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Als wir entnetzt waren

Was tut eine Onlineredaktion, wenn sie offline ist? Alles und nichts: sinnlos herumklicken, auf Monitore starren, sich hilflos fühlen. Protokoll einer Zwangspause.

Von Niels Kruse

  Am Tag, als der Strom ausfiel: der stern.de-Newsroom

Am Tag, als der Strom ausfiel: der stern.de-Newsroom

Die Zwangsentschleunigung der Redaktion beginnt gegen halb elf vormittags: Die Software, mit der wir unsere Artikel veröffentlichen, gibt den Geist auf, die Artikel lassen sich nicht mehr "abschließen", also publizieren. So etwas kommt hin und wieder vor. Das sogenannte Content Management System (CMS) ist eben auch nur Technik. Fünf, maximal zehn Minuten dauert so ein Blackout in der Regel. Die meisten Leser (und nicht wenige Redakteure) kriegen ihn oft nicht einmal mit. Außer an diesem Mittwoch.

Normalerweise betrifft so ein Ausfall nur das CMS. Manchmal auch die Server, auf denen die Bilder gespeichert sind. Doch plötzlich gehen weder E-Mails, noch der Netzzugang, einfach nichts. Die letzte Meldung im Nachrichtenticker lautet: 10:38 Uhr bdt0178 4 wi 309 dpa 0432 Unternehmen/Backwaren/Schweiz/Deutschland/»(Zusammenfassung 1030) Schweizer Konzern kauft deutsche Großbäckerei Klemme =. Die soeben fertiggestellte Nachricht, nach der Umweltminister Peter Altmaier die Kosten der Energiewende auf rund eine Billion Euro beziffert, hängt tatenlos in der "Abschließen"-Schleife.

Twitter und Facebook Verbindung in die Außenwelt

Natürlich folgen die üblichen Scherze: "Jemand hat das Internet kaputt gemacht" und dergleichen. Kurz darauf dann der beunruhigende Anruf aus der IT-Abteilung: Ein Stromausfall hat sämtliche Server bei Gruner + Jahr lahmgelegt, dem Verlag, in dem auch stern.de erscheint. Bis wann die Technik wieder läuft – unbekannt. Dass die Kollegen von Spiegel Online, Zeit, Süddeutsche und all den anderen, den Tod des Kinderbuch-Helden Otfried Preußler vermelden, bekommen wir über Twitter mit – immerhin eine Verbindung in die Außenwelt, die funktioniert. Zu dem Zeitpunkt ist ungefähr eine halbe Stunde vergangen, und die maue Nachrichtenlage treibt ein übles Spiel mit uns: "Streik legt Hamburger Flughafen lahm", "Streik legt Griechenland lahm", "Bei der FDP bewegt sich nichts" steht an diversen Stellen auf unserer Seite wie festgefroren. Sehr komisch.

Der Komplettausfall betrifft das ganze Haus, und auch die Kollegen der anderen stern-Abteilungen fluchen. Zwar ist die Produktion des am Donnerstag erscheinen Heftes abgeschlossen, doch die ersten Seiten für die nächste Ausgabe sind bereits fertig. Nur leider können sie nicht gespeichert werden, weil dazu die Server funktionieren müssten. Tun sie aber nicht. Ebenfalls übel hat es das eMagazine erwischt: Sie müssen die Inhalte des gedruckten stern bis zum Abend, 18 Uhr, auf die Tabletversion überspielt haben – das ist das Versprechen an die Abonnenten. Ohne IT aber sitzen sie hilflos da. Bei uns darf Warren Lee Hill schon seit 6:30 Uhr leben, und die Bayern vom Vorabend glänzen, was schön ist, mittlerweile aber selbst alle Fußballdesinteressierten mitbekommen haben dürften.

