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9. Juni 2005, 17:39 Uhr

Nur ein Zerrspiegel der Realität

Sie sagen einiges über die Arbeit der Polizei aus, aber nur wenig über ihr eigentliches Thema: Die Zahlen der polizeilichen Kriminalstatistik sind mit viel Vorsicht zu genießen.

Innenminister Schily kennt die Schwächen der polizeilichen Kriminalstatistik© Andreas Gebert/DPA

Mit kaum einem Satz wird Winston Churchill so gerne zitiert, wie mit seinem Veriss über ein angeblich exaktes Handwerk: "Traue einer Statistik nur, wenn du sie selbst gefälscht hast." Aber selbst wenn alles mit rechten Dingen zugeht, ist die Aussagekraft mancher Statistik begrenzt. Dies betrifft auch die alljährlich vom Bundesinnenminister vorgelegte polizeiliche Kriminalstatistik. Nach den von Otto Schily am Donnerstag präsentierten Zahlen wurden 2004 mehr Gewaltdelikte, aber weniger Kapitalverbrechen registriert.

Doch spiegeln die Zahlen die tatsächliche Entwicklung wider? Es ist vertrackt mit der Statistik. Je erfolgreicher die Polizei ist, je aufmerksamer die Bürger sind, desto mehr Kriminalität gibt es im Lande. Käme die Polizei hingegen ihrer Aufgabe nicht nach oder könnte sie aus Personalmangel Kriminelle nicht ausreichend verfolgen, zeigten die Bürger aus welchen Gründen auch immer weniger Verbrechen an, sofort wiese die Statistik einen Rückgang der Kriminalität aus.

Auf den Schwerpunkt kommt es an

Wenn aber beispielsweise die Polizei die Bekämpfung der Rauschgiftkriminalität zu ihrem Schwerpunkt erhebt, mit gezielten Aktionen gegen Dealer und international agierende Schmugglerbanden vorgeht, steigt die Zahl der erfassten Rauschgiftdelikte automatisch an. Bei der aktuellen Statistik zeigen dies die deutlich gestiegenen Zahlen von Kinderpornografie. Erfolge und Versäumnisse schlagen sich in der Statistik nieder, auch wenn womöglich die tatsächliche Entwicklung in eine ganz andere Richtung geht. Die Dunkelziffer der nicht erfassten Straftaten ist ohnehin sehr hoch. Schily ist sich des Problems bewusst: "Die polizeiliche Statistik ist ein Arbeitsausweis der Polizei, nicht unbedingt ein Ausweis für das reale Geschehen."

Problemfall: Ausländerkriminalität

Noch schwieriger wird es in manchen Teilbereichen, so etwa bei dem Reizthema Ausländerkriminalität. 2004 besaßen laut Statistik 22,9 Prozent der ermittelten Tatverdächtigen nicht die deutsche Staatsangehörigkeit. Der Ausländeranteil an der Wohnbevölkerung liegt nur bei 9 Prozent. Sind Ausländer also deutlich krimineller als Deutsche? Dies entspricht zwar einem weit verbreiteten Vorurteil. Doch die scheinbar eindeutigen Statistiken verzerren zum Teil die Realität, so als würden Äpfel mit Birnen verglichen.

In der Bevölkerungsstatistik sind Ausländer, die sich nur kurzfristig als Besucher, Durchreisende, Grenzpendler oder Stationierungsstreitkräfte in Deutschland aufhalten, nicht erfasst. Schon gar nicht tauchen dort die tausenden Illegalen auf. Verstoßen diese Gruppen aber gegen deutsche Gesetze und werden erwischt, gehen sie in die Statistik ein. Sie werden damit in Bezug gesetzt zu einer statistischen Gesamtmenge, in der sie aber selbst gar nicht enthalten sind. Die Kriminalitätsbelastung reduziert sich um das 2,7fache - haben Experten im Amt der Integrationsbeauftragten ausgerechnet - wenn nur diejenigen Tatverdächtigen berücksichtigt und zur gemeldeten Wohnbevölkerung in Beziehung gesetzt werden, die auch melderechtlich erfasst sind.

Gegen bestimmte Gesetze können nur Ausländer verstoßen

Gar nicht berücksichtigen kann die Statistik die soziale Lage, aus der sich oft kriminelle Energie entwickelt. Bei den in Deutschland lebenden Migranten - vor allem den Generationen der so genannten Gastarbeiter - ist der Anteil der bildungsfernen Unterschichten besonders hoch. Von Arbeitslosigkeit sind sie häufiger betroffen als Deutsche. Und schließlich gibt es Delikte, die zwar in die Statistik eingehen, die aber nur von Ausländern begangen werden können. Kein Deutscher kann gegen das Ausländerrecht oder gegen Asylverfahren verstoßen.

Norbert Klaschka/DPA
 
 
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