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6. Mai 2008, 08:49 Uhr

Kampusch auf der Couch

Natascha Kampusch - sie hauste acht Jahre in einem Verlies. Wohl kaum jemand kann die Leiden der Inzest-Opfer von Amstetten so gut nachvollziehen wie sie. Doch beim Betroffenheitsgespräch mit Birgit Schrowange war unklar: Inszeniert oder therapiert Kampusch sich? Von Sylvie-Sophie Schindler

Hat den Opfern von Amstetten gespendet: Natascha Kampusch© Action Press

Josef Fritzl liegt auf dem Bauch, nur mit einer Badehose bekleidet und lässt sich am sonnigen Strand von einer Thai massieren, er lacht. Amateur- Videoaufnahmen aus vergangenen, fröhlicheren Tagen. Dann TV-Bilder aus dem düsteren Kellerverlies und eindringliche Schilderungen des Horrors. Der Inzest-Fall von Amstetten - Thema beim gestrigen RTL-Magazin "Extra". Die Geschichte des Josef Fritzl , der seine Tochter Elisabeth vierundzwanzig Jahre lang in ein 55-Quadratmeter-Verlies sperrte, sie unzählige Male vergewaltigte und sieben Kinder mit ihr zeugte. Natascha Kampusch, selbst über acht Jahre lang unter Tage eingesperrt, sollte etwas dazu sagen. Moderatorin Birgit Schrowange hatte das Entführungsopfer zu sich in die Sendung geholt: Herzlich willkommen zum Betroffenheitsgespräch. Kampusch sollte die erschütternde Angelegenheit kommentieren wie ein Trainer ein Fußballspiel. Sie ist doch "Expertin" - oder etwa nicht? Der Fall Amstetten habe, so Birgit Schrowange, Natascha Kampusch wieder mit "voller Wucht in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit gedrängt". Die 20-Jährige sei eine gefragte Gesprächspartnerin, denn "kaum jemand kann ermessen, was die Opfer von Josef Fritzl durchmachen mussten - Natascha Kampusch kann es."

Sicher, sie kann es, aber will sie es denn auch? Will sie wirklich noch einmal zurück in ihren alten, quälenden Schmerz? Und warum ausgerechnet im Exklusiv-Interview mit Birgit Schrowange? Ist Geld im Spiel? Und wenn ja, wäre das verwerflich? Über Natascha Kampusch ist bekannt, dass sie soziale Projekte finanziell unterstützen will - den Opfern von Amstetten habe sie inzwischen 25.000 Euro gespendet. Vielleicht aber ist es zu einfach, einzig mit finanziellen Motiven argumentieren zu wollen. Möglicherweise, und das ist eine Vermutung, ist es mit der wieder gewonnen Freiheit gar nicht so einfach wie erhofft und Natascha Kampusch wandert, nur um irgendeine Struktur zu haben, lieber bereitwillig in das nächste Gefängnis, eingesperrt in Fotos, Interviews und Berichterstattungen. Ihre innere Zerrissenheit zeigt sich auch da: Im vergangenen August sprach sie noch davon, auszuwandern, und nun soll bald, im nächsten Monat, ihre eigene Talkshow im österreichischen Fernsehen ausgestrahlt werden. Als Gäste eingeladen werden Menschen mit schweren Schicksalsschlägen. Natascha Kampusch will ihnen zuhören und Mut zusprechen. Oder ist es vielmehr so, dass sie sich selber Mut machen will?

Auch wenn oft davon die Rede war, aus dem bedauernswerten Kellermädchen sei eine selbstbewusste junge Frau geworden: Bei Birgit Schrowange war eine Natascha Kampusch zu sehen, die immer wieder mit den Tränen kämpfte und ihre Lippen fest aufeinander presste. Die bei jeder Antwort nach oben blickte, als gäbe es dort irgendeinen Ausweg. Die sich, auf den ersten Blick, bewundernswert unter Kontrolle hatte, und doch gleichzeitig extrem schutzbedürftig wirkte. Sollte das, wie böse Zungen sicher behaupten werden, eine Inszenierung sein, dann sollte man Natascha Kampusch schleunigst für einen Oscar nominieren.