Früher war es auch stressig - nur anders

Die Zwangspause durch Zwangsentnetzung sorgt für eine seltsame Stimmung: Einige Redakteure starren hektisch auf festgefrorene Newsseiten der Konkurrenz, als könnten sie das Internet durch bloßes Starren wiederbeleben. Die Nächsten lehnen sich entspannt zurück und nutzen die Pause zum Zeitungslesen, Kaffeetrinken oder Rauchen. Andere wiederum klicken unablässig im CMS hin und her als wollten sie es zum Zucken zwingen. Offline sein in einer Onlineredaktion, so viel steht jetzt schon fest, tut nicht allen gut.

Ab und an öffnet sich im Netz dann doch eine Lücke. Facebook etwa erweist sich als äußert robust. Unsere Vize-Nachrichtenchefin nutzt die Gelegenheit, auf dieser Plattform der interessierten Öffentlichkeit mitzuteilen, dass bei uns gerade nichts läuft. Die Früh-Redakteure entschließen sich, in die Kantine zu gehen und haben die Hoffnung, dass die Küche nicht auch noch computergesteuert ist. Sie beeilen sich mit der Currywurst, denn zu dem Zeitpunkt kann noch keiner von ihnen ahnen, dass die Technik bei ihrer Rückkehr immer noch lahmen wird.

Zwangsläufig poppen erste Gedanken an damals auf. An die entnetzten Zeiten. Als es noch kein Internet gab. Als Redakteure durch bloßes Telefonieren auf dem Stand der Dinge blieben. Als nicht jeder zweite Blick zum Mail-Programm wanderte. Als Geschichten nicht im Minutentakt rausgeschossen wurden. Wer die Hilfslosigkeit in den umherflackernden Augen einiger Kollegen sieht, die nach Halt suchen, weil plötzlich alles so statisch geworden ist, könnte meinen, es seien bessere Zeiten gewesen damals. Waren sie aber nicht. Nur anders stressig.

Entwarnung nach sechs endlosen Stunden

Im Verlag gibt es in allen Räumen Lautsprecherkugeln, die da einfach so hängen und zuletzt vor einigen Jahren bei der letzten Feuerschutzübung benutzt wurden. Gegen 12.30 Uhr erwachen sie wieder zum Leben. Zwei Gongschläge ertönen, eine Frau sagt: Die IT-Anlage werde wieder hochgefahren, bis 14 Uhr sollten die Server und damit das Internet, die Mails, die Nachrichtticker und der ganze Rest, das ganze Leben wieder funktionieren. Sprach's und widerruft ihre Ansage eine dreiviertel Stunde später. Neuer Zeitpunkt der Wiederbelebung: Zwischen 16 und 18 Uhr.

Für eine Nachrichtenseite ist diese Situation natürlich unbefriedigend. Um unsere Leser nicht komplett alleine (und dem Wettbewerb) zu überlassen, entscheiden wir uns, die wichtigsten Meldungen per Twitter zu verbreiten. Ein Notnagel auf 140 Zeichen unter dem Hashtag #sternnews. Kurz vor halb vier dringt eine der wenigen E-Mails durch. Der stern.de-Site-Koordinator teilt mit, dass der Stromausfall im Rechenzentrum II behoben ist, nun alle Server nach und nach wieder hochgefahren werden. "Leider aber könnten die Beeinträchtigungen in Ausnahmefällen auch bis morgen andauern", schreibt der Kollege. Morgen. Das klingt in vielen Ohren ungefähr so zeitnah wie nächstes Jahr Silvester. Oder Fußball-WM in Russland. Es dauert dann nicht so lange. Um 16.34 Uhr, nach knapp sechs Stunden, kommt die Entwarnung: "Ab sofort gehen alle Änderungen wieder live." Und stern.de bringt sich und seine Leser endlich auf den Nachrichtenstand. So schön eine Zwangsentschleunigung einmal sein kann, es fühlt sich erstaunlich gut an, wieder in den Beschleunigungsmodus schalten zu können.

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