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29. Juni 2009, 17:18 Uhr

Adam sucht das Glück

Seit Jahren wusste Adam: Irgendwann knacke ich den Lotto-Jackpot. Und tatsächlich: Er tippte sechs Richtige. Doch dann kam sein Kollege und forderte einen Teil des Gewinns. Eine tragische Geschichte. Von Nina Poelchau

Lottogewinner, Jackpot-Knacker, Beschlagnahmung, Millionengewinn

Adam auf der Terrasse seines Reihenhauses in Hildesheim. Ihm ist die ganze Sache auch etwas unangenehm, deswegen möchte er nicht erkannt werden© Olaf Ballnus

Nur eine Nacht ist Adam high. Er denkt: endlich am Ziel! Doch dann zerfällt sein Glück in Stücke. Es ist die Nacht vom 2. auf den 3. Juli 2008. Er erinnert sich genau, er erzählt es in polnisch gefärbtem, weich gedehntem Deutsch, detailgetreu, als hätte er sich selbst gefilmt, es war das größte Ereignis seines Lebens: Von halb acht an saß er auf dem Sofa. Im Fernsehen verfolgte er die Ziehung der Lottozahlen. In der rechten Hand hielt er den Bleistift, in der linken ein Lineal, vor ihm auf dem Tisch: der Spielschein. 50 Zahlenreihen. Adam verglich Zahl für Zahl, er spürte sein Herz immer heftiger pochen: 1, 9, 12, 22, 23, 27, Zusatzzahl 6. Er sagte kein Wort. Er stand langsam auf, stand einfach da und starrte in den Garten, dann erst brach es aus ihm heraus: "Frau! Wir haben den Jackpot!" Seine Frau stürzte aus dem Nebenraum: "Wer?" Er: "Ich! Und Waldemar!" Er rief Waldemar an, der den Gewinnschein mit bezahlt hatte und ganz aus dem Häuschen war. Sie jubelten, großes Geschrei: Sie sind reich!

Drei Wochen später beschlagnahmt die Staatsanwaltschaft 1,1 der gewonnenen 1,73 Millionen Euro. Adam und Waldemar bleiben je 289 000 Euro. Freuen können sie sich nicht.

Groß, schlaksig, die schwarzen Haare kurz geschoren, das Auffallendste an dem 44-jährigen Adam B. sind die abstehenden Ohren und die schwarzen Augen, die ziemlich melancholisch schauen. Er möchte sich nicht von vorn fotografieren lassen, das müsse doch nicht sein. Ein strahlender Lottogewinner?

Vom Leben betrogen

Adam B. ist eher ein Beispiel dafür, dass einem das Glück sofort ein Schnippchen schlägt, wenn man sich von ihm ein allzu konkretes Bild macht. Elf Monate nach dem Glücksabend hockt er nun bekümmert auf dem Sofa in seinem Wohnzimmer im gemieteten Reihenhaus im Westen von Hildesheim. Seine Frau brütet gegenüber im Sessel, unter dem Esstisch lugt ein schwarzer Hund hervor. Adam raucht viele Zigaretten.

Eigentlich ist er ein scheuer Mensch, aber jetzt will er über seinen doch rechtschaffen verdienten Gewinn sprechen. Es ist ihm anzusehen, dass er sich nicht fühlt wie ein Sieger, eher wie eine arme, vom Leben betrogene Sau. Und das zum zweiten Mal schon.

Das erste Mal lebte Adam B. noch im südlichen Polen. Er war jung, seine Zukunft war düster. Adam kam vom Land und malochte bei Gliwice im Bergbau. Daran hat er schlimme Erinnerungen. Morgens in die Grube fahren, den ganzen Tag in der Dunkelheit. Die beklemmende Enge, der feuchte Geruch. Er bekam Kopfschmerzen. Rote Pusteln im Gesicht. Die anderen: alle stärker als er, er war ein Außenseiter. Ab und zu spielte er Lotto. Er malte sich aus, wie das wäre: Millionen zu haben. Den anderen überlegen zu sein. Ihnen zuzurufen: Ihr könnt mich mal!

Die teure Geliebte Lotto

Doch einmal fehlte ihm das Geld, um den bereits ausgefüllten Spielschein abzugeben. Ihm entging ein Millionengewinn. Das war der Tag, an dem Adam merkwürdigerweise begann, verbissen an sein Glück zu glauben. Er schaut jetzt in seinen Garten hinaus, sein Blick streift die geschrubbten Terrassenplatten, die Gartenzwerge aus dem Pflanzenmarkt, er zuckt mit den Schultern: Der Mensch habe in einer solchen Situation zwei Möglichkeiten. Entweder verzweifeln oder die Sache so auffassen: Das Glück will zu ihm, man muss ihm nur den Weg ebnen. "Nä?", fragt Adam und lächelt seiner Frau ein bisschen spitzbübisch zu. Er hat eine nette Frau, aber seine Geliebte hieß ab sofort Lotto. Bis zu 500 Euro im Monat wird er später bei ihr liegen lassen.

