"Jeder sollte ein Kind adoptieren", verteidigt Superstar Madonna ihre Auslandsadoption. Im Gespräch mit stern.de erklärt der Adoptionsexperte des Kinderhilfswerks Terre des Hommes Deutschland e. V., Bernd Wacker, warum das nicht immer zum Wohle der Kinder ist, und wie Prominente sinnvoller helfen könnten.

Neues Familienglück: Madonna inmitten ihrer Kinder, der neunjährigen Tochter Lourdes, des sechsjährigen Rocco und des 13 Monate alten David© Shavawn Rissman/AP
Ja und Nein. Ich könnte Ihnen binnen weniger Stunden zehn auf ihre Eignung geprüfte Elternpaare aus Deutschland nennen, die einen dreizehnmonatigen gesunden Säugling aus Afrika sofort adoptieren würden. Und die wären nicht nur gut vorbereitet, die wären auch im entsprechenden Alter: Madonna ist ja schon fast 50 und geht auf das frühe Großmutteralter zu.
Nein! Nach allem, was wir wissen, gibt es mehr Bewerber als Kinder, die für die Adoption bereitstehen und die tatsächlich vermittelbar sind. Denn die Leute wollen ja meist nicht irgendein Kind adoptieren, sondern ein gesundes Baby. Es ist aber besser für das Kind, wenn es gut vorbereitete Eltern bekommt, die nicht von Termin zu Termin hetzen, die wirklich auf das Kind eingehen und auch dann noch fit sind, wenn das Kind in die kritischen Jahre der Pubertät kommt.
Nach allem, was wir wissen, ist das so. Das sieht man schon am Faktum des Kinderhandels: Eine Sache, die wie Sand am Meer liegt, wird nicht wie Edelsteine gehandelt. Warum sollte man soviel Geld für gesunde Babys bezahlen, wenn sie im Heim zu Dutzenden abholbar wären? Es gibt also einen Bedarf an Kindern, nicht an Eltern.
Ja. Die Zahl der Kinder, die Eltern bräuchten, die für sie sorgen, ist riesengroß. Aber was ist als Kindheit definiert? Keiner will mehr einen Neunjährigen, der schon zwei Jahre auf der Straße verbracht hat. Und je näher die Kinder der Pubertät kommen, desto schwieriger wird es. Es gibt tausende verlassener kranker oder behinderter Kinder, da bräuchten wir sehr, sehr viele Adoptionswillige. Aber solche Kinder sind kaum vermittelbar. Die Bewerber wünschen sich, wie leibliche Eltern auch, ein gesundes Kind.
Wer so denkt, hat mehr die Bewerber- als die Kindesinteressen im Kopf. Sie haben recht: Menschen bleiben heute länger gesund, statistisch gesehen. Dennoch sind 60-Jährige dem Tode näher als ein 35-Jähriger, und auch die Krankheitsanfälligkeit wird größer. Kinder, die zur Adoption kommen, haben schon einen Beziehungsabbruch hinter sich und sind oft schwer traumatisiert. Vermittlungsstellen sind darum im Interesse der Kinder verpflichtet, ihnen so viel und so lange Sicherheit zu bieten wie möglich. Kinder brauchen Eltern und Großeltern - aber nicht Menschen im Großelternalter als Eltern. Um so mehr, als wir genügend Bewerber im jungen Alter haben.
In gewisser Weise ja, leider. Wenn Sie eine Adoptionsentscheidung eines ordentlichen Gerichts im Ausland haben, bei der es keinen Grund gibt zu vermuten, dass sie gekauft oder erzwungen wurde, wird diese Entscheidung in der Bundesrepublik anerkannt.

Madonna während ihres Besuches in einem Waisenhaus in Malawi© Shavawn Rissman/AP
Es gibt weltweit eine große Konkurrenz um das gesunde Kleinkind. Wir haben in Deutschland eine genügend große Zahl von Adoptionsvermittlungsstellen, und jede neue Stelle verschärft den Kampf auf dem internationalen "Adoptionsmarkt". In Ländern wie Indien wurden immer wieder Fälle aufgedeckt, bei denen Kinder zu Waisenkindern erklärt wurden, obwohl sie keine waren. Eben weil die Nachfrage so groß ist. Wir lehnen Auslandsadoptionen nicht generell ab, zielen mit unserer entwicklungspolitischen Arbeit aber darauf, dass Kinder gar nicht erst verlassen werden. So viele Auslandsadoptionen wie nötig und so wenige wie möglich!
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