Drei Babys in einer Bremer Klinik sind an tödlichen Keimen gestorben. Das Problem: Noch konnte der Erreger nicht gefunden werden. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft. Waren Mitarbeiter schuld? Von Manuela Pfohl
Die Eltern von Frühgeborenen wissen, was auf sie und ihre winzigen Kinder zukommen kann: Wochen-, manchmal monatelange medizinische Behandlung mit Schläuchen, Sauerstoff, Brutkasten, das bange Hoffen auf die gesunde Entwicklung der kleinen Körper - und auch der Tod. Nur weniger als die Hälfte der Babys, die ein Gewicht unter 1000 Gramm haben, hat eine Überlebenschance. Und dennoch: Im Fall der drei Frühchen, die in einer Bremer Klinik starben, weil sie sich an tödlichen Darmkeimen infizierten, muss der Tod für die Eltern besonders schlimm sein. Immerhin steht die Frage im Raum, ob der Tod der Kinder hätte verhindert werden können.
Ein schrecklicher Verdacht, dem nun die Bremer Staatsanwaltschaft nachgeht. Der Vorwurf, der sich momentan noch gegen "Unbekannt" richtet, lautet auf "Verdacht fahrlässiger Tötung in drei Fällen und Verdacht der fahrlässigen Körperverletzung in einer noch unbekannten Zahl". Sollten die Ermittler ihren Verdacht bestätigt bekommen, könnte das für die Verantwortlichen der fahrlässigen Tötung bis zu fünf Jahren Haft bedeuten. Die momentane Faktenlage scheint allerdings mehr als schwierig. Vorsichtshalber wurde ein Aufnahmestopp für die betroffene Intensivstation für Frühgeborene verhängt.
Die noch auf der Station verbliebenen zehn Babys sind inzwischen isoliert worden und werden nach Aussage der Sprecherin des Klinikverbundes, Karen Matiszick, "intensivst überwacht". Frühchen, die jetzt geboren werden, kommen zunächst auf die Parallelstation im anderen Klinikgebäude.
Die ersten Infektionen bei den frühgeborenen Babys mit einem Gewicht von weniger als 1000 Gramm traten Ende Juli auf. Das erste Kind starb im August, die beiden anderen im Oktober. Erst am Mittwoch wurden die Fälle öffentlich gemacht. Hat die Klinik also versucht, einen Missstand zu vertuschen? Und schlimmer noch: Hätten zumindest zwei Babys gerettet werden können?
Die Bremer Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper hatte am Mittwochabend in der Bremer Gesundheitsdeputation, einem Ausschuss mit Abgeordneten, Behördenvertretern und Bürgern, die Klinikleitung kritisiert. "Das hat noch Konsequenzen anderer Art", zitierte sie danach der "Weser-Kurier". Und: "Spätestens im Oktober nach Wiederausbruch hätte man mich und die Deputation informieren müssen."
Der Chef des Klinikverbundes Gesundheit Nord, Diethelm Hansen, hatte zeitgleich zur Sitzung der Deputation beteuert, sein Haus habe alles getan, um die Todesfälle aufzuklären. Die Behörden seien frühzeitig eingebunden worden. Auch Karen Matiszick, bekräftigte dies. "Wir bleiben dabei, dass wir das Gesundheitsamt frühzeitig informiert haben." Das bestätigte auch die Sprecherin der Senatorin. Ob es innerhalb der Behörde eine Panne gab, werde jetzt geklärt.
Das Problem: Zwar weiß die Klinik, welcher Keim für den tragischen Tod der zwei Jungen und des Mädchens verantwortlich ist. Es ist ein gegen Antibiotika resistentes ESBL-Bakterium. Insgesamt war der Keim auf dem Körper von 15 Kindern nachweisbar, die meisten erkrankten nach Angaben der Bremer Gesundheitsbehörde aber nicht daran. Denn ESBL-Bakterien kommen im Darm jedes Menschen vor. Sie werden nur dann gefährlich, wenn sie mutieren und unempfindlich gegen Antibiotika werden. Für Erwachsene sind sie harmlos, nur für Frühgeborene ohne intaktes Immunsystem hochgefährlich.
Bislang ist noch völlig unklar, wo in der Bremer Klinik die Infektionsquelle liegt. "Den Keim zu finden, ihn zu stoppen und die Versorgung der Frühchen zu sichern", sei jetzt die oberste Priorität, erklärte Renate Jürgens-Pieper. "Zweite Priorität hat die Aufklärung, wer wann und wo etwas weitergegeben hat."
Um das herauszufinden, sind am Mittwoch Spezialisten des Robert-Koch-Instituts (RKI) ins Bremer Klinikum gekommen und haben die Suche nach der Herkunft des Erregers aufgenommen. Derzeit gebe es zwar noch keinen Hinweis, wie sich die Frühchen angesteckt haben. Aber laut Sprecherin Matiszick könnte schon am Abend etwas Klarheit herrschen. Das jedenfalls hätten die Fachleute vom RKI signalisiert.