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12. November 2008, 15:45 Uhr

Wieso Hannah kein neues Herz will

Hannah Jones aus dem englischen Hereford ist 13 Jahre alt, und sie darf sterben. Dieses "Recht" hat sie selbst erkämpft und sich damit gegen ihre Klinik durchgesetzt, die ihr ein neues Herz einpflanzen wollte - gegen ihren Willen. Nun hofft Hannah, dass sie noch Weihnachten mit ihrer Familie feiern kann.

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Hannah und ihre Mutter im TV-Sender Sky: ein normales Familienleben, so lange es geht© AP Photo/Sky News

Sie würde gerne noch einmal nach Disneyland fahren, bevor sie stirbt. Und das wird bald sein: in ein, zwei Monaten vielleicht, glauben die Ärzte. Vielleicht etwas später, vielleicht auch früher, niemand weiß es. Sicher ist: Lange wird die 13-jährige Hannah nicht mehr leben. Ihr Herz ist zu schwach, sie bräuchte eigentlich ein neues. Doch Hannah will es nicht. Nun hoffen sie und ihre Familie darauf, dass sie zumindest noch gemeinsam Weihnachten feiern können. Zu Hause. Mit Mutter, Vater und den drei kleinen Geschwistern.

Der Fall des Teenagers aus der englischen Grafschaft Hereford berührt ganz Großbritannien: Eine Jugendliche entscheidet sich gegen eine notwendige Herztransplantation - und nimmt damit ihren baldigen Tod in Kauf. "In meinem Alter zu wissen, dass ich demnächst sterben werde, ist schwer. Aber ich weiß auch, was das Beste für mich ist", sagte Hannah Jones der englischen Zeitung "The Daily Telegraph". Ihre Eltern sehen das ähnlich: "Die meisten Menschen glauben, wir müssten Hannah zu der Operation zwingen, aber wir wollen sie loslassen, damit sie wenigstens am Ende noch ein 'normales' Familienleben führen kann. Solange sie eben noch kann", sagt Mutter Kirsty Jones dem gleichen Blatt.

Hannah nimmt ihr baldiges Ende in Kauf

Ein normales Familienleben war dem Mädchen die letzten Jahre nicht vergönnt. Im Alter von fünf wurde bei ihr Leukämie diagnostiziert. Eine sehr seltene Form, die aber behandelbar war. Unzählige Male musste sie ins Krankenhaus. Und dann das: Die übliche Chemotherapie hat ein Loch in ihr Herz gefressen, mittlerweile leistet es nur noch zehn Prozent eines normalen Herzens. Leider erholte es sich auch nicht, als die Medikamententortur beendet wurde. Die einzige Möglichkeit ihr Leben zu retten, so stellten die Ärzte fest, sei eine Herztransplantation. Das Krankenhaus für die OP stand auch schon fest: das Great Ormond Street Hospital in London, spezialisiert auf die Behandlung von Kindern.

Mutter Kirsty kennt viele Transplantationspatienten

Mutter Kirsty Jones kennt sich mit solchen Transplantationen aus. Sie ist Intensivpflegekraft und hat selbst viele Herzverpflanzungs-Patienten betreut. Sie weiß, wie gut die Heilungschancen nach solchen Eingriffen sind. Und auch wie schlecht. "Ich habe so viele Kinder leiden sehen, und auch wenn ich wünschte, dass alle so lange wie möglich überleben, weiß ich: Der Tod kann auch eine Erlösung sein."

Zumal bei einer so belastenden Operation. "Bei Kindern im Alter von Hannah ist ein weiterer Eingriff nach vier, fünf Jahren ziemlich wahrscheinlich", sagt die Mutter. Und dann braucht Hannah Medikamente, damit ihr Körper das neue Herz nicht wieder abstößt. Doch die könnten die Leukämie wieder zurückkehren lassen. Die Eltern standen vor einer schrecklichen Entscheidung: Sollten sie ihr Kind diesem Eingriff unterziehen, der Hannahs Leben vielleicht verlängern aber genauso gut verkürzen könnte? Und selbst wenn der Körper das neue Organ annehmen würde, könnte es auch sein, dass sie ihr Leben lang ans Krankenbett gefesselt ist und vor sich hinvegetiert. Am Leben erhalten von Schläuchen und Infusionen.

