Giampaolo Giuliani hat ein Erdbeben-Frühwarnsystem mitentwickelt. Und er hat damit die verheerende Katastrophe in den Abruzzen vorausgesehen. Doch weil er zuvor bereits wegen angeblichen Fehlalarms angezeigt worden war, sagt Giuliani im stern.de-Interview, habe er seine Familie gerettet, anstatt die anderen Bewohner zu alarmieren.

Der Techniker Giampaolo Giuliani vor seinem Computer, mit dem er versucht, Erdbeben vorherzusagen© Action Press
Ja. Es war aber zu spät, um den Bürgermeister von L'Aquila anzurufen. Ich habe vorher mit ihm telefoniert, so gegen 21 Uhr, als zu erkennen war, dass sich etwas aufstaut. Zu dem Zeitpunkt konnte ich aber noch nicht sagen, dass es ein so starkes Erdbeben geben würde. Das wusste ich erst gegen 23 Uhr, denn die Daten kommen alle zwei Stunden an. Vorher ging ich von einem Erdbeben der Stärke vier aus. Ich wartete also auf die Daten von 23 Uhr, um zu sehen, ob die Werte steigen oder fallen. Sie kamen dann um Mitternacht an. Es zeigte sich, dass es konstant schlimmer wird.
Ich habe die Situation schnell mit dem Seismograph überprüft und festgestellt, dass tatsächlich ein desaströses Ereignis bevorsteht. Dann habe ich versucht, meine Familie in Sicherheit zu bringen. Um halb vier in der Nacht kam es.
Nein, er hatte mir ja schon nach 23 Uhr nicht mehr geantwortet. Und ich hatte ihm bereits um 21 Uhr abends gesagt, dass es ein Erdbeben geben könnte.
Weil ich am Sonntag zuvor die Anzeige des Bürgermeisters von Sulmona (Anmerkung der Redaktion: eine Stadt in den Abruzzen) bekommen habe. Deswegen hatte wohl auch der Bürgermeister von L'Aquila Angst. Unser Verhältnis ist jedoch einwandfrei, er steht auf unserer Seite.
Ja, das hat er, ich aber auch. Ich hätte die Anzeige gegen mich einfach ignorieren und trotzdem einen Alarm ausrufen sollen.
Solche Leute gibt es. Viele sind bereit, mir zu helfen, sie haben aber Angst, mich öffentlich zu unterstützen. Ein Teil von Italien ist mit mir. Ich hoffe, dass dies die Möglichkeit eröffnet, Begleitung zu bekommen, dass dies ermöglicht, die Daten zu überprüfen, und dass deutlich wird, dass unser System funktioniert. Ich hoffe, dass in naher Zukunft in den Gegenden, die besonders erdbebengefährdet sind, Netze mit unserem Überwachungssystem aufgebaut werden, und so künftig Menschenleben gerettet werden. Wir stellen der Wissenschaft unsere Daten gerne für die Analyse zur Verfügung.
Meine Familie und Freunde von mir. Insgesamt liegen die Ausgaben bei 600.000 Euro. Mit weiteren 800.000 Euro könnten wir ganz Abruzzen und große Teile der umliegenden Regionen Italiens überwachen.
Es wäre wenig Geld, wenn man den Nutzen sieht. Aber die, die uns eine Million Euro geben könnten, wollen das nicht.
Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews, wie Giuliani seine Messmethode verteidigt und was er zu der Kritik von anderen Forschern sagt.