"Man denkt immer, das passiert woanders"

12. Dezember 2010, 17:01 Uhr

Ein dumpfer Knall, und es war geschehen. In Brühl bei Köln stürzte ein Wohnhaus ein und begrub eine Familie unter sich. Die Nachbarn wissen nicht, ob sie wegsehen oder hinschauen sollen. Von Christoph Driessen, Brühl

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Im Regal steht noch eine DVD-Kollektion mit den "Sissi"-Filmen, auf der Hülle lächelt Romy Schneider. Sonst ist alles weg. Der Großteil des Hauses an der Pingsdorfer Straße 129 in Brühl bei Köln ist verschwunden, ist mit einem dumpfen Knall in sich zusammengefallen. Verblüffend, wie wenig von einem zweistöckigen Eckhaus übrig bleibt, wenn es einstürzt. Aber die Regalwand mit den Sissi-DVDs ist verschont geblieben. Sie steht noch genau dort, wo ihr Besitzer sie hingestellt hat. Als ob nichts passiert wäre.

Ein Haus verschwindet und begräbt vier Menschen unter sich. Drei Tote bergen die Helfer bis zum frühen Sonntagabend - es dürfte sich um den 45 Jahre alten Vater dreier Kinder und dessen Lebensgefährtin handeln. Den ganzen Sonntag über suchten Helfer nach der zehnjährigen Tochter. Sie wurde unter Schutt, Geröll und Brettern im Keller vermutet - und schließlich gefunden: tot! "Es ist definitiv das vermisste Mädchen", sagte ein Feuerwehrsprecher traurig. Die beiden Söhne hatten noch Glück: Der Ältere von ihnen war zum Zeitpunkt des Unglücks am Samstagabend nicht da; den Jüngeren - zwölf Jahre alt - konnten Feuerwehrleute unter Lebensgefahr mit bloßen Händen ausgraben und retten.

Ein Haus verschwindet, das Leben geht weiter

Ein Haus verschwindet, wird gleichsam vom Erdboden verschluckt, doch das geht Leben weiter. Nachbarn führen ihre Hunde aus, joggen, unterhalten sich, überlegen, wie sie den Wagen trotz Absperrung aus der Tiefgarage bekommen. Es hilft ja auch nichts, hier herumzustehen und zu gaffen, sagen sie.

"Ich habe den Knall gehört, als ich gerade in der Küche stand, beim Spülen", erzählt Anneke Jansen (76), die Nachbarin von gegenüber. Erst dachte sie, ihr Fernseher wäre explodiert, und lief ins Wohnzimmer. Aber der Fernseher lief noch. Dann hat sie aus dem Fenster geschaut und sah es. Oder sah vielmehr nichts mehr, denn dort, wo das gegenüberliegende Haus hätte sein müssen, war nur noch eine Lücke.

"Ich kannte die vom Sehen"

Sonntagvormittag. Anneke Jansen steht vor ihrer Haustür und schaut über die Straße. Sie kann jetzt bei den Nachbarn ins Schlafzimmer sehen, ein Stück davon ist stehen geblieben. Holzbett mit blauem Bezug. Daneben das Bad, die Toilettenrolle hängt noch. Im Nebenhaus sitzt ein Bestattungsunternehmen. Makaber wirkt das jetzt.

"Ich kannte die vom Sehen", sagt Jansen. "Samstags haben die immer Reklame ausgetragen, der Vater und die drei Kinder, die beiden Jungen und das Mädchen." Selbst als die Helfer noch nach dem Mädchen suchten, gab es wenig Hoffnung. Zwar zweifelte niemand daran, dass sie geborgen werde, aber: "Tot ja wohl", sagt ein Nachbar. "Man hat im letzten Krieg gesehen, dass Leute lange in Trümmern überlebt haben", meint dagegen ein Feuerwehrsprecher. Später stellt sich heraus: Die Zehnjährige aus Brühl hatte nicht dieses Glück.

"Man denkt immer, es passiert woanders ..."

Anneke Jansen sinnt über das Leben nach. "Man denkt immer, es passiert woanders, und jetzt...". Das sagen auch andere Nachbarn an diesem Vormittag. Und dann tun sie doch das, was sie sowieso getan hätten: Anneke Jansen hat Verwandte von auswärts da, die wollen den Weihnachtsmarkt sehen.

Einer der Feuerwehrleute, die an der Unglücksstelle im Einsatz sind, ist Anneke Jansens Sohn. Ein Bagger räumt so vorsichtig wie möglich den Schutt weg. Um 9.55 Uhr am Sonntagvormittag wird mit der Frau die erste der vermissten Personen tot gefunden. Als ein Notarztwagen vorfährt, geht im Nebenhaus ein Fenster auf, und Nachbarn beugen sich mit einer Kamera aus dem Fenster.

"Gaffer!", sagt ein alter Mann. Ob er die Nachbarn meint oder die Journalisten, bleibt unklar. Mehr zu sich selbst sagt er: "Da sieht man, wie schnell alles zu Ende sein kann." Und wie wenig dann übrig bleibt.

Christoph Driessen/DPA
 
 
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