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9. April 2009, 08:42 Uhr

"Ich hätte Alarm schlagen sollen"

Giampaolo Giuliani hat ein Erdbeben-Frühwarnsystem mitentwickelt. Und er hat damit die verheerende Katastrophe in den Abruzzen vorausgesehen. Doch weil er zuvor bereits wegen angeblichen Fehlalarms angezeigt worden war, sagt Giuliani im stern.de-Interview, habe er seine Familie gerettet, anstatt die anderen Bewohner zu alarmieren.

Italien, Erdbeben, L'Aquilla, Techniker, Giampaolo Giuliani, Warner

Der Techniker Giampaolo Giuliani vor seinem Computer, mit dem er versucht, Erdbeben vorherzusagen© Action Press

Herr Giuliani, wussten Sie wenige Stunden vor dem Erdbeben, dass etwas passieren würde?

Ja. Es war aber zu spät, um den Bürgermeister von L'Aquila anzurufen. Ich habe vorher mit ihm telefoniert, so gegen 21 Uhr, als zu erkennen war, dass sich etwas aufstaut. Zu dem Zeitpunkt konnte ich aber noch nicht sagen, dass es ein so starkes Erdbeben geben würde. Das wusste ich erst gegen 23 Uhr, denn die Daten kommen alle zwei Stunden an. Vorher ging ich von einem Erdbeben der Stärke vier aus. Ich wartete also auf die Daten von 23 Uhr, um zu sehen, ob die Werte steigen oder fallen. Sie kamen dann um Mitternacht an. Es zeigte sich, dass es konstant schlimmer wird.

Was haben Sie dann getan?

Ich habe die Situation schnell mit dem Seismograph überprüft und festgestellt, dass tatsächlich ein desaströses Ereignis bevorsteht. Dann habe ich versucht, meine Familie in Sicherheit zu bringen. Um halb vier in der Nacht kam es.

Haben Sie denn nicht versucht, den Bürgermeister anzurufen?

Nein, er hatte mir ja schon nach 23 Uhr nicht mehr geantwortet. Und ich hatte ihm bereits um 21 Uhr abends gesagt, dass es ein Erdbeben geben könnte.

Können Sie das verstehen? Warum hat er sie ignoriert?

Weil ich am Sonntag zuvor die Anzeige des Bürgermeisters von Sulmona (Anmerkung der Redaktion: eine Stadt in den Abruzzen) bekommen habe. Deswegen hatte wohl auch der Bürgermeister von L'Aquila Angst. Unser Verhältnis ist jedoch einwandfrei, er steht auf unserer Seite.

Da hat er einen verhängnisvollen Fehler gemacht.

Ja, das hat er, ich aber auch. Ich hätte die Anzeige gegen mich einfach ignorieren und trotzdem einen Alarm ausrufen sollen.

Glauben Sie, dass es Leute gibt, der Bürgermeister etwa oder Wissenschaftler, die wissen, dass ihr System funktioniert, die jetzt aber nicht die Verantwortung für das, was geschehen ist, übernehmen wollen?

Solche Leute gibt es. Viele sind bereit, mir zu helfen, sie haben aber Angst, mich öffentlich zu unterstützen. Ein Teil von Italien ist mit mir. Ich hoffe, dass dies die Möglichkeit eröffnet, Begleitung zu bekommen, dass dies ermöglicht, die Daten zu überprüfen, und dass deutlich wird, dass unser System funktioniert. Ich hoffe, dass in naher Zukunft in den Gegenden, die besonders erdbebengefährdet sind, Netze mit unserem Überwachungssystem aufgebaut werden, und so künftig Menschenleben gerettet werden. Wir stellen der Wissenschaft unsere Daten gerne für die Analyse zur Verfügung.

Wer hat die Anlage und die fünf Messstationen denn bisher finanziert?

Meine Familie und Freunde von mir. Insgesamt liegen die Ausgaben bei 600.000 Euro. Mit weiteren 800.000 Euro könnten wir ganz Abruzzen und große Teile der umliegenden Regionen Italiens überwachen.

Warum gibt Ihnen denn für so ein wichtiges System niemand eine Million Euro?

Es wäre wenig Geld, wenn man den Nutzen sieht. Aber die, die uns eine Million Euro geben könnten, wollen das nicht.

Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews, wie Giuliani seine Messmethode verteidigt und was er zu der Kritik von anderen Forschern sagt.

