Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

Warum das Urteil im Fall Lohfink wunderlich ist

Der Prozess gegen Gina-Lisa Lohfink ist vorbei. Die Richterin hat sie für schuldig befunden. Doch die eigentliche Frage wurde gar nicht geklärt. Abschließende Gedanken zum Gerichtsverfahren.

Gina-Lisa Lohfink

Schuldig gesprochen. Doch ihr Gerichtsverfahren verrutschte schon am ersten Tag: Gina-Lisa Lohfink.

Gestern fand ich bei der Durchsicht meiner Unterlagen einen verschlissenen Zettel. Darauf, kreuz und quer hingefetzt, handschriftliche Notizen, die ich am 1. Juni 2016, dem ersten Verhandlungstag im meistdiskutierten Gerichtsverfahren des Jahres machte. "Anw + Richterin können einander nicht ausstehen. Das wars", schrieb ich unter anderem, dazu verschiedene Beobachtungen: Wie etwa die Gerichtssprecherin von Reporter zu Reporter ging und Stimmung gegen die Anwälte von Gina-Lisa Lohfink machte. Ich wunderte mich über dieses Verhalten, wie ich mich noch über vieles in diesem Verfahren wundern würde. Meine Position in dem Fall und meine Sicht auf die Person Gina-Lisa Lohfink und die Folgen des Verfahrens für ihr Leben habe ich dargelegt. Ich möchte an dieser Stelle nur noch ein paar Gedanken formulieren - und mich ein letztes Mal wundern.

Die eigentliche Frage wurde gar nicht geklärt

Das Gerichtsverfahren verrutschte in meinen Augen nämlich schon am ersten Tag. Von Anfang an ging es gar nicht darum, ob Gina-Lisa Lohfink zwei Männer fälschlich der Vergewaltigung beschuldigt hatte – der bewusste Strafbefehl über 24.000 Euro, gegen den Lohfink sich wehrte, war ja der Grund für den Prozess. Plötzlich ging es aber nur noch darum, ob sie nun vergewaltigt worden war oder nicht. Die Klärung dieser Frage war aber gar nicht Gegenstand des Verfahrens, diese war vielmehr längst erfolgt – durch die Abweisung von Lohfinks Anzeige.

Was eigentlich geklärt hätte werden müssen ist die Frage, ob Lohfink tatsächlich wider besseres Wissen eine falsche Beschuldigung erhoben hat, in voller Absicht also gelogen hat, nur um den beiden Männern zu schaden - beziehungsweise ob die von ihr getätigten Aussagen tatsächlich eine Falschbeschuldigung darstellen, die eine Strafe in Höhe von 24.000 Euro rechtfertigt. Ich habe diesen Punkt bereits vor Prozessbeginn aufgebracht. Die Frage wurde jedoch nur ein einziges Mal erörtert, am letzten Verhandlungstag, und zwar von Lohfinks Verteidiger. Es spielte aber keine Rolle, Beobachter äußerten sich im Gegenteil pikiert darüber, was das jetzt wieder für ein Schlenker sei.

Dass ein ganzes Gerichtsverfahren von seinem ursprünglichen Ziel abgebogen und über Monate querfeldein gerumpelt war, immer der Musik nach, die von Einflussnehmern jeder Art - Medien, Demonstranten, Justizsenatoren - vorgegeben wurde, fiel offenbar niemandem auf. Und das wundert mich bei dieser seltsamen Geschichte am meisten.


Ich fühle mich von Gina-Lisa Lohfink in keiner Weise verhöhnt

Ein kleines P.S. für die Richterin: Ich habe eine andere Sicht auf diesen Fall als Sie. Ihre Sicht gilt. So will es der Rechtsstaat. Sie sagen, der Fall Lohfink und ihr Verhalten sei ein Hohn für "echte" Opfer einer Straftat. Nun, ich selbst wurde mehrfach Opfer sexueller Gewalt. Ich kann Ihnen jedoch versichern, dass ich mich von Frau Lohfink in keiner Weise verhöhnt fühle. Ich finde übrigens auch nicht, dass sie die falsche Person ist, an der sich in den vergangenen Monaten eine öffentliche Diskussion über die Einvernehmlichkeit sexueller Handlungen und das Sexualstrafrecht entzündete. Denn sehen Sie – jeder Mensch, an dem sich eine solche Diskussion entzündet, ist eine passende Person.

Und noch ein etwas längeres P.P.S. für alle, die glauben, ein Gerichtsurteil sei der ultimative Ausdruck der Wahrheit: Viele Menschen scheinen der Auffassung zu sein, das Strafrecht sei eine Art mathematischer Gleichung, in der man die Unbekannten mit den jeweiligen Namen ersetzt und – wenn man alles richtig ausrechnet – ein unzweifelhaft wahres Ergebnis erhält. Es geht in ihren Augen bloß darum, bei einem Prozess keine Rechenfehler zu machen, dann muss einfach das Richtige dabei herauskommen.

Aber das Strafrecht ist eben keine mathematische Gleichung. In einem Gerichtsverfahren steht der Richter nicht an der Tafel, die Kreide in der Hand, von Staatsanwalt und Verteidigung Hinweise entgegennehmend, wo etwas falsch addiert oder subtrahiert wurde, und am Ende steht unten die richtige Lösung. Ich habe manchmal den Eindruck, Vertreter der Justiz wollen uns gerne glauben machen, dass es so sei. Aber die Wahrheit ist eine andere.

Hätte ein anderer Richter anders entschieden?

Wenn ein Gerichtsurteil die korrekte Anwendung des Strafrechts bedeuten würde, dann kämen Richter in Deutschland nicht zu verschiedenen Schlüssen, wie es etwa im Fall minderjähriger Ehefrauen von Flüchtlingen geschah: Der eine Richter erklärt eine solche Ehe für aufrecht, ein anderer für nichtig nach deutschem Recht. Beide vertreten den Rechtsstaat. Hätte ein anderer Richter im Fall Lohfink also anders entschieden? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wir werden es nicht erfahren. Nur eine Erkenntnis, und hier beende ich mein P.S., die bleibt: Die Menschlichkeit der deutschen Gerichte ist ein Faktor, der nicht wegzuwischen ist. Weil ein Gericht eben keine Wandtafel ist, und ein Verfahren keine Gleichung.


Zum Shitstorm? Durch die Tür hinaus, zur linken Reihe, jeder nur einen Post.


täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools