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18. August 2008, 13:07 Uhr

Der Kommandeur von Khartum

Schon bald könnte Omar Al-Bashir der erste Staatschef sein, der per Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs gesucht wird. Der sudanesische Präsident gilt als Hintermann der humanitären Katastrophe in Darfur. Er soll einen Völkermord geplant und befohlen haben. Von Tim Farin

Omar Al-Bashir während einer Militärparade im August 2008: Al-Bashir wird ein Völkermord zur Last gelegt, dessen Existenz umstritten ist© Phillipp Dhil/DPA

Für den Staatsanwalt am Internationalen Strafgerichtshof (ICC) in Den Haag ist das Maß der Grausamkeit voll, er ist überzeugt: "Omar Hassan Ahmad Al-Bashir trägt die kriminelle Verantwortung für das Völkermord-Verbrechen an den Fur, Masalit und Zaghawa." So begründete Luis Moreno-Ocampo im Juli, warum er einen Haftbefehl gegen den Staatschef des Sudan beantragt hatte. Nun prüfen die Richter sein Material, was vermutlich mehrere Monate dauern wird. Kommt es zur Anklage, wäre es das erste Mal, dass der ICC gegen ein amtierendes Staatsoberhaupt vorgeht. Der Sudan-Experte Fouad Ibrahim hält es für durchaus denkbar, dass Al-Bashir danach tatsächlich ausgeliefert würde. Im Gespräch mit stern.de erwartet Ibrahim, dass ein Haftbefehl den Staatschef international isolieren und seine Stellung im eigenen Lande untergraben würde, was ihn auch bei den nächsten Wahlen gefährden könnte. "Dann wäre es durchaus möglich, dass es zu einer Auslieferung an Den Haag käme", sagt Ibrahim.

Für Ibrahim steht ebenso wie für den ICC-Ankläger fest: Al-Bashir führt seit 2003 in der westsudanesischen Provinz Darfur einen Vertreibungskrieg. Nach UN-Angaben sind mehr als 300.000 Zivilisten von Regierungstruppen und alliierten Kräften ermordet sowie 2,5 Millionen Darfuris - fast die Hälfte der Bevölkerung der Region - in Flüchtlingslager vertrieben worden. Eine Untersuchungskommission der Vereinten Nationen berichtete von Massenvergewaltigungen und der Zerstörung zahlreicher Dörfer. Und hinter allem stehe Al-Bashir, schreibt Chefermittler Moreno-Ocampo: "Er ist der Vordenker der mutmaßlichen Verbrechen. Er hat absolute Kontrolle."

Unblutig an die Macht geputscht

Omar Hassan Ahmad Al-Bashir, 64, beherrscht den Sudan seit einem unblutigen Militärcoup vor 19 Jahren. Er stammt aus der Volksgruppe der Jaaliyin im Norden des Landes. Bashir, eines von zehn Kindern, machte ambitioniert Karriere. Nach der Verwaltungsfachschule in der Hauptstadt Khartum besuchte er die Militärakademie in Wadi Sayyidna, die er als Drittbester seines Jahrgangs 1966 mit Diplom abschloss. Weitere militärische Kenntnisse beschuf er sich bei Kursen an der Stabshochschule der ägyptischen Armee, in Malaysia, Pakistan und in den USA. Im arabisch-israelischen Jom-Kippur-Krieg diente Al-Bashir 1973 als Offizier der sudanesischen Brigade und bekam als Auszeichnung zwei Ehrenmedaillen.

Im Süden des Sudan verantwortete Al-Bashir später den Kampf der Zentralregierung im Bürgerkrieg gegen die SPLA, eine militante Unabhängigkeitsbewegung. Dann engagierte er sich 1989 im Coup gegen den gewählten Ministerpräsidenten Sadiq Al-Mahdi. Al-Bashir rückte an die Spitze des "Revolutionären Kommandorats für die nationale Rettung", wurde Staatsoberhaupt, Regierungschef, Verteidigungsminister und Oberkommandierender der Armee. Als der Kommandorat 1993 aufgelöst wurde, blieb Al-Bashir Präsident, 1996 wurde er erstmals vom Volk gewählt.

