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Warum ich R. Kelly boykottiere

Der Fall des amerikanischen R&B-Stars R. Kelly ist ein schändliches Beispiel für die Verlogenheit der Showbranche. Aber auch wir, das Publikum, tragen Verantwortung.

Von Sylvia Margret Steinitz

Es gibt tatsächlich noch Menschen, die seine Songs kaufen und seine Konzerte besuchen. Obwohl sie alle die Geschichten kennen, die über ihn kursieren. Da gibt es den Skandal um R. Kellys Beziehung zum damals 14-jährigen Gesangstalent Aaliyah, die er 1994 heiratete, als sie gerade mal 15 war. Da gibt es den Privatporno, in dem zu sehen sein soll, wie R. Kelly auf ein 14-jähriges Mädchen uriniert. Da gibt es Aussage um Aussage von jungen Mädchen und Frauen, erschütternde Vorwürfe von psychischer und physischer Gewalt. Wir bekommen seit Langem ein ziemlich klares Bild davon beschrieben, was für ein Mensch der amerikanische Musikmogul ist. Und trotzdem füllt er weiterhin die Konzerthallen, in den kommenden Wochen stehen in den USA 14 Konzerte an. Irgendwo intoniert eine Sportmannschaft vor dem Spiel wieder mal "I'm The World's Greatest", und irgendein Laienchor singt inbrünstig R. Kellys größten Hit "I Believe I Can Fly". 

Der Sektenguru und seine Mädchen

Die neuesten Vorwürfe gegen den R&B-Star klingen haarsträubend, sind aber keine Überraschung: R. Kelly halte sich junge Frauen in einer Art Sex-Sekte, erklärten ehemalige Mitarbeiter und Eltern von Betroffenen. Er habe diese Frauen zum Teil bereits im Jugendalter an sich gebunden, sie später einer Gehirnwäsche unterzogen und von einer Vertrauten in seinen bevorzugten Sexpraktiken unterweisen lassen, die er auf Video aufzeichne – für Privatvorführungen mit seinen Kumpels. Kontakt zu anderen Männern sei verboten, R. Kelly kontrolliere jede Bewegung, er schreibe den Frauen vor, was sie anzuziehen und selbst, wann sie aufs Klo zu gehen hätten.

Das Bild passt zu den Szenarien, die ehemalige Sexpartnerinnen von R. Kelly schildern und die dem R&B-Star schon vor Jahren Missbrauch, Nötigung und Kontrollsucht vorwarfen. Es gab mehrere Versuche, ihn vor Gericht zu bringen, die meisten Fälle wurden außergerichtlich geregelt. Möglicherweise wird R. Kelly auch diesmal wieder davonkommen: Der Multimillionär engagierte eine renommierte Anwältin und eine der betroffenen Frauen erklärte gerade, sie sei keine Gefangene und ihr gehe es gut. Sie ist 21 Jahre alt und kann nicht gezwungen werden, ihre Eltern zu kontaktieren. "Mister Kelly kümmert sich um die Menschen, die ihm nahestehen", erklärte seine Anwältin kryptisch. Die Schilderungen der Familienangehörigen erinnern an die Sekten der Siebziger und Achtziger Jahre – auch damals konnten deren Gurus nur unter bestimmten Umständen gerichtlich belangt werden. Nicht jede missbräuchliche Handlung ist auch vor dem Gesetz strafbar. 

Die Heuchelei der Stars …

Dabei ist es gleichgültig, ob R. Kelly ein verurteilter Sexualstraftäter ist. Er ist ein Mann, dem vorgeworfen wird, Privatpornos mit Minderjährigen gedreht und Dutzende Frauen und Mädchen sexuell ausgebeutet zu haben. Die Zahl der Anschuldigungen und die übereinstimmenden Schilderungen können nicht so einfach vom Tisch gewischt werden. Das wissen wir nicht erst seit dem Fall Bill Cosby. R. Kelly mag vor Gericht  freigesprochen worden sein, er ist ein widerlicher Typ mit einer seltsamen Vorliebe für sehr, sehr, sehr junge Mädchen. Und trotzdem hält nicht nur sein Publikum zu ihm, sondern auch seine Kollegenschaft, die sich sonst so gerne für soziale Belange einsetzt. R. Kelly kollaborierte zuletzt mit Kalibern wie Justin Bieber, Jennifer Hudson und Chance the Rapper.

