeschwerde erhoben hatte, wandte sich die Staatsanwaltschaft gemeinsam mit der Stadt an die Öffentlichkeit. "Diese beiden Männer haben bei der Stadt Wuppertal keinen Platz mehr", sagte Stadtdirektor Johannes Slawig über die damals suspendierten und später gekündigten Tierpfleger. Offensiv stellte er sich auf die Seite der damals noch unbekannten Opfer, die sich dann zuhauf meldeten. Neun Tage später waren es 16 Zeugen, die etwas zu berichten hatten. Schlussendlich fanden sich mehr als 20 junge Menschen, die meisten von ihnen ehemalige Praktikantinnen.

Im Zuge der Ermittlungen wurden auch Vorwürfe gegen den Vorgesetzten der beiden Hilfstierpfleger erhoben. Unter anderem soll der 44-jährige Obertierpfleger 1996 eine damals 20-Jährige von hinten gepackt und Kopulierbewegungen simuliert haben. Außerdem soll er vor drei Jahren bei einer Geburtstagsfeier versucht haben, eine ebenfalls 20 Jahre alte Mitarbeiterin gegen deren Willen auf den Mund zu küssen, was die Frau jedoch erfolgreich abwehrte. Der Obertierpfleger wurde ebenfalls suspendiert und Ende September 2008 fristlos gekündigt.

Die Beschuldigten reden sich raus

Zwei Wochen später nahm sich der Vater zweier Kinder mit einem Alkohol- und Tabletten-Mix das Leben: Der Verlust des Arbeitsplatzes hatte offensichtlich den letzten Anlass dazu gegeben. Die Gründe für den Selbstmord lagen jedoch mehr im familiären Bereich, sagt die Stadtsprecherin: "Es hatte wenig mit den aktuellen Vorwürfen zu tun." Sie betont, der Verstorbene habe nichts von den Taten der beiden Hilfstierpfleger gewusst, schon gar nicht diese gedeckt: "Keine der Praktikantinnen hat eine Aussage gegen den Obertierpfleger gemacht."

Unterdessen klagten Markus F. und Stefan S. vor dem Arbeitsgericht gegen ihre fristlose Kündigung: Die beiden Männer, die über zehn Jahre im Wuppertaler Zoo gearbeitet hatten, verlangten ein "glattes" Kündigungsdatum zum Ende des Jahres, Markus F. stritt außerdem um die Fortzahlung seines Gehalts. Um den Betroffenen eine Aussage vor dem Arbeitsrichter zu ersparen, stimmte die Stadt Wuppertal einem Vergleich zu. Die Äußerungen vor dem Arbeitsgericht geben jedoch einen Vorgeschmack auf den anstehenden Strafprozess, zu dessen Anklagevorwürfen sich bislang keiner der beiden Beschuldigten bekannt hat. Der Anwalt von Markus F. behauptete, eine der betroffenen Frauen sei mit seinem Mandanten liiert gewesen. Das sexistische Foto einer weiteren Betroffenen sei nach Arbeitsschluss und mit Einverständnis der Abgebildeten entstanden.

"Das sind keine Scherze mehr"

Vor dem Arbeitsrichter Ulrich Tittel fanden die beiden Tierpfleger jedoch keine Gnade: "Das sind keine Scherze mehr. In Ihrem Alter hätten Sie wissen müssen, was geht und was nicht", sagte Tittel mit Blick auf die Vernehmungsprotokolle. "Da war ganz klar ein Schema zu erkennen. Wer so etwas tut, hat keine Erziehung genossen." Die Frauen hätten sich erniedrigt gefühlt, seien in Panik versetzt worden. Arbeitsrichter Tittel glaubt den Betroffenen: Es sei unwahrscheinlich, dass sich so viele mutmaßliche Opfer unabhängig voneinander gleiche Szenarien ausdenken.

Tittel konnte sich auch nicht vorstellen, dass die Zoo-Leitung von dem Treiben nichts bemerkt haben will. So schlecht funktionierende "Buschtrommeln" könne es nicht geben. Stadtdezernent Matthias Nocke kennt die Gerüchte, der ein oder andere habe etwas gewusst. Andererseits, gibt Nocke zu bedenken, gebe es jeden Tag im Zoo eine Art Visite, bei der sich Zoo-Direktor und Verwaltungschef über tagesaktuelle Probleme informieren: "Es kann sein, dass es Kommunikationsprobleme zwischen Büro und Stall gegeben hat." Die Staatsanwaltschaft konnte jedenfalls keine Anzeichen von Vertuschung seitens der Zoo-Leitung feststellen.

"Wir wollen den Laden stabilisieren."

Im Zoo bemüht man sich nun um Veränderungen. Man bot der 80-köpfigen Belegschaft an, Wünsche und Vorschläge in anonymen Gesprächen mit Externen zu äußern. Ein Drittel machte davon Gebrauch und kritisierte insbesondere den mangelnden Informationsfluss sowie das Betriebsklima, sagt Stadtdirektor Slawig. Stadtdezernent Nocke steht nun vor der schweren Aufgabe, diese Wünsche zu realisieren. Man habe die Organisation und Kommunikation überprüft und versucht, die Mitarbeiter zu entlasten: "Wir wollen den Laden stabilisieren."

Doch die Mitarbeiterschaft sei tief gespalten. Einige würden nun versuchen, ihren Ärger in anonymen Briefen loszuwerden. Neue Skandale werden ausgerufen: "Es gibt keinen anderen Stadtbetrieb, wo aus Latrinenparolen so schnell Gewissheiten werden wie im Zoo", sagt der Dezernent für Schule, Kultur und Sport. Etliche Vorwürfe konnten bereits ausgeräumt werden, bei anderen müssten noch die staatsanwaltlichen Ermittlungen abgewartet werden. Diese bremsen dringend notwendige Veränderungen. Obendrein ist der Zoo-Direktor derzeit gesundheitlich angeschlagen, ohne ihn wolle man aber den Zoo nicht umkrempeln. "Es ist eine durchwachsene, unbefriedigende Situation", sagt Nocke, der den Zoo-Mitarbeitern wünscht, dass diese sich eines Tages als Mannschaft fühlen, die stolz auf ihre Arbeit ist.

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