"Die Warteliste für Herzverpflanzungen ist lang"

Bei den Jones wuchsen die Zweifel. Hannah hat abgewogen. Ihre Krankheit habe sie zur Grüblerin gemacht, sagte sie. Irgendwann musste sie ihre Entscheidung treffen, "mehr oder weniger allein", wie der Vater dem TV-Sender SkyNews sagt. Da war sie noch zwölf Jahre alt. "Ich war zu oft in Krankenhäusern, ich habe nur schlechte Erinnerungen an sie, sie haben mich traumatisiert", sagt der Teenager. Natürlich gebe es die Chance, dass sie sich erholen werde, so Hannah im "Daily Telegraph", aber die Chance, dass es nicht so komme, sei genauso groß. Nun sei sie froh, einem anderen Menschen das Leben gerettet zu haben. "Denn die Warteliste für Herzverpflanzungen ist lang."

Doch mit dieser letzten und schwersten aller Entscheidungen sollte das traurige Kapitel der Familie Jones nicht beendet sein. Nachdem die Eltern den behandelnden Ärzten mitgeteilt hatten, dass sie auf eine Operation verzichten wollten, meldete das Krankenhaus den Fall an die zuständige Kinderschutz-Behörde weiter - und daraufhin setzte sich die Bürokratie in Gang. Für das Amt stand fest: Natürlich werde operiert, natürlich bekomme Hannah ein neues Herz. Hannah muss leben, koste es, was es wolle.

Vor einigen Tagen dann, ein Anruf aus dem Krankenhaus: Man habe das Oberste Gericht eingeschaltet, um zu erreichen, dass Hannah von ihrer Familie getrennt wird, um sie zu behandeln, teilte man den Jones' mit. "Entweder sie bringen sie sofort ins Krankenhaus, oder wir schicken eine Polizeistreife vorbei, die sie abholt", soll der Mann am anderen Ende der Leitung laut Hannahs Vater gesagt haben. "Wir waren schockiert. Sie wollten sie einfach so wegbringen. Am selben Abend noch", so Andrew Jones.

Mehrstündiges Gespräch

Soweit kam es dann doch nicht, aber die 13-Jährige musste sich vor der Kinderschutz-Behörde erklären. Und das tat sie in einem mehrstündigen Gespräch mit einem Mitarbeiter des Amts. Und sie tat es offenbar sehr gut. Denn anschließend akzeptierte auch die Behörde die Entscheidung der Jugendlichen. In einem Brief an die Eltern nannte der Chef der Krankenhausverwaltung Hannah eine "mutige und tapfere junge Frau". Sie scheine den Ernst ihres Zustands und ihrer Entscheidung verstanden zu haben.

Nun wird Hannah ihre letzten Tage, Wochen oder Monate bei ihrer Familie verbringen. Sie wird, wie sonst auch, sich mit ihren Freunden übers Internet unterhalten, sie wird die Bücher von Enid Blyton lesen, die sie so liebt, und sie wird von Disneyland träumen. Wo sie so gerne noch einmal hinfahren will. Doch für dieses letzte Abenteuer ihres Lebens findet sich keine Versicherung, die für das Risiko aufkommen will.

