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Der Fall Weinstein: Das verlogene System von Hollywood

Die Elite der Filmbranche beeilt sich, zum Filmproduzenten und mutmaßlichen Sexualverbrecher Harvey Weinstein auf Distanz zu gehen. Doch in manchen Fällen ist das nur Show.

Erstaunlich, wie viele Großkaliber der amerikanischen Filmindustrie nie etwas gewusst haben wollen von den Anschuldigungen gegen einen der Größten ihrer Branche. "Man hörte die üblichen Gerüchte à la 'Frauen schlafen sich hoch, um Rollen zu kriegen', aber nichts von Übergriffen der Sorte, von denen man jetzt hört“, sagte George Clooney über den Filmproduzenten Harvey Weinstein, 65, dem sexuelle Straftaten vorgeworfen werden. Die berühmte Casting-Couch, auf der die häufigste Position die Opfer-Täter-Umkehr ist, gehört zum System von Hollywood so selbstverständlich dazu, dass es drei Jahrzehnte lang niemandem einfiel,  zu hinterfragen, was da geschah - geschweige denn, dem Filmmogul den Riegel vorzuschieben. Jetzt endlich, seitdem sich genügend seiner mutmaßlichen Opfer bereit erklärt haben, öffentlich Stellung zu nehmen, und seitdem auch härtere Vorwürfe bis hin zur Vergewaltigung laut wurden, reagiert Hollywood öffentlich, mimen die Spitzen der Branche gekonnt die erschrockene Mamsell.

Ein unwürdiges Schauspiel

Es ist ein Schmierentheater, das sich hier an vielen Stellen abspielt. Die Schauspielerin Winslet sagte angesichts der Vorwürfe etwa: "Ich hoffte immer, all die Geschichten über Harvey Weinstein seien erfundene Gerüchte. Vielleicht waren wir alle naiv." Ja, Kate Winslet muss wirklich naiv sein, wenn sie in den Jahrzehnten, die sie sich im Zentrum der Filmwelt bewegt, nicht verstanden hat, dass eine derartige Vielzahl von "Gerüchten" selten von ungefähr kommt. In einem stern-Interview vor zwei Jahren behauptete sie, ihr würde "so etwas" nie passieren, dazu sei sie "zu stark". Anschließend führte sie mit Kicks und Schlägen in die Luft vor, was sie mit einem Mann machen würde, der sie sexuell belästigt. Dass Kate Winslet mit diesen Äußerungen jeder Frau, die sexuelle Gewalt erfuhr, selbst die Verantwortung für die Straftat zuschiebt, war ihr offenbar nicht klar.

Dass es zudem eine Vielzahl äußerst starker Frauen gibt, denen genau "das" passierte, geht in Frau Winslets Gehirn wohl auch nicht rein. Wir vergessen in unserem Kult um Schauspieler gerne, dass diese vielleicht im Film kluge Menschen darstellen mögen - es jedoch im wirklichen Leben nur selten sind. Die Sätze, die wir von Filmstars zu hören bekommen, stammen oft genug aus der Feder eines PR-Beraters. Kate Winslet ist ein Paradebeispiel für eine törichte, vom Leben gut behandelte Frau, die ihren Geschlechtsgenossinnen aus naiver Selbstgerechtigkeit heraus in den Rücken fällt und es nicht einmal bemerkt.

Meryl Streep und der Schlag ins Gesicht der Opfer

Und dann ist da noch . Ich bewundere die Schauspielerin, über den Menschen Meryl Streep habe ich mich  schon einige Male gewundert. Die selbe Meryl Streep, die Harvey Weinstein in einem öffentlichen Statement verurteilt, erhob sich während der Oscar-Verleihung 2003 zu einer stehenden Ovation, als der Regisseur Roman Polanski - der eine 13-Jährige unter Drogen gesetzt und vergewaltigt haben soll -, in absentiam einen Preis für seinen Film "Der Pianist" erhielt. Das Publikum hätte ein Zeichen setzen können - höflich applaudieren etwa, aber dabei sitzen bleiben. Weil Meryl Streep, die Königin von Hollywood, jedoch demonstrativ aufstand, taten es ihr auch andere gleich - eine Geste, die nur als Schlag ins Gesicht jedes Menschen empfunden werden kann, der Opfer eines sexuellen Übergriffs durch jemanden wurde, der damit seine Machtposition zementierte.

Belästigungskultur Harvey Weinstein

Auf die ungeteilte Solidarität ihrer Kolleginnen können Harvey Weinsteins Opfer ohnehin nicht zählen. Whoopi Goldberg, die  leider zu allem etwas zu sagen hat, konnte auch angesichts dieses Skandals nicht schweigen. Die Schauspielerin verlor meinen Respekt, als sie zu der mutmaßlichen  Vergewaltigung der 13-jährigen Samantha Geimer durch Roman Polanski erklärte: "It wasn't rape-rape" - frei übersetzt: "Es war keine echte Vergewaltigung.“ Wenn die Darstellungen von Samantha Greiner in ihrem Buch "Mein Leben im Schatten von Roman Polanski" stimmen, dann ist es vermessen, zu äußern, dass es sich nicht um eine Vergewaltigung handelte. Diese Whoopi Goldberg meldete sich natürlich auch in der Sache Weinstein zu Wort. Und kritisierte jene Frauen, die - nachdem sie ihn wegen verschiedener sexueller Übergriffe angezeigt hatten - vermutlich unter dem Druck des mächtigsten Mannes ihrer Branche einem außergerichtlichen Vergleich zugestimmt hatten. "Ich hätte es nicht geschafft, das Geld zu nehmen", sagte sie. "Wenn jemand dir so etwas antut, musst du schreien, so laut du kannst, und andere Schwestern werden dir helfen einen neuen Job zu finden." Schwestern, die einer Frau möglicherweise ins Gesicht sagen, dass das, was ihr gerade "passiert" ist, gar kein echtes Verbrechen war.

