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Radioboss verteidigt mörderische Scherze

Seit dem Scherzanruf in Kates Klinik steht der Radiosender 2DayFM am Pranger. Senderchef Rhys Holleran zeigt sich tief bestürzt vom Tod der Krankenschwester, verteidigt aber auch seine Moderatoren.

Von Gernot Kramper

Über diesen Radioscherz amüsierten sich Internetnutzer in der ganzen Welt: Ein Krankenhaus in London verwechselt eine Anruferin aus Australien mit albernem britischen Akzent mit der Queen. Und stellt sie ohne Nachfrage zu der Station durch, auf der Kate, die schwangere Frau von Prinz William behandelt wird. Die Radiomoderatorin Mel Greig und ihr Kollege Michael Christian vom Sender Radiosenders 2FayFM können es kaum fassen, dass sie es über die Telefonvermittlung hinaus schaffen. Die Audio-Aufnahme ihres Scherzes haben inzwischen Hunderttausende bei Youtube gehört und gelacht.

Doch nach dem Tod der Krankenschwester, die den Anruf weiterleitete, hat sich die Stimmung gewandelt - in Schock und Zorn, gerichtet vor allem gegen die Moderatoren, die ihren Radiojob vorerst aufgegeben haben. Zwar hat die Polizei bislang nicht offiziell bestätigt, dass Jacintha Saldanha Selbstmord beging, aber britische und australische Medien deuten es angesichts der Umstände so. Ob andere persönliche Sorgen oder Probleme im Leben der zweifachen Mutter eine Rolle spielten, ist bislang nicht bekannt.

Klinik macht Sender schwere Vorwürfe

Den beiden Moderatoren wird nun vorgeworfen, sie hätten "Blut an den Händen", wie empörte Twitterer schrieben. "Sie gehören ins Gefängnis!" Im Nachhinein sagen in einer nicht repräsentativen Umfrage auf der Webseite der "Brisbane Times" fast Zweidrittel von mehr als 30.000, die ihre Stimme abgaben, sie hätten den Scherz von Anfang an geschmacklos gefunden.

Das Londoner King Edward VII. Hospital schrieb einen Brief an den Sender. Es sei "absolut schockierend", dass zwei Mitarbeiterinnen der Klinik auf diese Weise verletzt und bloßgestellt worden seien. Der Vorfall könne nicht mehr rückgängig gemacht werden, der Sender müsse jedoch sicherstellen, dass so etwas nicht mehr passieren könnte.

Rhys Holleran, der Chef des Unternehmens Southern Cross Austereo (SCA), dem der Sender gehört, verteidigte hingegen seine Angestellten und deren Scherze. Die Moderatoren wurden zwar aus dem aktuellen Programm genommen, müssen aber keine weiteren Konsequenzen ihres Arbeitgebers fürchten. Holleran teilte der Familie der Krankenschwester sein Mitgefühl aus. Er berichtete, dass die Moderatoren tief erschüttert seien, und warb um Verständnis. "Das sind keine Maschinen, es sind Menschen. Was passiert ist, ist eine unglaubliche Tragödie und wir alle sind tief traurig."

Aber vor allem verteidigte er die Praxis des Senders: "Scherzanrufe sind üblich im Radio. So etwas gibt es seit Jahrzehnten auf allen Sendern und in allen Ländern. Niemand hat voraussehen können, dass sich so eine Tragödie ereignet", sagte Holleran. Er weigerte sich zu sagen, wer sich den Anruf ausgedacht hatte: "Solche Sachen werden meist im Team gemacht." Um Konsequenzen zu ziehen, sei es noch zu früh.

  Die Scherzbolde: Mel Greig und Michael Christian

Die Scherzbolde: Mel Greig und Michael Christian

Sender schon häufiger in der Kritik

Der für Telekommunikation zuständige australische Minister Stephen Conroy kündigte eine Untersuchung an, ob der Sender Lizenzauflagen verletzt habe. Der Sender ist nicht das erste Mal in der Kritik, wie britische Zeitungen berichten. So soll in einer Radioshow eine Mutter ihre 14-Jährige, die an einen Lügendetektor angeschlossen war, über Sex befragt haben. Das Kind sagte dann, sie sei mit zwölf vergewaltigt worden. In einer anderen Show sollen Eltern behinderter Kinder Spendengelder in Aussicht gestellt, aber nie gezahlt worden sein.

Reklamekunden kündigten am Samstag ihre Verträge mit dem Sender 2DayFM. "Die Australier sind eindeutig sauer und verärgert über die tragischen Konsequenzen des Scherzanrufs", teilte etwa die Supermarktkette Coles mit.

"Moderatoren brauchen jetzt Hilfe statt Häme"

Jeff Kennett, Vorsitzender einer australischen Organisation, die über Depressionen informiert, nahm die beiden Moderatoren ebenfalls in Schutz. "Ein harmloser Scherz", meinte er. "Man kann doch nicht alle Scherze verbieten, weil man die Folgen nicht abschätzen kann." Die beiden brauchten jetzt Unterstützung und Hilfe statt Häme, meinte er.

Der Kommentator Peter FitzSimons schrieb im "Sydney Morning Herald", selbst Prinz Charles habe gutmütig reagiert, als er Reportern, die ihn am Tag nach dem Scherzanruf mit Fragen bombardierten, zurief: "Woher wissen Sie, dass ich kein Radiosender bin?"

  Die Videoaufnahme zeigt Jacintha Saldanh. Die Krankenschwester konnte die Bloßstellung nicht ertragen.

Die Videoaufnahme zeigt Jacintha Saldanh. Die Krankenschwester konnte die Bloßstellung nicht ertragen.

Im Zeitalter neuer Medien müssten neue Maßstäbe angelegt werden, meinte dagegen Michael Idato in derselben Zeitung. "Wann wird etwas Lustiges zu einem Delikt?" schrieb er. "Was da gelaufen ist - ein peinlicher Anruf, beschämend (für die Person) - ist für sich betrachtet nicht so schlimm. Aber da die Gesellschaft heutzutage von sozialen Netzwerken und vernichtenden Scheingerichten à la Twitter regiert wird, kann sich das schnell in etwas sehr viel Schlimmeres verwandeln. Und da liegt die Verantwortung der Radiosender.... Was eine zivilisierte Gesellschaft zusammenhält, ist ein Verständnis dafür, dass Aktionen Konsequenzen haben, die Pflicht zur Fürsorge, die Raum für Scherze lässt, aber nicht gegen einige Grundsätze verstößt: Menschlichkeit, Würde, Mitgefühl, Respekt."

mit Agenturen

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