Niels Kruse
 
 
KOMMENTARE (10 von 46)
 
mahebu (14.11.2008, 12:22 Uhr)
@aeternitas
..ich gebe Ihnen völlig recht! Viele der hier Diskutierenden haben keine Ahnung, was ein Mensch während einer Therapie mitgemacht hat, geschweige sie mußten ihr Kind begleiten. Hat man alles mitgemacht bekommt man einen anderen Bezug Leben und Tod!
aeternitas (13.11.2008, 16:08 Uhr)
Wir sprechen hier nicht über Kopfweh oder ein gebrochenes Bein...
... die Qualen einer Chemo sind für Gesunde gar nicht nachvollziehbar. Übelkeit, fürchterliche Schmerzen die dafür sorgen, dass man weder liegen noch sitzen kann und dazu die permanenten Angst ob es ewig so weitergeht, ob man sich durch noch eine weitere Therapie quälen soll, wo doch die Lebensqualität immer weiter abnimmt? Ein lebenswertes Leben bemisst sich nicht an der Anzahl von Jahren sondern an der Zeit, die man in Freiheit verbringen kann, nicht an ein Krankenhausbett gefesselt.
Man sieht in Traueranzeigen häufig den Spruch: "Und als Gott sah, dass der Berg zu steil und das Atmen zu schwer wurde, nahm er ihn/sie unendlich sanft in seine Hände".
Gilt das nur für Verstorbene über 70?
Und noch ein kleines Zitat (ohne Kommentar):
»Zwei Jahre lang hatten wir gemeinsam in die Hölle geblickt. Dort sitzen kleine, mutige Kinder mit Glatze und kotzen. Ihnen allen wünsche ich von Herzen den Himmel. Sie haben ihn verdient.«
Michael Schophaus
H.P. (13.11.2008, 15:20 Uhr)
@binausgold (13.11.2008, 15:04 Uhr)
Sie müssen erst lesen was ich geschrieben habe, dann erst können Sie über mich urteilen. Ich habe weder mein Selbst gefunden noch kenne ich es. Sie sind genau wie ich und auch jeder hier in der Lage sich selbst bewusst zu sein. Was Sie entscheiden, entscheiden Sie selbst. Jeder hängt an seinem Leben und jeder sollte für sein Leben kämpfen, doch ich werde mich hüten, mich in das Leben eines anderen Menschen einzumischen.
Alle Kommentare hier sind Meinungen, einig werden wir uns sowieso nie. Also sollte jeder für sich sein Leben leben.
Wenn wir erkennen, dass die Vitalität & die Kraft und die Freude am Sein unser eigen ist und aus unserer eigenen Quelle entspringt, können wir mehr bewirken als bisher.
All die antiken Götter werden in dieser Erkenntnis nicht mehr benötigt! Glauben wir an das was in uns ist, der eigenen Quelle. Es gibt nur diese eine Quelle und aus dieser einen Quelle entfaltet sich die ganze Welt mit ihrem Universum.
binausgold (13.11.2008, 15:04 Uhr)
@H.P.
hallo. ist doch gut, wenn Sie Ihr ewieges selbst kennen und gefunden haben. was hat das aber damit zu tun, daß wir im allgemeinen unsere grenzen hier nicht kennen und nicht akzeptieren wollen und den tot aus dem leben ausblenden wollen? sterben müssen wir. und jeder hat das recht eine behandlung abzuweisen, die sein leben unnötig leidend verlängern würde. meine meinung hat also nichts mit Ihrem selbst zu tun.
LG binausgold
Johann58 (13.11.2008, 14:57 Uhr)
es faellt sicher schwer
