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14. März 2011, 20:15 Uhr

Nervöse Ausländer, standhafte Japaner

Der Japaner steht zur Gemeinschaft und ist sich sicher: "Wir schaffen das!" So gibt es trotz bedrohlicher Nähe zum Atomkraftwerk Fukushima noch keine Fluchtwelle aus Tokio. Nur Ausländer werden nervös und setzen sich gen Süden ab. Von Mareike Dornhege, Tokio/Osaka

Tokio, Tsunami, Erdbeben, Fukushima

Flughafen Tokio: Diese Koffer gehören vor allem Ausländern, die verlassen zunehmend das Land© Everett Kennedy Brown/DPA

Nachbeben, neue Tsunamiwarnung und die Explosionen im 240 Kilometer entfernten AKW Fukushima: Die Menschen Tokio kommen nicht zur Ruhe. Erneut wurden die U-Bahnen lahmgelegt und über der Erde fuhren nur die wichtigsten Linien. Wer jetzt bereits auf dem Weg zum Flughafen oder Bahnhof war, um nach Südjapan zu fliehen, hoffte inständig, seine Maschine oder den Schnellzug Shinkansen zu erreichen. Das auch noch ein Vulkan ausbrach, schien schon fast wie eine Ironie des Schiksals. Was kommt als nächstes? Ein Taifun außerhalb der Saison?

Nach wie vor ist in Tokio kaum Benzin zu bekommen, und es wird regelmäßig der Strom abgestellt. Auch die Hamsterkäufe gehen weiter, wobei die meisten Geschäfte, Cafés und Restaurants wieder geöffnet haben. Aber viele Englischschulen bleiben geschlossen, ebenso Fachgeschäfte und Fitnessstudios. Von Normalität kann also keine Rede sein.

Und so disktutieren die Tokioter, allerdings vorzugsweise die ausländischer Herkunft, ob sie in der Hauptstadt bleiben sollen. Vor allem die relative Nähe zu Fukushima macht nervös. Während Freunde und Familie im Ausland die Expats oft panisch zur Heimreise drängen, wollen viele die Situation noch abwarten. Es fällt schwer, von heute auf morgen sein ganzes Leben hinter sich lassen: Der Job, die Wohnung und die Freunde oder Partner in Tokio schaffen Bindung zu Tokio, man hofft, es gemeinsam durchzustehen. Die vorherrschende Interpretation: Die Hauptstadt ist zwar bedrohlich nahe an Fukushima, aber bisher sicher.

Die beliebtesten Ziele der Flüchtlinge

Daher entschließen sich die meisten, noch einmal abzuwarten. Die Vorsichtigen dagegen wollen mehr Distanz zwischen sich und Fukushima Daiichi bringen. Das etwa 700 Kilometer entfernte Osaka ist häufigste Ziel für nukleare Kathastrophenflüchtlinge aus Tokio. Es ist weit genug weg von Fukushima und verfügt über einen großen internationalen Flughafen, der im Fall der Fälle weniger überlastet als die Tokioter Airports Narita und Haneda sein sollte. Ein weiteres häufig angestrebtes Ziel ist zudem Fukuoka, die größte Stadt der südlichen Insel Kyushu. Von hier legen Schiffe nach Korea ab. Distanz zu Fukushima: Immerhin 1000 Kilometer, das gibt mehr Sicherheit. Eine Ausreise aus Japan ist auch noch problemlos möglich. Zwar herrscht am internationalen Flughafen von Tokio Trubel, aber der Flugverkehr läuft normal ab und auch Flugtickets sind problemlos zu bekommen. Einige Flüge in den kommenden Tagen zu Zielen in Europa oder den USA sind bereits ausgebucht. Vor allem Deutsche und Franzosen sind auf der Heimreise oder planen diese für die kommende Woche, die meisten Amerikaner, Kanadier und Australier halten dagegen die Stellung.

Japaner haben dagegen kaum Reisepläne. Ihrer Mentalität entsprechend geht die Arbeit vor. Solange es noch irgendwie möglich ist, gehen sie morgens ganz normal ins Büro. Die Prioritäten der Japaner mögen bei uns vielleicht auf Unverständnis stoßen, jedoch ist ihre Kultur von einem anderen Wertesystem geprägt. Die Gemeinschaft geht vor, nicht das Individuum. Mögen Europäer in dieser Situation das Bedürfnis haben, erstmal ihre eigene Haut zu retten, würde das für einen Japaner damit gleichkommen, seine Gemeinschaft im Stich zu lassen. Beschwerden über die wiederkehrenden Erdbeben, abgeschalteten Strom und die allgemeine Unterbrechung des normalen Lebens werden auch von Japanern laut, aber meist gefolgt von der Feststellung, dass sie die Situation jetzt aushalten werden und felsenfestes Vertrauen in die japanische Technologie und Expertise haben. Ein häufig gehörter Satz dieser Tage: "Wir werden es schaffen, wie schon viele Male in unserer Geschichte!"

Von Mareike Dornhege, Tokio/Osaka
 
 
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