Und dann ist da noch . Die Sängerin erklärte einst unter Tränen, selbst vergewaltigt worden zu sein. Sie stand der Sängerin Kesha öffentlich bei, als diese ihren Produzenten anklagte, sie über Jahre manipuliert und sexuell ausgebeutet zu haben. Ausgerechnet diese Künstlerin sang 2013 mit R. Kelly im Duett: "Do what you want with my body", einen von sexuellen Anspielungen strotzenden Song, der mir damals besonders schrill in den Ohren klang. Lady Gaga – die Lady Gaga! – tritt mit diesem Mann auf? Und dann noch mit einem solchen Lied? Der Text muss den Opfern von R. Kelly wie blanker Hohn erschienen sein. Bei der Oscar-Verleihung 2016 inszenierte sich Lady Gaga dann vor einem lebenden Bühnenbild aus Opfern sexueller Gewalt mit ihrem Song "’til It Happens To You" als deren Fürsprecherin. Man weiß nicht, ob man heulen oder kotzen soll. 

… und der Rassismus der Gesellschaft

Die Heuchelei der Showbranche wird eigentlich nur noch von der Verlogenheit der in ihrer Essenz zutiefst rassistischen amerikanischen Gesellschaft übertroffen. Der Journalist Jim DeRogatis, der die sexuellen Beutezüge R. Kellys über Jahre recherchierte und mit vielen seiner Opfer gesprochen hat, war erschüttert von der Gleichgültigkeit der Öffentlichkeit angesichts seiner Enthüllungen über die systematische Ausbeutung zahlloser Mädchen durch den Musikmogul. "Nichts", stellte er desillusioniert fest, "hat für die amerikanische Gesellschaft so wenig Wert wie schwarze, junge Frauen."

Im Film "Die Jury" sagt der von Matthew McConaughey gespielte Verteidiger eines schwarzen Mannes, der die Vergewaltiger seiner Tochter erschoss, zu den Geschworenen: "Schließen Sie die Augen. Stellen Sie sich vor, wie die beiden dieses Mädchen schlagen, aufhängen, vergewaltigen. Und nun stellen Sie sich vor, das Mädchen wäre – weiß." Wie der Gesichtsausdruck der Geschworenen in diesem Moment von Mitleid zu blankem Entsetzen wechselt, ist schlicht genial. Ja, stellen wir uns doch mal vor, die Opfer von R. Kelly wären weiß. Richtig: Der Mann säße längst im Gefängnis. Das Showgeschäft und all seine Beteiligten haben einmal mehr bewiesen, dass die Anklage von Jim DeRogatis der Wahrheit entspricht. 

#BoykottRKelly

Es wird Prominenten sehr einfach gemacht, Grenzen zu übertreten. Von jungen Frauen, die Karriere machen wollen, auf den ältesten Satz im Entertainment, "Ich mach dich zum Star" reinfallen und sich dann in ausweglosen Situationen wiederfinden, in denen der zweitälteste Satz der Branche gilt: "Ich bin hier der Star und mach dich fertig". Mitspielerinnen sind auch törichte Eislaufmütter, die nicht davor zurückschrecken ihre halbwüchsigen Töchter einem bekannten sexuellen Ausbeuter zuzuführen. "Ich dachte, ich hätte es im Griff, wenn ich immer dabei bin", sagt eine Mutter, die ihre Tochter an das "System R. Kelly" verloren hat. Mitspieler sind die Branchenkollegen, die weiterhin mit ihm zusammenarbeiten, als sei nichts geschehen. Mitspieler ist aber auch das Publikum, das über die ganze schändliche Geschichte trotz erdrückender Zeugnisse seit Jahrzehnten gnädig hinwegsieht.

Es heißt immer, Kunst muss getrennt von ihrem Schöpfer betrachtet werden. Wenn aber ein Künstler sein Werk dazu verwendet um Menschen zu schaden, dann dürfen wir ihn nicht durch den Kauf seiner Werke unterstützen. Ich für meinen Teil habe diese Entscheidung schon vor langer Zeit getroffen. Sie lautet: #BoykottRKelly.

Zum Shitstorm? Durch die Tür hinaus, zur linken Reihe, jeder nur einen Post.

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