"Grässliches Schauermärchen"

Über die Vorfälle von Amstetten hörte Natascha Kampusch, wie sie erzählte, aus dem Fernsehen. "Am Anfang dacht ich mir: wie bedauerlich", sagte sie im Interview mit Birgit Schrowange. Nach und nach sei ihr der Gedanke gekommen: "Moment mal, da sind ja so viele Parallelitäten." Und dann sei ihre Vergangenheit "so stark auf mich eingestürzt, dass ich das Fernsehen abdrehen musste". Sie sprach von einem "grässlichen Schauermärchen" und davon, dass sie sich durchaus vorstellen könne, dass jetzt, in diesem Moment, auch woanders Menschen eingesperrt seien. Und zwar, wie sie betonte, nicht nur in Österreich: "Viele Leute meinen ja, dass es Österreich-spezifisch ist." Doch, so schrecklich der Vorfall von Amstetten auch sei, Natascha Kampusch sagte, sie müsse ehrlicherweise gestehen: "Es war irgendwie erleichternd für mich. Weil dann wird man nicht mehr so als Kuriosum betrachtet."

Natürlich genügte es nicht, Natascha Kampusch ausschließlich als "Expertin für eingesperrte Menschen" zu befragen. Wenn sie denn schon mal da war, musste sie sich auch Fragen gefallen lassen über ihre 3096 Tage hinter einer Betontür. Birgit Schrowange zielte wie eine Scharfschützin, und zwar genau dorthin, wo es weh tat: Was war für Sie das Schlimmste? Wie hält man das aus? Wie schafft man es zu überleben? Natascha Kampusch dazu sehr beherrscht: "Ich kann nur von mir sprechen: der Körper lebt einfach weiter, der Geist beschränkt sich auf das Mindeste." Man könne sich den Schmerz wegdenken. Weiter zu den nächsten Fragen, Birgit Schrowange kam in Fahrt: Hat er Sie bedroht? War er Ihnen gegenüber gewalttätig? Natascha Kampusch machte eine Pause, blickte nach oben, unterdrückte Tränen und sagte dann: "Durchaus, aber ich möchte nicht so gerne darüber sprechen."

Schrowange mit Therapeutinnen-Gesicht

Ob Birgit Schrowange auch als Psychotherapeutin bella figura gemacht hätte? Die Moderatorin versuchte sich zumindest mit einem Therapeutinnen-Gesicht, als Natascha Kampusch über ihren Peiniger Wolfgang Priklopil erzählte: "Ich wollte nicht verantworten, dass er sich selbst umbringen würde." Indem sie aber weggelaufen sei, habe sie sein Todesurteil unterschrieben. "Auch wenn es nicht wirklich meine Schuld ist und ich jedes Recht dazu habe, wegzulaufen, es ist nicht einfach, irgendjemanden umzubringen", sagte sie. Dazu Therapeutin Schrowange: "Sie haben ihn nicht umgebracht, es war seine Entscheidung." Patientin Kampusch: "Wenn ich nicht weggelaufen wäre, hätte er sich nicht umgebracht."

Therapieversuch gescheitert. Aber behauptet überhaupt irgendwer, die Medien seien die beste Therapie für einen Menschen wie Natascha Kampusch? Andererseits, man weiß nicht, wie es ist, Natascha Kampusch zu sein. Und man weiß auch nicht, wie es ist, ein Kellerkind von Amstetten zu sein.

Von Sylvie-Sophie Schindler
 
 
KOMMENTARE (10 von 14)
 
