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Sanfter Taifun im Schlossgarten

Zwei Jahre lang haben die "Parkschützer" im Schlossgarten campiert. Doch Stuttgart 21 lässt sich nicht aufhalten. Nach der Räumung der Zelt- und Hüttenburg macht sich Ernüchterung breit.

Von Mathias Becker, Stuttgart

  Schluss mit der Hängematte zwischen Ästen: Das Camp der S21-Gegner im Stuttgarter Schlossgarten wurde aufgelöst

Schluss mit der Hängematte zwischen Ästen: Das Camp der S21-Gegner im Stuttgarter Schlossgarten wurde aufgelöst

  • Mathias Becker

Als letztes Abendessen gab es Kohleintopf. Am Morgen danach steht der rußschwarze Kessel mit den Resten vergessen in dem Chaos, das bis heute früh das Herzstück des Widerstands war: Die Zelt- und Hüttenburg im Schlossgarten, in der seit zwei Jahren Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21 lebten, liegt in Trümmern. Europaletten, Holzbalken, Zeltplanen sind über das Areal verstreut, die schmalen Stämme der Wigwams liegen da wie ein großes Mikado, dazwischen Habseligkeiten der Bewohner, Schuhe, Tassen, Isomatten. "Hier sieht's aus wie auf den Philippinen nach einem Taifun", sagt ein Polizist zu einem Kollegen.

Der Taifun kam in der Nacht. Um drei Uhr hatte die Polizei die S21-Gegner aufgefordert, den Schlossgarten zu verlassen. Wer nicht freiwillig ging, wurde weggetragen. Gut drei Stunden später waren nur noch wenige Protestler auf Plattformen in den Bäumen. Die Beamten durchbrachen die Absperrung des Camps und rissen Zelte und Hütten nieder.

Am Morgen danach schaufeln die Aufräumtrupps die Überreste in große Plastiksäcke. Der Geruch von kaltem Rauch und Kerzenwachs mischt sich mit dem Gestank eines Dieselgenerators, der für einen besonders heiklen Teil der Räumung gebraucht wird: In einem Zelt liegen zwei Aktivisten auf dem Boden. Ihre Hände haben sie in einer Plastikröhre mit Ketten verbunden und in die Erde betonieren lassen. Mit einem Bohrhammer, in gleißendem Flutlicht, bearbeitet ein Beamter die unterirdische Konstruktion, während drei Parkschützer die Männer, die seit mehr als zwölf Stunden in Schlafsack und Wärmefolien ausharren, mit warmen Getränken versorgen. Es dauert mehr als zwei Stunden, bis die Aktivisten, schweigend und kreidebleich, vom Gelände geleitet werden.

S21-Gegner werden von den Bäumen geholt

Nach dieser ungewollten Befreiung ist der Widerstand nur noch in luftigen Höhen zu Hause. Eine Handvoll Robin-Wood-Aktivisten sitzt gut vertäut auf Plattformen in den Astgabeln und verfolgt das Ende des Camps in 15 Metern Höhe - solange ihnen Zeit dazu bleibt. Maskierte SEK-Kletterer lassen sich von einem Kran hinauffahren. Nach einem kurzen Gespräch sieht man sie gemeinsam in den Tragekorb steigen, während unten zwei Mitarbeiter der Stadt die Bäume mit Leuchtfarbe markieren: 108 sollen gefällt werden, 68 versetzt.

So heftig die Zusammenstöße am "Schwarzen Donnerstag" im September 2010 waren, als die Polizei mit Wasserwerfern und Tränengas gegen Schüler und Rentner vorrückte, so friedlich ist es an diesem Vormittag im Schlossgarten. Nur wenige Stuttgarter harren bei Kälte und Nieselregen am Absperrgitter aus. Sie beobachten den Einsatz stumm oder klagen ihr Leid dem nächsten Polizisten, der dann verständnisvoll nickt. "Die Menschen sind verzweifelt", sagt Friedrich Gehring. Der 68-jährige Pfarrer im Ruhestand steht im gelben Regenmantel vor dem Gitter zum Schlossgarten; gemeinsam mit Kollegen hat er eine mobile Seelsorge für diesen Tag organisiert. "Es ist wichtig, dass es jemanden gibt, der den Leuten zuhört", sagt er. Das vorherrschende Gefühl? "Ohnmacht." Und was kann man dagegen tun? "Ich erinnere die Leute dann daran, dass es Orte auf der Welt gibt, an denen der Neoliberalismus noch viel folgenreicher sein Unwesen treibt", sagt Gehring. "Das beruhigt die Gemüter etwas."

Aus Bäumen werden Späne

Vor dem Südflügel knipst ein Greifarm die Äste von einem Baum, als wären es Streichhölzer. "Ja, spinnen denn die?", entfährt es einem Mann. Seine Nachbarn sehen staunend zu, wie der Greifer die Einzelteile in einen Häcksler stopft, der den stattlichen Baum im Handumdrehen in eine Containerladung grober Späne verwandelt. Es braucht halt seine Zeit, zu verstehen, dass das Protestcamp ab sofort der Vergangenheit angehört. Und mit ihm eigentlich auch die "Parkschützer", weil es keinen Park mehr gibt, den sie schützen könnten.

"Wir werden unseren Protest auch ohne das Camp fortsetzen", sagt Alexander Gerschner. Der Robin-Wood-Aktivist hat sich 2008 zum ersten Mal in eine Baumkrone im Schlossgarten geschwungen. Und er wird auch nach diesem kalten Februartag an Aktionen teilnehmen. "Diese Baustelle wird 15 Jahre in der Stadt sein", sagt er. "Da gibt es genug Möglichkeiten, sie kritisch zu begleiten."

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