Die Angst vor der tödlichen Schweinegrippe beherrscht Mexikos Hauptstadt. Verzweifelt versucht die Regierung, mit Soldaten und Gesichtsmasken die Seuche aufzuhalten - doch schon meldet auch New York erste Krankheitsfälle. Von M. Knecht, M. Ruch und K. Werner

In Mexiko herrscht Ausnahmezustand: Menschen mit Mundschutz warten in Toluca vor einem Krankenhaus© Miguel Tovar/AP
Es ist heiß an diesem Wochenende, seit Tagen liegen die Temperaturen schon bei 28 Grad oder darüber. In der Luft über den Straßen und Plätzen der Millionenmetropole hängen Staub und Smog - und nun auch Angst.
Hier, im Großraum von Mexiko-Stadt, leben 22 Millionen Menschen, es ist eine der größten Städte der Welt. Doch die Straßen sind an diesem Sonntag wie ausgestorben. Statt des sonst chaotischen Verkehrs sind die Fahrbahnen leer. Wer doch das Haus verlässt, trägt Mundschutz. Tapabocas werden die blauen Masken mit Gummiband genannt, "Bedecke den Mund". Polizisten und Soldaten der Armee patrouillieren an U-Bahn-Höfen und Busstationen, sie stoppen Passanten, die keine Tapabocas tragen, und verteilen sechs Millionen dieser Masken gratis.
Die blauen Stofffetzen sind mittlerweile zum Wahrzeichen einer Stadt geworden, in der sich seit Tagen die Angst ausbreitet. Ende vergangener Woche hörten die Menschen von der unheimlichen, neuen Krankheit, von der Schweinegrippe. Sie hörten von dem mutierten Virus und von den Toten. Seitdem herrscht hilflose Furcht.
Jedes Husten könnte ein Symptom sein Jedes Husten, jedes Niesen könnte ein Symptom dieser todbringenden Seuche sein. Die Apotheken sind längst leer gekauft. "Wir haben eine Epidemie, und es gibt nichts, um sich zu schützen", klagt Héctor Rodríguez. Er ist von Apotheke zu Apotheke gelaufen. Gefunden hat er nichts. Keinen Mundschutz, kein Vitamin C, keine Grippemittel, kein Desinfektionsspray. Aus dem Nationalen Institut für Atemwegserkrankungen in Mexiko-Stadt hat ein Dieb 1500 Mundmasken gestohlen. Findige Händler sicherten sich Tausende der gratis verteilten Tapabocas und verscherbeln sie für umgerechnet 3 Euro an der Straßenecke. Ein lukratives Geschäft, auch wenn die Polizei die Händler inzwischen festnimmt.
Bislang sind in Mexiko 103 Menschen an der Grippe gestorben. Wie viele der Opfer durch den mutierten Schweinegrippeerreger vom Typ H1N1 infiziert waren, ist bislang unklar. Bisher war der Virus bei 20 der Todesfälle nachgewiesen worden. Insgesamt werden 1614 Grippekranke in Hospitälern behandelt. Über 60 Prozent der Patienten seien auf dem Weg der Besserung, sagt der Gesundheitsminister. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht "Potenzial für eine Pandemie", eine übergreifende Ausbreitung der Krankheit über Länder und Kontinente. Verdachtsfälle gibt es bereits auf der ganzen Welt. In den USA sind ebenfalls schon Menschen mit dem Virus infiziert. Weltweit kündigen Regierungen Vorsichtsmaßnahmen an.
Bereits Ende März beobachten die mexikanischen Gesundheitsbehörden ein ungewöhnliches Ansteigen bei der Zahl der Grippeerkrankungen: Sie zählen dreimal mehr Fälle als gewöhnlich. Doch die Beamten halten das für Ausläufer der üblichen Grippewelle, geeignete Tests für den bislang unbekannten Grippestamm haben sie keine. Den ersten Todesfall registrieren sie am 13. April im Bundesstaat Oaxaca. Erst fünf Tage später schicken sie Laborproben in die USA und lassen Gesundheitsinspektoren die Krankenhäuser nach auffälligen Patienten absuchen.
Was sie finden, ist furchterregend. Normalerweise zählen bei Grippeerkrankungen eher die Schwachen, Anfälligen zu den Opfern. Diesmal tötet das Virus offenbar vor allem Kranke im Alter zwischen 20 und 40 Jahren - wie während der Spanischen Grippe, die 1918 wütete und weltweit mehr als 20 Millionen Menschen das Leben kostete. Eine beängstigende Parallele. Am Donnerstag vergangener Woche dann die Gewissheit. Bei Armado Ahued, dem Gesundheitssekretär von Mexiko-Stadt, klingelt am Nachmittag das Telefon. Aus den USA und Kanada melden sich Virenforscher, Seuchenexperten. "Es waren die wichtigsten Labore auf diesem Gebiet", sagt Ahued. "Und sie sagten uns, dass es sich um ein neuartiges Virus handelt." Mexiko ist Hort eines mutierten Virus vom Stamm H1N1, das offenbar von Mensch zu Mensch übertragen werden kann.
Vor dem Nationalen Institut für Atemwegserkrankungen, wo die schwersten Fälle behandelt werden, stehen bewaffnete Sicherheitsleute. Sie versperren den protestierenden Familienangehörigen den Weg, denn Besuche sind nicht erlaubt. Zu hoch ist die Ansteckungsgefahr. Édgar Mondragón, der sichtlich gestresste ärztliche Direktor, versucht zu beschwichtigen - ohne Erfolg. Zehn Menschen kämpften drinnen ums Überleben, sagt er, 15 seien in den letzten Stunden gestorben, wahrscheinlich an der Schweinegrippe. Sicherheit bringen erst Labortests.
Mexikos Hauptstadt ist im Ausnahmezustand, das öffentliche Leben wie gelähmt. Seit Freitag sind die Schulen, Kindergärten und Universitäten in Mexiko-Stadt und dem angrenzenden Bundesstaat Mexiko geschlossen. Mehr als 500 Großveranstaltungen fallen aus, Diskotheken bleiben geschlossen, 70 Prozent der Bars und Restaurants ebenfalls. Der Fußballverband lässt drei Geisterspiele im berühmten Aztekenstadion und dem Olympiastadion austragen - ohne Zuschauer. Und die Erzdiözese der Hauptstadt sagt alle Gottesdienste ab, wie zuletzt vor 83 Jahren bei Ausbruch des Bürgerkriegs. Es genüge der Glaubenspflicht, die Messe am Radio zu verfolgen