Christa42 (08.05.2008, 11:41 Uhr)
Wie traurig!!!!
Ich finde es wirklich unerhört, das erstens Frau Kampusch meint,Sie müsse mit den Opfern reden, was soll dass, die kennt die ja gar nicht, und würde ohnehin in vergangenem rumgraben, dass kann ja behilflich sein!!!!
Ich bin die Schulfreundin von Elisabeth, mein Wunsch wäre sie wieder zu sehen, aber sicher nicht über geschehenes zu reden, denn wenn sie dass will , wird sie es von sich aus machen.Fr.Kampusch hat für die Vorstellung die sie gegeben hat ja 35.000 Euro kassiert, oh man und was sie sagte, gefiel mir und ich denke vielen anderen nicht wirklich.Traurig wenn man jetzt nicht mehr so sehr an ihrer Geschichte interessiert ist, den ihre Geschichte und die der Elisabeth ist nicht mal annähernd zu vergleichen.So einen Fall wie bei Fritzl, hat die Welt noch nicht gesehen, Kampusch wurde von einem fremden Mann entführt, aber da sie ja bei Ihrer Fluch einen äusserst normalen Eindruck machte auch von der Hautfarbe her, möchte ich sagen dass ich stark glaube, dass es ihr in jeder Art und weise besser ging, denn Elisabeth hatte kaum noch Farbe an der Haut, und sowas müsste meiner Meinung auch nach acht Jahren der Fall sein!!!!!!!!!!!!Ich will dazu nicht mehr sagen, ausser dass es mir leid tut dass Fr.Kampusch nunmehr nur Medien in Betracht zieht um nicht in Vergessenheit zu geraten. Ich verstehe nicht wenn man angeblich Heilung will, sich dann noch medial profiliert und selber immer wieder in die Vergangenheit gehen muss!!!!!!!!!!Wie gesagt, es gibt hierzu keinen Vergleich zwischen Kampusch und Fritzl, das ist das reinste Grauen.
Ich wünsche meiner Schulfreundin wirklich das beste und hoffe dass Sie und Ihre Familie so gut es geht in ein neues Leben finden können.
Leider hat ihr Vater ihr das Leben ohnehin genommen und das gänzlich.Den würde ich für den Rest des Lebens in den Kerker schmeissen in dem seine Tochter und die Kinder 24 Jahre lang waren und noch ein paar dunkelhäutige Männer dazu......die sehr gut bestückt sind.....
idontkehr (07.05.2008, 23:44 Uhr)
Als Opfer eines Verbrechens...
...bekommt man heutzutage eine eigene Talkshow. Man wird also sozusagen prominent. Diese Vorstellung ist doch irgendwie absurd. Ebenso werden Opfer von Verbrechen Opfer der Presse, die mit allen Mitteln versucht, intime Details oder Fotos dieser zu ergattern - selbstverständlich im Auftrag der Leser/Zuschauer. Kranke Welt.
KlaraSinger (06.05.2008, 17:28 Uhr)
Ist das denn wirklich die gleiche Frau Kampusch,