Der verpasste Gewinn machte ihn mutig. Er fühlte sich von nun an wie ein Auserwählter. Er kündigte im Bergbau. Wanderte nach Deutschland aus, seine Frau hat deutsche Vorfahren. Adam findet einen Job beim Autozulieferer Bosch in Hildesheim, drei Schichten im Wechsel, öde und anstrengend, aber nicht schlecht bezahlt, zum Schluss verdient er 1800 Euro netto im Monat.

Er ist immer pünktlich, zurückhaltend, die anderen wissen von ihm nur: Er hat einen Hau, was Lotto angeht. Er kann Gewinnchancen vorrechnen, er weiß genau, welches Glücksspiel gerade welchen Gewinn ausschüttet und was es kostet. Er ist besessen, kann man sagen.

Jede Woche Vollsystem

Es gibt nur einen am Fließband, mit dem er nicht klarkommt: Jerzy S., 49, auch aus Polen. Der spricht besser Deutsch und lässt ihn das spüren. Jerzy ist so etwas wie der Gegenentwurf zu Adam: ein Lebemann, solariumgebräunt, einer mit vielen Kontakten in der Stadt, einer, das ist Adams Eindruck, dem alles zufliegt. Adam hat oft das Gefühl: Jerzy erkennt seine Unsicherheit und kann ihn auflaufen lassen - und wenn er nur die rechte Augenbraue hochzieht und so tut, als verstünde er sein Deutsch nicht. Aber Adam lässt Provokationen an sich abprallen, er verhält sich kollegial, geht ja davon aus: Seine Zukunft ist der Hauptgewinn.

Manchmal träumt er Zahlen und ärgert sich, dass er sie am Morgen wieder vergessen hat. Es ist, als hätte er mit dem Glück den Vertrag geschlossen, möglichst kein Spiel mehr zu versäumen. Damit er sich das leisten kann, motiviert er die Kollegen mitzumachen. Eine feste Gruppe aus Montagehalle 152 spielt bald jede Woche Vollsystem, immer dieselben Zahlen. Waldemar aus Kasachstan, mit dem Adam später den Millionencoup landen wird, ist dabei, Jerzy auch. Ab und zu gewinnen sie ein paar Hundert Euro, dann wird in der Kaffeepause brüderlich geteilt. Zusätzlich trommelt Adam wechselnde Tippgemeinschaften zusammen, wenn sich ein Jackpot angesammelt hat oder ein "Superding" auf dem Markt ist - so eins wie am 2. Juli 2008, ein Sonderangebot der Lottogesellschaft: 50 Kästchen für 62,50 Euro.

Mal machen nur zwei Kollegen mit, mal mehr. Meistens sind es Leute aus Adams Schicht, weil es einfach für ihn ist, die schnell anzuwerben. Waldemar gehört zu seiner Schicht, Jerzy nicht.

Geld bringt Sicherheit

Grundsätzlich ist es Adam, der für die anderen alles erledigt: Er sammelt das Geld ein, kauft die Scheine, kopiert sie, übergibt die Kopien am nächsten Tag seinen Mitspielern. Wenn die Kollegen murren: "Das wird doch nichts", erzählt er von Polen und spornt sie an: "Jungs, das klappt. Wir gewinnen! Und dann fliegen wir nach Australien und reiten auf Kängurus."

Dabei sind seine Pläne viel banaler. Einen Riesenbatzen Geld auf dem Konto haben, ein tolles Bad, ein Neuwagen, weiter zu Bosch gehen, die polnische Verwandtschaft unterstützen. Nach außen der Alte bleiben, aber im Stillen sicher sein, dass er der King ist, dass kein Mensch ihn mehr einschüchtern kann: Das ist Adams Vision vom Glück.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 27/2009

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KOMMENTARE (10 von 21)
 