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KOMMENTARE (10 von 10)
 
Siamkatze79539 (09.04.2009, 21:50 Uhr)
Ichätte Alarm schlagen sollen
wenn er Alarm geschlagen hätte, so hätte ihm mal wieder nieman geglaubt, bezeichnent ist doch, daß der schon angzeigt wurde, wegen angeblichen Fehlalarms! Typisch wie in einer Bananenrepublik, aber ich denke, hier wäre es auch nicht anderst gewesen....
Dafür müssen sich nun die sturen Behörden und Politiker nun mit den Folgen des Erdbebens auseinandersetzen. Mir tun die betroffenden Menschen leid, diese müssen mal wieder alles ausbaden.
Wie üblich ....
Blacky007 (09.04.2009, 21:39 Uhr)
Italiener wie Deutsche
sie brauchen einfach die Prof.Dr.Mag.-Titel, dann kann einer den größten Schwachsinn erzählen und alle glauben es ihm. Sagt ein Titelloser etwas, dann wird er nur milde belächelt, auch wenn er hundertmal recht hat, denn es darf und kann ja nicht sein, dass einer ohne Titel schlauer und intelligenter ist, als einer mit Titel.
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Da war schon immer so und wird sich leider noch lange halten.
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Man muss sich nur mal die ganzen widersprüchlichen "Experten" zum Thema Klimaveränderung zu Gemüte führen - die ganzen Prof. Dr. Rateberger sind sich mit ihrem ganzen schlauen Wissen ja nie einig ob die Menscheit erfriert oder verbrennt, aber alle diese abgehalfterten Titelträger stochern im Grunde nur im Nebel - aber hauptsache ein Prod. Dr. hat es gesagt, dann muss es ja stimmen.
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Ist das selbe wie bei den ganzen "Finanz- und Wirtschaftsexperten, wie Sinn, Dudenhöfer und wie diese Pappnasen alle heißen - jeder sagt was anderes, aber von den Medien werden sie alle ernst genommen ohne diese Typen mal mit den unterschiedlichen Meinungen zu konfrontieren.
marihuhna (09.04.2009, 14:49 Uhr)
Studien nötig
Man hat das Gefühl das wir langsam wieder ins Mittelalter zurückgehen. Die einfachste wissenschaftliche Methodik wird über Bord geworfen und alles was in den Medien steht ohne Wiederspruch geglaubt. Es ist ja gut möglich, dass der gute Mann eine Vorhersagemethode entwickelt hat, möglich ist aber auch, dass alles ein Zufallstreffer war. Also muss eine vernünftige Studie mit überprüfbaren Daten her. Sonst ist das alles Spökenkiekerei. Kein rational denkender Mensch bringt wegen einer unüberprüften "Technik" eine ganze Region in Aufruhr.
Johann58 (09.04.2009, 14:42 Uhr)
@schade77
erstens kann und passiert das nur nicht in Italien, Beispiele gibt es aus der Vergangenheit ausreichend, dass wenn die Interessen der Industrie oder des Grosskapitalismus unberuecksichtigt bleiben und zweitens mag das System vielleicht funktioniren aber dazu muesste eben ein schluessiger Nachweis erbracht werden. Andererseits ist die Frage gerechtfetigt wie geht man mit so einer Erdbebenwanung um? Fluechten? Haeuser verlassen damit die Pluederer sich schon mal vorbereiten koennen? Vielleich sollte man einfach mal erdbebensicher bauen, das ist moeglich und wenn ich an das Erdbeben vor Jahren in der Tuerkei denke, dass sich die Haeuser zwar durch das Erdbeben eingestuerzt, aber die Baumaengel, bzw. die betruegerische Ausfuehrung und verwendung von ungeeigneten Baumaterialien hat dann zur eigentlichen Katastrophe gefuehrt.
terrax (09.04.2009, 14:19 Uhr)
Es ist genauso wie mit den Wirtschaftsweisen
Mit dem Techniker ist es genauso wie bei uns in Deutschland mit den Wirtschaftsweisen. Mit den Supermeldungen mit denen die ankommen, daß weis das Volk schon längst. Aber hauptsache das hat nen Prof. gesagt... lachhaft. Und bis die Herren Profs. mal eine Aussage machen die eh schon alle wissen, ist das Kind schon in den Brunnen gefallen... Ich weis wohl die Wirtschaftsweisen sind flüssiger als Wasser nämlich überflüssig und kosten dem Steuerzahler Millionen!!