die der Familie Fritzl ganz dringend geraten hat, sich vor den Medien zurück zu halten?
Hatte sie nicht geäußert, dass es ihr Fehler war, sich in den Medien präsentiert zu haben, und hatte sie nicht die Opfer von Amstetten ganz dringend davor gewarnt?
Ein Schelm, wer Schlimmes dabei denkt.
Johann58 (06.05.2008, 15:17 Uhr)
Zynismus pur
Was fuer Zyniker erlauben sich hier eigentlich ein Urtail ueber Frau Kampusch abzugeben. Wenn es ihr persoenlicher Weg ist um mit dem erlebten umzugehen, dann ist das gut so. Man kann ihr nur gratulieren, wenn sie wie auch immer, auch in der Oeffentlichkeit, ihre verlorene Jugend und die Jahre in der Gewalt eines offensichtlich geisteskranken Mannes aufarbeitet. Wenn jemand glaubt, es muesse sich eine Urteil ueber Frau Kampusch erlauben, dann rate ich ihm einmal 8 Jahre eingesperrt zu sein und dann reden wir weiter. Der Mist der hier teilweise geschrieben wird ist unglaublich.
poseidon2605 (06.05.2008, 14:19 Uhr)
Wie soll denn ein Opfer sein?
Schrecklich all die Kommentatoren, die einer Frau Kampusch vorschreiben wollen wie sich ein Opfergefälligst zu verhalten hat (demütig, gebrochen und jetzt schließlich zurückgezogen in den freiwilligen Kerker)
Frau Kampusch hat keine Chance auf eine Ausbildung oder auf ein überhaupt adäquates Leben gehabt. Sie macht das beste daraus und nutzt irgendwie ihre Chance. Den angerichteten Schaden kann keiner und auch kein Geld wieder gutmachen. Ich gönne es ihr von Herzen und wünsche ihr, dass sie doch noch ein wenig Lebensqualität erreicht. Ich hoffe sie kann sich von all den "Moralisten" die sie wieder zum Opfer machen wollen gesund abgrenzen.
albundy69 (06.05.2008, 14:00 Uhr)
Südafrika wartet, .................
.....Frau Kampusch, Ihr Auftritt, Ihre Selbstbeweihräucherung, Ihr unerträgliches gestelltes Leidesngesicht, all das wirkt so echt wie Veronas Busen. Allgemein dürfte bekannt sein, dass Sie, verehrte Frau Kampusch, Ihren Abflug in Ihre "Lodge" nach Südafrika planen. Wenn in diesem Forum geschrieben wird, Sie müssten sich "ihre Brötchen verdienen", so sollten Sie der Ehrlichkeit halber zugeben, verehrte Frau Kampusch, dass eine Lodge in Südafrika besser ist als ein paar Brötchen in Wien. Wie gesagt, dieses sind theoretische Überlegungen, die dem Autor erboten werden sollten, ...........
H.Heine (06.05.2008, 11:47 Uhr)
Das Mädchen und die Medien
Die Autorin scheint nicht nur unterschwellige Kritik an den Betroffenheitsjournalismus von Frau Schrowange zu äußern und schlägt leider, bewußt oder unbewußt in die selbe Kerbe. Die Öffentlichkeit hat natürlich das Recht und die Medien die Pflicht, ach mal schwere Einzelschicksale zu veröffentlichen und darüber zu diskutieren. Natascha Kampusch hatte natürlich ein unvorstellbar schwere Zeit und jeder anständige Mensch wünscht ihr viel Glück für die Zukunft. Aber dadurch, dass sie von den Medien animiert wird über ihre "Gefangenschaft" zu berichten wird die Zeit auch nicht zurückgedreht. Und die Medien offenbaren dadurch auch ihre Sensationsgelüste und einen hauch von Voyeurismus. Denn wie sonst ist denn die Nachfrage, nicht nur von Schrowange sondern im allgemeinen die Mediennachfrage über intime und persönliche Details ihrer Gefangenschaft zu erklären?
Die Autorin hat recht mit der Behauptung, man wisse nicht, wie es ist, Kampusch oder ein "Kellerkind" von Amstetten zu sein. Aber den Opfern ist durch die Publikation ihrer Gefangenschaft und ihrer Ängste auch nicht geholfen. Will man diesen Menschen helfen, ist also wirklich betroffen von den Schicksalen, dann sind die Opfer bei anderen, profesionellen Helfern besser aufgehoben als bei Schrowange oder auch Jauch.
Medienkritik macht auch vor der eigenen Haustür nicht halt.
wintersaint (06.05.2008, 11:44 Uhr)
So dumm nicht
Wenn die Frau Kampusch für Geld in eine Talkshow geht ist das doch ok. Sie hat ja an sich sonst nichts zu verkaufen. Eine adäquate Ausbildung hat Sie nicht, keinen Job, nur ihre Berühmtheit. Mit irgendwas muss sie aber auch ihre Brötchen kaufen. Und wenn Sie von denen noch an andere Opfer abgibt, um so besser. Dass sie selbst eine Talkshow machen will ist ebenso nur konsequent. Wenn Du etwas nicht besiegen kannst, werde einfach ein Teil davon. Wenn die Moderatorin ist laufen der die Leute nicht mehr wegen der Kellergeschichte nach. Macht sie aber nichts, verdient sie kein Geld und wird die Paparazi nie los. Auf jeden Fall sehr tapfer dass sie das durchsteht.
Lammbock (06.05.2008, 10:48 Uhr)
Genauso krank...
wie die Tat an sich, ist die Tatsache, dass jetzt wieder versucht wird Profit daraus zu schlagen. Da werden alte Geschichten wieder aufgewärmt und auf betroffen getan. Wie schon geschrieben: Zum Glück gibt es Leute, denen es schlechter geht als mir. Und alle fragen: wie kann so etwas nur passieren? Ist die Kamera aber aus, freuen sich alle, dass sie wieder "Exclusiv" berichten konnten und die Einschaltquoten und damit das Werbekonto entsprechend voll ist.
Lain (06.05.2008, 10:44 Uhr)
von frau kampusch...
halte ich gar nichts. klar war es hart was sie duchgemacht hat, aber wie sie sich seit ihrer befreiung selbst in szene setzt und von einem auftritt zum nächsten hetzt lässt mich eher an ein glamorgirl das aufmerksamkeit will als an ein mädchen das seine ängste bekämpft denken....
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