Krakatoa41 (05.07.2009, 17:25 Uhr)
Verstehe nicht
ich verstehe hier absolut nicht die Beiträge einiger Kommentatoren, dieses Fall ist doch wirklich glasklar, es gab öfters wechselnde Tippgemeinschaften, jeder der aktuell dabei war, wurde namentlich auf dem Tippschein vermerkt und erhielt eine Kopie und Jerzy ist ein Betrüger und das ist so offensichtlich, das nicht verstehen kann, was wir für blinde Richter in diesem Land haben. Dieser Betrüger sollte verhaftet und eingesperrt werden.
In einer Tippgemeinschaft sichert man sich immer vorher ab und genauso wurde es in diesem Fall gemacht, weshalb will der Richter diesem Betrüger nun Geld zukommen lassen?
Maria1000 (05.07.2009, 16:24 Uhr)
@Schulse, schreiben Sie doch gleich auf POLNISCH anstatt
mühsam es auf Deutsch zu versuchen, um ihrem "Freund"(?) Jerzy zu helfen!
Lotto = Wer den Scheinm HAT, ist der Gewinner, es sei denn es gäbe SCHRIFTLICHE andere Absprachen.
Ich glaube diesem Jerzy KEIN WORT!
LOL
Maria1000 (05.07.2009, 16:22 Uhr)
@Breadman: Sehe ich ganz genauso wie Sie! Und diesen Jerzy würde ICH
nach einem entsprehenden Urteil auch noch wegen BETRUGSVERSUCHS anzeigen! Aber dafür ist Adam wohl zu "gutmütig".
Zudem ezigt das Ganze mal wieder, dass man Lotto immer nur ALLEINE spielen sollte, also nur für SICH! Was solld er SINN sein, "gemeinsam" zu spielen? Vor allem noch mit so Typen mit merkwürdigem dubiosen CHARAKTER wie ich dem Artikel über Jerzy entnehme...
Maria1000 (05.07.2009, 16:19 Uhr)
Diesem seltsamen Jerzy gehört NICHTS! Soviel ich weiss
muss man beim Lotto spielen nachweisen(!) das sman spielte. Zudem sollten sich einige "Kommentatoren" (= Freunde von Jerzy? LOL) hier SCHÄMEN!
Maria1000 (05.07.2009, 16:18 Uhr)
Ich verstehe das Problem der Urteilsfindung nicht: Im Zweifel FÜR den
Angeklagten! Und beweisen kann dieser "seltsame" Jerzy nicht, dass er mitgespielt hat, also sollte er auch NICHTS kriegen!
Unsere Richter sind leider so weltfremd oft...
Aquarius_Jedermann (05.07.2009, 15:13 Uhr)
Fehler im System
Offensichtlich gibt es einen Fehler im System, denn früher (vor 30 Jahren) musste man zumindest seinen Namen auf den Tippschein schreiben. Die Lottogesellschaften könnten ja Tippscheine für Wettgemeinschaften ausgeben, auf denen soviel PLatz ist, dass alle aus der Wettgemeinschaft unterschreiben können, die an der Wette teilnehmen. Das würde sicher manchen Ärger ersparen, denn wer setzt schon Verträge auf, bevor er mit anderen einen Wettgemeinschaft bildet.
Jazzzy (05.07.2009, 14:23 Uhr)
Es ist offensichtlich, wer
der Betrüger ist: Jerzy
Hätte er tatsächlich mitgespielt und für den Lottoschein mitbezahlt, dann hätte er am nächsten Tag nicht behauptet, Adam wolle ihm nichts abgeben. Armer Adam...
Corazito3333 (05.07.2009, 14:07 Uhr)
Über Geld spricht man nicht...daß ist die Moral der Geschicht...
dachte allerdings der 3. muß beweisen, daß er mitgespielt hat????
Klar der typ will natürlich auch abzocken, ich glaub ich kenn den gewinner auch hab auch mitgespielt, ob der Hr.Richter mir auch einen Anteil zuspricht!!!!!!!!!!!!!!!!
BreadMan (05.07.2009, 13:35 Uhr)
Eigentlich ganz einfach
Wenn er wirklich so akribisch ist, wie dargestellt und immer jeder Mitspieler eine Kopie bekam und auch seine ganzen Archive inzwischen so geordnet sind - dann kann ich den Richter nicht verstehen, der hier auf einem Vergleich versucht, den Prozess aus der Welt zu schaffen. Das ist lächerlich - entweder ich spiele Tippgemeinschaft und achte dann auch, dass ich für mein Geld einen Spielscheinanteil/Nachweis kriege, oder nicht. Wenn dieser Adam das immer so gemacht hat, warum kann sein Kontrahent es hier nicht nachweisen?
Und dass er diesen Kollegen, der ihn offenbar häufiger drangsaliert hat, einen unberechtigten Gewinn auch nicht im Vergleichsverfahren zugestehen will, kann ich nachvollziehen. Würde ich auch nicht machen, bei jemanden, der mir nie wohlgesonnen war.
Ich denke, die juristische Perspektive ist angesichts der Vita dieser Tippgemeinschaft und der dokumentierten, archivierten Umstände eindeutig und wird zu Lasten des Gegners ausgehen. Streitwert + Anwalt * Gerichtskosten wären dann die gerechte Strafe für Habgier und Lügen.
schade77 (05.07.2009, 13:04 Uhr)
Äh bin ich hier im falschen Film?!
...ich kann doch nicht dreimal mittippen, dann nicht mehr und wenn die anderen gewinnen, plötzlich sagen, moralisch etc hätte ich auch ein Drittel gewinnen müssen. Wer an diesem Tag mitgetippt hat, gewinnt mit, die anderen haben eben Pech gehabt. Deshalb ist Lotto ja auch ein Glücksspiel.
Und wenn der Kollege so penibel in den letzten Jahren Buch über jeden einzelnen Schein geführt hat, wieso sollte er plötzlich VOR dem Gewinn geschludert haben? Ich glaube ihm und er soll seinen Gewinn mit seinem Freund teilen. Die andere Ratte wird wohl leider nicht die letzte Ratte bleiben, wenn´s ums Geld geht, kennen solche *zensiert* doch nichts...
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