zu verstehen, dass ein 13 jaehriger Mensch nicht mehr leben will. Es kann aber nicht sein dass aus religioesen oder sonstigen Gruenden dem Menschen die Entscheidung ueber ein wuerdevolles Sterben einfach abgenommen wird. Der hypokratische Eid verlangt Aerzten ab Leben zu erhalten und zu heilen aber verlangt er auch Leiden zu verlaengern und medizinische Massnahmen mit ungewissem Ergebniss durchzufuehren. Ich bin davon ueberzeugt, dass die junge Frau Zeit genug hatte sich die Konsequenzen zu ueberlegen und dies letztendlich wohlueberlegt zu tun. Sie kann bewusst leben und sich ueber jeden Tag freuen den sie mit ihrer Familie zusammen ist. Wer sterbende schon begleitet hat wird wissen, dass der Sterbende ohne Angst im Kreise seiner Familie stirbt. Vieleicht denkt er in dem Moment an ein Wiedersehen ohne die Leiden. Man muss die Entscheidung akzeptieren und jeder sollte fuer sich die Entscheidung treffen koennen.
HabikK (13.11.2008, 14:51 Uhr)
@mahebu
Natürlich respektiere ich die Entscheidung des Mädchens. Ich möchte mir auch niemals anmaßen, über eine solche zu urteilen. Dazu bin ich viel zu wenig in der Lage, mich auch nur annähernd in ihre Situation hineinzuversetzen. Aber ich kenne z.B. den unbedingten Lebenwillen und die Lebenskraft von schwerstbehinderten Kindern (meine Frau betreut sie)- wie die sich an das Leben klammern trotz schwerer Beeinträchtigungen und geringer Lebenserwartung - da fragt man sich manchmal schon, mit was für "Sorgen" wir "Normalen" uns herumschagen? Ich finde es für mich einfach nur schade und traurig, dass so etwas geschieht, dass ein junges Leben lieber den Tod wählt als sich den letzten Strohhalm zu greifen um irgendwie weiterzuleben.
H.P. (13.11.2008, 14:45 Uhr)
@Bender.B.Rodriguez
@Bender.B.Rodriguez
binj ich froh in einem gottlosen heidenland zu leben.
######
Der liebe Gott soll also entscheiden, dabei sind wir Christen nicht einmal in der Lage das zu leben was uns zu Christen und humanen Menschen macht, die Liebe und die Barmherzigkeit, kein Gott will das wir leiden.
Gott heute:
http://www.bol.de/shop/home/artikeldetails/gott_heute_arkana/neale_donald_walsch/ISBN3-442-33704-6/ID4555000.html
sportartmakler (13.11.2008, 14:04 Uhr)
@Bender.B.Rodriguez
binj ich froh in einem gottlosen heidenland zu leben. kannst du deinen glauben nicht für dich ausleben und die andersdenkenden, ich möchte nicht sagen die normalen, einfach in ruhe lassen? der glaube an gott hätte das mädchen also so nicht entscheiden lassen? vielleicht kommt sie sich in ihrem wahrscheinlich sündenfreien leben einfach nur verarscht vor? die menschen müssen in ihren entscheidungen jeweils ihren eigenen weg gehen und nicht zwangsweise ( wer möchte soll und darf ) irgendeiner alten schwarte nacheifern!
Bender.B.Rodriguez (13.11.2008, 13:28 Uhr)
@habikK
du hats recht. und zwar 100% .. nur lebst du hier in einem gottlosen heidenland.. und christen wirst du hierzulande unter den einheimischen nicht finden.. höchstens auf dem papier.. DAS ist der fehler der die leute zu solch katastrophalen denkweisen verleitet
mahebu (13.11.2008, 12:54 Uhr)
@habikk
Und ich bin weiterhin der Meinung, dass die Entscheidung der 13-jährigen zu respektieren ist. Der Tod gehört zum Leben dazu! Sie wird ihre Entscheidung nicht aus dem Bauch heraus getroffen haben- auch eine 13-jährige ist in der Lage die Konsequenz klar zu erkennen. Vergessen Sie nicht, dass sie über die Hälfte ihres Lebens mit erheblichen gesundheitlichen Einschränkungen leben muß. Mal angenommen, sie hätte die Herz OP überlebt, aber durch Komplikationen, kann sie nur mit maschineller Unterstützung weiterleben, kann dieses "Bäumchen" weiterwachsen und wenn ja, wie? Wie würden Sie dem Kind ihre neue Lebenssituation erklären?
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