Vieles, das Harvey Weinstein tat, gehört in Hollywood dazu, wie George Clooney sagte. Wenn die Größten ihrer Branche eine schmierige Belästigungskultur als "normal" bezeichnen, darf es als Wunder gesehen werden, dass die Affäre Weinstein überhaupt ans Licht kam.

Alles ganz normal?

Es gibt zum Glück Stars, die eine ehrliche Auseinandersetzung versuchen. Die Schauspielerin Jessica Chastain fand für Kommentare wie die von Streep und Clooney klare Worte: "Die Geschichten waren überall zu hören. Das zu leugnen bedeutet, ein Umfeld zu schaffen, in dem so etwas wieder geschehen wird."

Die Wortmeldungen der größten ihrer Branche zeigen, wie wenig die Opfer von Harvey Weinstein auf ihre "Schwestern" oder auf irgendjemanden anderen in Hollywood zählen durften. Die Anzüglichkeiten, die Belästigungen, die verniedlichend als "Casting-Couch" bezeichneten sexualisierten Machtspiele sind keine Ausnahme im System von Hollywood, sondern seine Manifestation.

Die Männer von Hollywood

Wir wissen nicht, wie viele der Männer, die sich jetzt empört in der Weinstein-Affäre zu Wort melden, selbst Dreck am Stecken haben. Doch, von einem wissen wir es: Ben Affleck. Der Schauspieler und Regisseur verurteilte gerade wortgewaltig Harvey Weinsteins Taten, behauptete gar, in all den Jahren, die er mit ihm zu tun hatte (Weinstein produzierte 1997 seinen und Matt Damons ersten Film "Good Will Hunting") nichts, aber rein gar nichts von all den Geschichten über den Filmmogul mitbekommen zu haben. Es ist der selbe Ben Affleck, der 2003 der damals 21-jährigen Schauspielerin Hilarie Burton vor laufender Kamera an die Brust griff - Konsequenzen gab es für ihn bis heute keine.

Noch vor einem Jahr stellte sich Ben Affleck schützend vor seinen Bruder, Schauspieler Casey Affleck. Ihn hatten zwei Frauen aus der Filmbranche davor der sexuellen Belästigung beschuldigt, wegen ganz ähnlicher Situationen, wie sie andere Frauen mit Harvey Weinstein erlebt haben sollen.

Die beiden Frauen stimmten jedoch einem außergerichtlichen Vergleich zu. Damit war die Sache erstmal vom Tisch und kochte erst wieder hoch, als Casey Affleck als Oscar-Kandidat für die Hauptrolle im Film "Manchester By The Sea" im Gespräch war. In den Wochen und Monaten vor der Preisverleihung im Februar dieses Jahres begleiteten Ben Affleck und sein bester Kumpel Matt Damon, beide Schwergewichte in Hollywood, Casey zu dessen Auftritten, flankierten ihn mit eisernem Grinsen. Wer ihn angreift, bekommt es mit uns zu tun, lautete die Botschaft. Brusttrommeln und Drohgebärden funktionieren in Hollywood ebenso wie sexualisierte Machtspiele, beides gehört ja auch zusammen. Die Botschaft kam jedenfalls an: Als Casey Affleck seinen Oscar entgegennahm, gab es innerhalb des Business nur wenig Protest. Hollywood hatte entschieden - dasselbe Hollywood, in dem sich nun plötzlich jeder zu fragen scheint, wie ein Mann wie Harvey Weinstein so lange mit seinem Verhalten davonkommen konnte.

Ein einziger PR-Zirkus

Was wir in der Affäre Weinstein erleben, ist kein Kulturwandel, wie viele jetzt hoffen. Seit der Oscar-Verleihung sind nur ein paar Monate vergangen, so schnell ändert sich in Hollywood nichts. Die große Empörung mancher Stars ist in vielen Fällen bloß eine unter dem Druck der Medien notwendig gewordene, von PR-Experten begleitete Maßnahme, wie auch das lächerliche Manöver von Harvey Weinstein selbst, der bekannt geben ließ, er suche in einer Entzugsklinik "Heilung"  - als ob sein Jahrzehnte dauerndes Verhalten irgendetwas mit Sucht und nicht mit kulturell gestütztem Machtmissbrauch zu tun hätte. Nein, was Weinstein und so mancher seiner angeblichen Kritiker jetzt abziehen, ist eine einzige, große, verlogene Show. Aber auch die gehört in Hollywood zum System.

Zum Shitstorm? Zur Tür hinaus, zur linken Reihe, jeder nur einen Post.

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