Sie hatten ihre bizarren Sehnsüchte im Netz ausgetauscht, ein Sadomaso-Szenario verfasst. Bei ihrem ersten Treffen erwürgte Michael F. die Gespielin - ein Unfall, sagt der angesehene Wissenschaftler. Jetzt aber steht er wegen Mordes vor Gericht. Von Dieter Krause und Werner Mathes

Im früheren Pförtnerhäuschen der Heilstätten in Beelitz hatte Michael F. eine Ferienwohnung gemietet. Hier traf er sich mit Anja P. am 26. Juli 2008© Gerhard Westrich
An jenem Wochenende im Juli sollte es endlich passieren. Sie hatten sich übers Internet kennengelernt, wochenlang miteinander gechattet und ihre erotischen Fantasien und Sehnsüchte ausgetauscht. "Was ich am liebsten tun würde?", fragte er einmal. "Dich überraschend nehmen. Dich wehrlos machen. Fesseln. Dir die Augen verbinden." Sie antwortete: "Ich liebe es, die Augen verbunden zu bekommen." Schrieb weiter: "Hm. Musst du dir Augenbinden mitnehmen." Und konnte es kaum erwarten: "Ich freu mich aufs Wochenende irgendwie." Sie zählten die Tage und träumten von himmlischen Nächten.
Aber es war nicht der Himmel, der sie erwartete, sondern die Hölle.
Am 28. Juli vergangenen Jahres fand die Polizei gegen zwölf Uhr mittags die unbekleidete Leiche der 20-jährigen Anja P. im Obergeschoss eines Ferienhauses in Beelitz-Heilstätten, südwestlich von Potsdam. Die junge Frau war erwürgt worden. Kurz zuvor hatte man den mutmaßlichen Täter Michael F., 38, verwirrt und angetrunken in einem nahe gelegenen Waldstück entdeckt. Sein Handy war geortet worden, nachdem er mehrere Bekannte über ein Unglück informiert hatte, bei dem seine Freundin ums Leben gekommen sei - nun wolle auch er sterben. "Es hat doch so gut angefangen", stammelte er im Streifenwagen, "sie hat mich verstanden, ich habe sie verstanden." Und heulte: "Ich habe sie doch so geliebt - jetzt ist sie tot."
Wegen Mordes und Störung der Totenruhe muss sich Michael F. nun vor dem Landgericht Potsdam verantworten. Dem aus Mainz stammenden Paläontologen wird vorgeworfen, die junge Frau beim Sex mindestens 30 Sekunden lang gewürgt zu haben, um seinen Geschlechtstrieb zu befriedigen. Nach ihrem gewaltsamen Tod soll er sich noch an ihrem Leichnam vergangen haben.
In diesem Prozess wird es vor allem darum gehen, ob Michael F. die junge Anja P. tatsächlich vorsätzlich umgebracht hat, wovon die Anklage überzeugt ist - oder ob sie bei einem riskanten erotischen Rollenspiel unbeabsichtigt gestorben ist, wie F. und sein Potsdamer Anwalt Matthias Schöneburg es darstellen. "Sie hatten sich einvernehmlich darauf geeinigt, dass er sie würgt", behauptet Schöneburg, "aber dann ist das aus dem Ruder gelaufen - ihren Tod hat mein Mandant nicht gewollt."
Das Gericht wird deshalb genauestens die Umstände dieses Todesfalls prüfen müssen. Es wird sich mit einer illustren Szene aus Hobbyfotografen und -models beschäftigen müssen, für die das teilweise verfallene Architekturensemble der ehemaligen Lungenheilstätten eine beliebte Motivkulisse geworden ist. Wo sich vor allem Mitglieder der Gothic-Community treffen mit ihrer Faszination für alles Dunkle und Morbide, aber auch "Geocacher", die mit GPS-Geräten auf moderne Schnitzeljagden gehen, oder Geisterjäger, die in den leeren Hallen und unterirdischen Katakomben die Stimmen Verstorbener hören wollen.
Man wird sich mit außergewöhnlichen Sexpraktiken auseinandersetzen müssen - nicht nur mit Leder- und Stiefelfetischismus, sondern auch mit Atemreduktion, bei der durch Strangulationstechniken rauschhafte Orgasmen provoziert werden sollen. Mit einer fremden Welt also, in der die angehende Speditionskauffrau aus Zossen und der angesehene Projektleiter am renommierten Senckenberg-Museum in Frankfurt am Main immer wieder eingetaucht sind, um zu suchen, was sie im bürgerlichen Leben offenbar nicht fanden.
Nach den wochenlangen Chats im Internet standen sie sich zum ersten Mal am späten Nachmittag des 26. Juli gegenüber, auf dem Parkplatz eines der ehemaligen Pförtnerhäuser der Heilstätten, in dem F. eine kleine Ferienwohnung angemietet hatte. Anja P. war besudelt mit Kunstblut. Sie hatte an diesem Samstag gerade ein "Splatter-Shooting" auf dem Gelände hinter sich, eine Fotosession mit zwei anderen Models für einen befreundeten Fetischfotografen. In der Szene war Anja P. als "Nesthel" bekannt, Michael F. fotografierte dort als "Cly Bawn".
Nachdem sie geduscht hatte, kehrten die beiden zum Ort der Fotosession zurück - nach Zeugenaussagen bereits vertraut und verschmust. "Ich und Anja haben uns da schon das erste Mal berührt", wird F. später zu Protokoll geben, "wir mussten uns zusammenreißen, wir wollten ja die Spannung halten." Er zeigte ihr noch einen verwahrlosten alten Theatersaal, wo er sie am nächsten Tag fotografieren wollte.
Im Schlafzimmer der Ferienwohnung legte sie dann, so F. später, ihr ledernes Halsband mit dem silbernen Ring um und zog sich ein weißes Nachthemd an, das er bei H&M besorgt hatte. Auf dem Doppelbett band er ihr ein Tuch um die Augen. "Wir küssten uns, und wir kratzten uns gegenseitig." Es habe sie sehr erregt, als er sie in den Hals biss und ein wenig an ihrem Lederband zog: "Sie hat sich dann von sich aus gegen das Halsband gestemmt."
Und dann habe sie ihm ihre Fantasien offenbart. "Sie wollte entführt und vergewaltigt werden", sagte F. seinen Vernehmern. "Sie meinte, dass ich dann morgen früh über sie herfallen und so tun solle, als wenn ich sie umbringe." Dass sie im Bett mit einer Pfanne auf den Kopf geschlagen und dann gewürgt werden wollte. Sie vereinbarten, wie es bei solchen Praktiken üblich ist, ein Alarmsignal: Wenn sie dreimal mit der Hand aufschlagen würde, müsste er aufhören. "Danach sollte ich ihr das Kleid aufschneiden und sie vergewaltigen, also mit ihr schlafen."
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Stern
Ausgabe 17/2009