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27. Mai 2004, 15:59 Uhr

Sie musste sterben für die Ehre

Als sie schwanger wurde, ahnte die unverheiratete Güldünya Tören, dass sie nicht mehr lange zu leben hatte. Ihr Vater schwor auf den Koran, sie zu schonen. Doch das Stammesgesetz ihrer kurdischen Heimat war stärker.

Das Opfer: Güldünya Tören, 22, mit ihrem Sohn wenige Tage vor ihrem Tod. Sie hatte Zuflucht gefunden im Haus eines Imams in Istanbul, der sie vor der Rache ihrer Familie schützen wollte. Das uneheliche Kind taufte sie auf den Namen Umut - Hoffnung© Hürriyet

Als das Todesurteil gefällt ist, brauchen sie nicht lange nach einem Vollstre cker zu suchen. Ferit muss es tun, das ist allen klar im Stammesrat der Schigo. Schließlich geht es um seine Schwester. Mit 17 Jahren hat er das perfekte Alter für einen Mörder: Die Pistole kann er schon halten wie ein Mann, aber vor dem Gesetz ist er noch ein Kind. Zwei, drei Jahre wird er bekommen, wenn sie ihn schnappen, höchstens. Und er wird ein Held. Im Gefängnis werden die anderen ihm aus Respekt die Schuhe putzen. Reißen werden sich die Mädchen von Budakli um einen wie ihn. Bis hierher, nach Istanbul, haben sie ihn geschickt, der Vater und die anderen Männer. Der Bruder hat alles vorbereitet. Jetzt ist er dran. Er muss die Schwester töten, die solche Schande über die Familie gebracht hat.

Der erste Schuss trifft Güldünya Tören in den rechten Oberschenkel. Sie hat noch versucht wegzurennen, als sie den Bruder die Straße herunterkommen sieht. Doch sie ist nur bis zum Bordstein gegenüber gekommen. Dann schießt Ferit. Güldünya greift sich ans Bein und sinkt langsam zu Boden. Ferit sieht, dass seine Schwester noch lebt, und setzt ihr nach.

Doch der alte Imam ist schneller bei ihr. Schützend wirft Alaattin Ceylan sich über die blutende Frau. Als der Junge neben den beiden steht und zum zweiten Mal abdrücken will, packt der Imam ihn am Arm und reißt ihn zu Boden. Wäre er nicht gewesen - Güldünyas kleiner Bruder hätte seinen Auftrag schon an diesem Nachmittag zu Ende gebracht.

Er hält den Lauf der Pistole an ihren Kopf und drückt ab

14 Stunden später hat der Imam den Kampf um Güldünyas Leben verloren. Bis weit nach Mitternacht haben Ferit und sein älterer Brüder Irfan im Garten des Krankenhauses gelauert. Um 4.15 Uhr steht Ferit neben dem Bett der Schwester. Er hält den Lauf der Pistole an ihren Kopf und drückt ab. Zwei Schüsse hallen über den Korridor der Notaufnahme. Güldünya ist tot.

Die junge Frau ist ihren Mördern nicht böse gewesen. "Ich beschwere mich nicht über meine Brüder. Ich mache ihnen keinen Vorwurf", hat sie gesagt, wenige Stunden, bevor Ferit zum zweiten Mal auf sie schoss. Bleich, mit trockenen Lippen und müdem Blick, die dunkelbraunen Haare zurückgeschlagen und einen Tropf im Arm - so lag sie da im weißen Krankenbett.

Als die Polizisten fragten, ob sie Anzeige erstatten wolle, schüttelte sie den Kopf. "Sie wusste, dass die Familie ihren Bruder Ferit zu der Tat gezwungen hatte. Sie wollte ihm keinen Ärger machen", wird der Imam später sagen. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ihr Tod so unausweichlich schien. Die Schande, die sie über die Familie gebracht hatte, war nur mit Blut zu tilgen. Das wusste Güldünya. Das wussten alle aus Budakli, ihrem Heimatdorf im fernen Osten der Türkei.

Aber er verstand die Welt, aus der Güldünya kam

Auch der Imam wusste es, schließlich stammte er aus dem Osten. 17 Jahre lang war er Imam von Budakli gewesen, der muslimische Dorfpfarrer. Nach Istanbul war er erst vor drei Jahren gekommen, nach der Pensionierung. Seine Muttersprache war Kurdisch, die Sprache des Ostens. Türkisch verstand der ehemalige Staatsbeamte auch mit 66 noch nicht richtig. Aber er verstand die Welt, aus der Güldünya kam. Eine Welt, in der sich der Wert einer Frau nach dem Brautgeld bemisst, das sie bei der Hochzeit einbringt: Ein bis zwei Milliarden Lira, 600 bis 1200 Euro, sind üblich - etwa so viel, wie man für eine Kuh bezahlt.

In den ärmlichen Bergdörfern Kurdistans gilt das Gesetz der Stämme. Über seine Einhaltung wacht der lokale Stammesrat. Hier entscheiden die Männer über Leben und Tod, wenn eine Frau die Ehre der Familie und des Dorfes in den Schmutz gezogen hat. Wer sich dem Urteil verweigert, wird ausgeschlossen und verspottet, lebt wie ein Aussätziger unter den eigenen Leuten. Eher wird ein Mann vom Stamm der Schigo zum Mörder, als diese Schmach zu ertragen.

Darum versuchen alle zunächst zu vertuschen, was mit Güldünya geschehen ist. Eine Zyste im Magen sei der Grund für ihre Schmerzen, heißt es im Frühjahr noch. Da arbeitet die 22-Jährige auf den Tabakfeldern im Dorf. Um eine teure Behandlung zu bezahlen, will ihr Vater sein Vieh verkaufen, kein leichter Schritt für einen armen Bauern. Doch als sich herumspricht, dass der Nachbar Servet Tas anbietet, das Geld für den Doktor vorzustrecken, beginnen die Gerüchte in Budakli.

An eine Abtreibung ist im fünften Monat nicht zu denken

Die Wahrheit kommt im August nach einer 30-stündigen Busfahrt quer durch die Türkei ans Licht. Die Ärzte in Istanbul stellen schnell fest, dass die Patientin nicht an einer Zyste leidet, sondern schwanger ist. An eine Abtreibung ist im fünften Monat nicht mehr zu denken. "Wer war das?", will Güldünyas Vater wissen. "Servet Tas", antwortet Güldünya. "Meine Augen wollen dieses Mädchen nicht mehr sehen. Bringt sie weg", sind die letzten Worte des Vaters im Krankenhaus, bevor er zurückfährt ins Dorf.

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