Initiator eines "schleichenden Genozids"

Schon in den 90er Jahren galt der Sudan für die Amerikaner als "State sponsor of terrorism", als Hort skrupelloser Fundamentalisten. Der religiöse Führer Hassan Al-Turabi, ein international gefürchteter Hardliner, gewann großen Einfluss auf Al-Bashir. Im Sudan fand der sunnitische Terror-Vordenker Osama Bin Laden auf Turabis Einladung Zuflucht, nach den Al-Kaida-Anschlägen auf die US-Botschaften in Tansania und Nairobi 1998 attackierten die Amerikaner eine Pharma-Fabrik in Khartum, die angeblich Chemiewaffen hergestellt hatte. Die Information stellte sich als falsch heraus. Doch Al-Bashir wendete sich ab vom Kurs des radikal-islamischen Politikers, entmachtete ihn als Parlamentspräsidenten und Parteiboss. 2004 ließ Al-Bashir den einstigen Vordenker sogar wegen Putschvorwürfen internieren.

Während der als pragmatisch beschriebene Al-Bashir es schaffte, im Süden des Landes einen Friedensprozess im Jahrzehnte tobenden Bürgerkrieg voranzutreiben und 2005 sogar ein Abkommen mit den Rebellen zu unterzeichnen, gilt er als Drahtzieher der 2003 in Darfur ausgebrochenen humanitären Krise, die nach Ansicht der deutschen Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul einen "schleichenden Genozid" darstellt.

Erbarmungsloser Krieg gegen die Zivilbevölkerung

2003 entbrannte der Kampf: Rebellen der Sudanesischen Befreiungsarmee (SLA) und der Bewegung für Recht und Gleichheit (JEM) erhoben sich gegen die Zentralregierung, weil sie sich vernachlässigt sahen und größere Anteile vom Staatshaushalt abhaben wollten. "Die Region war zuvor jahrzehntelang durch die sudanesische Zentralregierung marginalisiert worden", sagt Fouad Ibrahim, emeritierter Sozialgeographie-Professor und Afrika-Experte zu stern.de. Al-Bashir sei Teil einer Gruppe aus dem Niltal und Nordsudan, die das Land beherrsche und die Peripherie ausbeute, erklärt Ibrahim. Im April 2003 attackierten die Widerstandskämpfer den Flughafen in der Stadt El-Fasher in Darfur. Die SLA zerstörte fünf Flieger, zwei Kampfhubschrauber und tötete etwa 100 Soldaten. Die Anklage am Internationalen Strafgerichtshof sieht diesen Überraschungsangriff als Wendepunkt im regionalen Konflikt. Die sudanesischen Streitkräfte schlugen härter zurück, die Luftwaffe griff ein. Die meisten Kommentatoren halten es für sicher, dass zudem die berittenen Milizen aus Nomadenstämmen, die so genannten "Janjaweed", im Dienste der Obrigkeit und mit deren Waffen für grausame Verbrechen gesorgt haben.

Die Armee mit ihren Jeeps und die "Janjaweed" auf Pferden und Kamelen arbeiteten nach Ansicht der Anklage eng zusammen: "Diese gemeinsamen Kräfte umstellten das Dorf und gelegentlich wurde die Luftwaffe gerufen, um als Vorhut der Angriffe Bomben abzuwerfen. Dann gingen die Bodentruppen in den Ort und attackierten die Zivilisten. Sie töteten Männer, Kinder, Alte, Frauen. Sie unterwarfen die Frauen und Mädchen Massenvergewaltigungen. Sie fackelten die Dörfer ab und plünderten", heißt es im Statement von Luis Moreno-Ocampo. Solche Verbrechen hätten sich in den vergangenen fünf Jahren immer wieder ereignet - und die Massen von Flüchtlingen in Hilfslagern seien unterdessen grausamen Bedingungen ausgesetzt gewesen.

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