Tödliche Faszination

27. Dezember 2011, 17:57 Uhr

Für das zehnjährige Mädchen, das nach dem Felsabbruch auf Rügen verschüttet wurde, gibt es fast keine Hoffnung mehr. Es ist nicht der erste Unfall dieser Art. Wer trägt Schuld an dem Unglück? Von Manuela Pfohl

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Die Helfer suchten bis zum Mittag nach dem verschütteten Mädchen auf Rügen - vergeblich©

Stundenlang haben sie im Krisenstab den Einsatz der Hilfskräfte koordiniert. Technisches Hilfswerk, Feuerwehr, Polizei, bis zu hundert Retter kämpften die ganze Nacht über gegen die Geröllmassen aus Kreideschlamm und Steinen, gegen Sturm und Regen - und für die Zehnjährige, die am Montag am Kap Arkona unter einem riesigen abgebrochenen Stück Kreidefelsen verschüttet worden war. Doch Dienstagmittag um kurz vor 12 Uhr geben die Bergungskräfte auf. "Die Chancen auf Rettung tendieren gegen Null", erklärt Rügens stellvertretender Landrat Lothar Großklaus wenige Minuten später. Im Krisenstab, der in der zuständigen Gemeinde Putgarten eingerichtet worden war, ist die Schwere der Entscheidung zu spüren. Von der Anspannung der vergangenen Stunden ist Enttäuschung geblieben, und die Erkenntnis, einmal mehr machtlos gegenüber den Naturgewalten gewesen zu sein, die an den Küsten Rügens immer wieder für Schrecken sorgen.

Risse an den Kreidefelsen, die einen erneuten Abbruch befürchten lassen, ein wieder aufziehender Sturm und die wachsende Gefahr für die Einsatzkräfte zwangen dazu, die Suche nach dem Mädchen einzustellen. Eine Tragödie, die am Montagnachmittag begann, als die Familie aus dem brandenburgischen Perleberg zu einem Weihnachtsspaziergang am Strand von Arkona aufbrach. Gegen 15.15 Uhr war die Zehnjährige mit ihrer Mutter und der vier Jahre älteren Schwester unterhalb der alten Nebelsignalstation angelangt, die ein beliebtes Ziel der jährlich 600- bis 700.000 Touristen am Kap ist. Dann löste sich plötzlich ein Stück Kreidefelsen aus der Steilküste und stürzte auf das Kind. Seine Mutter wurde dabei schwer, die Schwester leicht verletzt. Eine vierköpfige Familie, die ebenfalls am steinigen Strand unterwegs war, kam mit dem Schrecken davon. Offenbar hatte keiner das Schild beachtet, auf dem - so sagt der Bürgermeister von Putgarten - die Warnung stand: "Betreten auf eigene Gefahr".

Eine gefährliche Steilküste

Erst im August 2011 war im Nordosten von Deutschlands größter Insel ein 100 Meter breiter und 70 Meter hoher Felsenabschnitt ins Meer gestürzt. Die Kreidebrocken wurde bis zu 100 Meter weit in die Ostsee geschleudert und färbten das Wasser weiß. Mitgerissen wurden auch rund 20 Bäume des Buchenwaldes, der seit Juni zum Weltnaturerbe der UNESCO gehört. Der Abbruch gehörte zu den größten der vergangenen zehn Jahre auf Deutschlands größter Insel. Im Juli 2010 war ein Teil der Kreidefelsen an der Steilküste Wissower Klinken nahe Sassnitz abgebrochen. Das Teilstück hatte eine Fläche von 25 mal fünf Metern und war vier Meter hoch. 2002 brachen mehr als 150.000 Kubikmeter Kreide an der Küste ab. Doch am schlimmsten war es 2005. Ende Februar des Jahres hatte eine Berliner Touristin ihr Leben verloren, als sich am schmalen Strand zwischen Lobbe und Göhren in rund zwölf Metern Höhe etwa 20 Kubikmeter Gestein und Erdreich lösten und die Frau unter sich begruben. Ihr Freund hatte das Unglück hilflos mit ansehen müssen.

Knapp drei Wochen später stürzte in unmittelbarer Nähe des Lohmer Hafens die Steilküste auf 100 Metern Länge und 200 Metern Breite ab. Ein Betreuungsheim für Suchtkranke, das kurz zuvor für eine Million Euro in Schuss gebracht worden war, entging um Haaresbreite einer Katastrophe. 18 Patienten hatten ahnungslos geschlafen, als knapp vor ihnen der Boden wegsackte. Die Bruchkante verlief gerade mal zweieinhalb Meter vor dem Haus. Die Einrichtung der Diakonie, die direkt an der Abbruchkante stand, konnte danach nur mit ferngesteuerten Hydraulikzangen abgerissen werden, da das Erdreich Baufahrzeuge am Gebäude nicht mehr getragen hätte. Weitere Häuser an der Abbruchkante wurden gesperrt.

Niemand kann sagen, wann es wieder passiert

Spätestens seit damals werden die Forderungen drängender, etwas gegen die Gefahr an der Küste zu unternehmen. Doch die Geologen wehren ab. "Das ist ein natürlicher Prozess, der sich nicht verhindern lässt - und den es immer schon gegeben hat", sagt Ingolf Stodian, Leiter des Nationalparkes Jasmund, zu dem die gesamte Ostküste Rügens von Lohme, rund vier Kilometer westlich des berühmten Königsstuhls, bis hinter das Gakower Ufer nördlich von Sassnitz gehört.

Das Problem, so Stodian, ist, dass überall an der Steilküste von der Wismarbucht bis Usedom mit potentiellen Abbrüchen gerechnet werden muss. Die jahrtausende alten Kreidefelsen seien geologische Formationen, die sich stetig verändern und deren Festigkeit von vielen Faktoren abhinge, die zudem extrem kompliziert seien. Niemand könne deshalb exakt vorhersagen, wo und wann sich wieder eine "Schuppe" aus dem Fels löst. Erst recht könne man nicht voraussagen, wie groß ein Abbruch sein wird. Und genau deshalb warnen an verschiedenen Bereichen der Küste Schilder vor dem Betreten des Ufers. Verbote oder gar Absperrungen gibt es hingegen nicht. "Wir haben einfach die Erfahrung gemacht, dass die Leute an Absperrungen nicht Halt machen", sagt Stodian.

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