choco68 (09.04.2009, 14:03 Uhr)
....das Leid der Menschen....
...@Gisella, warum die "Sudierten" besser sind als er? weil die dafür bezahlt werden um so etwas zu erforschen was der "nur Techniker" macht. Ich kann mir das, als Italienerin, gut vorstellen was Herr Giuliani macht, und warum sollte er sich profilieren wollen? Jemand, der soviel Geld, selbst zusammengetragenes, investiert, der seine Familie vorher rettet, warum sollte der sowas machen? SIcherlich hat er den Fehler begangen sich einschüchtern zu lassen, er hätte alle warnen sollen, egal mit welcher Konsequenz, und damit hätter er gezeigt dass er zu dem steht was er sagt, das ist ihm vorzuwerfen, und damit wird er den rest seines Lebens leben müssen. Was in Italien alles so abgeht, angefangen bei Berlusconi und aufgehört bei der Mafia, ist schon heftig, Italien bezeichnet sich als Demoktrie, in meinen Augen herrscht aber Diktatur, es fehlt nur noch dass Berlusconi Mussolini als zweiten Nachnamen anwendet. Ich bin froh nicht in Italien leben zu müssen, obwohl ich stolz bin, Italienerin zu sein, aber was da so abgeht, und das mitten in Europa, im 21. Jahrhundert, es ist ohne Worte... Mein herzlichstes Beileid an alle Angehörigen, mögen sie recht bald wieder ein "normales" Leben führen können.
Der-nette-Nachbar (09.04.2009, 14:02 Uhr)
Keine Mitschuld!
Ich denke nicht, das man ihm eine Mitschuld anhängen könnte. Er hat sein System selbst entworfen und finanziert.
Da er also keinerlei Verpflichtung hatte, weder gegenüber einer Stadt, noch einer Institution, trifft ihn auch keine Schuld.
Denn erstens hat er das Erdbeben ja nicht ausgelöst.
Zweitens hat er mehr getan (gewarnt) als es seine Pflicht gewesen wäre.
.
Gegenbeispiel: Wenn ich einen Hund hätte und wüßte das der Erbeben wittert und sich dann speziell bemerkbar macht - dann muss ich auch niemandem davon erzählen, darf aber natürlich meine Familie in Sicherheit bringen.
.
Die moralische Frage jedoch wäre: Hätte er, auch ohne Bürgermeister, mehr tun können als seine Familie zu retten?
Windukeit (09.04.2009, 12:33 Uhr)
Der Mann ist bekannt.
Die Methode, die er entwickelt hat, hat durchaus Hand und Fuß, ist aber noch nicht ausgereift. Er hat vorher, bereits mehrere Fehlalarme gegeben, er sagte auch eine Woche vor dem eigentlichen Beben ein Beben voraus, darauf bezog sich wohl auch die Strafanzeige. Wenn ich jeden Tag ein Erdbeben voraussage,ist das auch ein sicheres System, eine Katastrophe zu vermeiden. Hier wird eine Geschichte hochstilisiert, die man gerne so haben möchte, weil man sie aus allen billigen Katastrophenthrillern so kennt. Ich finde es lächerlich, dass der Mann jetzt angeblich vorher von dem Beben gewusst haben will, aber nichts gesagt hat. Genau wegen solchen Verhaltens wird er nämlich auch von anderen Wissenschaftlern kritisiert.
Gisella (09.04.2009, 12:27 Uhr)
an schade....
nöööö, muß er nicht-denn man zeigt niemanden an, der vorgewarnt hat.Diese arroganten arsch.... könnten mich mal. wie kann ein techniker besser sein-als die hochangesehenden Studierten????
schade77 (09.04.2009, 12:20 Uhr)
Was sind denn schon hunderte Menschenleben wert...
wenn dadurch die ehrenwerte Wissenschaftlerzunft nicht blamiert wird?
Und ich denke, das kann auch nur in Italien passieren, dass man für ne Erdbebenwarnung eine Anzeige bekommt.
Allerdings denke ich, macht es sich der Techniker zu einfach, dass er aus Angst vor einer erneuten Anzeige nichts gesagt hat. Wenn er wirklich profunde Beweise hatte, dass ein großes Erdbeben kommt, dann hat er nicht nur seine Familie zu packen und abzuhauen, sondern gefälligst auch die Leute zu warnen. Eine Mitschuld an der Tragödie muss ihm einfach gegeben werden.
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