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27. April 2010, 17:28 Uhr

"Die ist doch selber schuld"

Kaum zu fassen: In einem vollbesetzten Zug in Freiburg wird eine Frau in übler Weise belästigt. Doch statt zu helfen, schauen die anderen Fahrgäste weg. Einer sagt: "Die ist doch selber schuld." Selbst die Polizei ist sprachlos. Von Manuela Pfohl

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Statt Zivilcourage: Fahrgäste einer Freiburger Bahn schauten zu, wie eine Frau schikaniert wird© DPA

Sonntagabend in Freiburg. Dutzende Menschen warten im Hauptbahnhof auf ihre Züge. Um 19.50 Uhr will auch eine 20-Jährige mit dem Regionalzug Richtung Offenburg fahren. Plötzlich steht ein Mann schwankend vor ihr und beginnt sie zu beschimpfen. Die junge Frau versucht ihm auszuweichen. Doch der Mann lässt nicht ab, pöbelt immer weiter und immer aggressiver. Dann endlich kommt der Zug. Gott sei Dank, denkt die Frau. Steigt ein und hofft, dass alles vorbei ist. Doch der Mann folgt ihr in den Wagen. Sie springt zurück auf den Bahnsteig, läuft hektisch zum nächsten Waggon, steigt ein, atmet durch - und wieder ist er da. Er packt sie an den Armen, stößt ihr in den Rücken. In ihrer Verzweiflung bittet die Frau die anderen Fahrgäste um Hilfe. Immer wieder und immer umsonst. Nur eine Frau reagiert: Wer so ein kurzes Kleid trage, sei selber schuld, wenn er belästigt würde, sagt sie eiskalt.

Flucht in letzter Minute

Thomas Gerbert, Pressesprecher der Freiburger Bundespolizei, macht das nahezu sprachlos. "Jeder kann in eine solche Lage geraten und dann selbst Hilfe benötigen. Es ist mir unverständlich, dass hier niemand der Fahrgäste eingegriffen hat, um der jungen Frau zu helfen."

Erst eine zufällig vorbeikommende Streife der Bundespolizei macht dem Spuk ein Ende. Kurz vor Abfahrt des Zuges sieht die junge Frau die Beamten. Im letzten Moment kann sie sich von ihrem Peiniger losreißen und flüchten. Der 46-Jährige wird festgenommen. Ein Atemalkoholtest zeigt, dass er mehr als drei Promille intus hat.

Und wieder zeigt sich, dass Zivilcourage offenbar eine seltene Tugend ist. Erst im September 2009 war die Öffentlichkeit von einem krassen Fall geschockt. Damals hatten Jugendliche in München einen Mann tot geprügelt, weil er bedrängten Kindern in einer S-Bahn helfen wollte. Er bezahlte seine Zivilcourage mit dem Leben, weil die Umstehenden weder den Kindern noch ihm halfen, obwohl sie zahlenmäßig überlegen waren. Kein Einzelfall, wie auch andere Erfahrungen zeigen.

Wegsehen, weghören, weggehen

An der Uni Göttingen haben Forscher das Phänomen Zivilcourage erstmalig realitätsnah untersucht. In der Sendung "Report Mainz" berichtet der Soziologe Stefan Schulz-Hardt von einem Feldversuch mit versteckter Kamera. Das Ergebnis sei erschreckend gewesen: Nur fünf Prozent der Untersuchten sei überhaupt bereit gewesen, helfend einzugreifen. Wegsehen, weghören und weggehen.

Doch warum sind so wenige Menschen bereit zu helfen, wenn neben ihnen jemand in Not ist? Und ist der feigen Gleichgültigkeit nur mit drastischen Strafen beizukommen?

In einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk erklärt Joachim Kersten von der Polizeihochschule in Münster: "Was in den Köpfen derjenigen, die nur herumstehen und nicht helfen, vorgeht, wissen wir, das ist sehr gut erforscht." Im Wesentlichen sei es so, dass jeder darauf warte, dass der andere etwas tut. Nach dem Motto, warum soll ich mich als erster einmischen, wenn es auch kein anderer tut. Erst wenn dieses Schweigen durch eine Person gebrochen wird, die aktiv zur Hilfe für einen Bedrängten auffordert, werde reagiert.

Werden sich Zeugen melden?

Zur Forderung nach verschärften Strafen meint der Sozialpädagoge Wolfgang Goß: "Es wird seit langem immer wieder nachgewiesen, dass das Strafmaß als Abschreckung kaum präventive Wirkung hat, ein Zuviel aber kriminalitätssteigernd wirkt.

Die Freiburger Polizei hofft, dass sich Zeugen für den Vorfall am Sonntagabend melden. Ob sie allerdings wirklich den Mut haben werden, darf bezweifelt werden.

Von Manuela Pfohl
 
 
KOMMENTARE (10 von 83)
 
Medley (28.04.2010, 18:20 Uhr)
Aha.
"Zur Forderung nach verschärften Strafen meint der Sozialpädagoge Wolfgang Goß: "Es wird seit langem immer wieder nachgewiesen, dass das Strafmaß als Abschreckung kaum präventive Wirkung hat, ein Zuviel aber kriminalitätssteigernd wirkt."

Aha. Knast für Neonazis, die zB. Ausländer "klatschen", sowas hat also kaum präventive Wirkung. Und höhere Strafen wären in den Fällen sogar "kriminalitätssteigernd".......
Dumm nur, dass sich das in den "Kampf gegen Rechts"-Kreisen noch nicht so richtig rumgesprochen hat. Die fordern trotzalledem immer noch schnellere und härtere Sanktionen für rechte Schläger. Vielleicht sollte man die "Glatzen" ja aber auch ganz einfach mal ein gutes Buch als Strafe lesen lassen?! Sowas soll allen Ernstes ebenfalls sozialpädogogisch resozialisierend wirken.....

LINK: http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,690802,00.html
Medley (28.04.2010, 18:03 Uhr)
Risiko Zivilcourage
Risiko Zivilcourage

Wie Helfer zu Tätern werden

Sie sind dazwischen gegangen, als ein Mitbürger angegriffen wurde; sie haben Mut gezeigt. Für diesen Einsatz landeten sie vor Gericht und bekamen einen Strafbefehl. Report MÜNCHEN über den fragwürdigen Umgang von Staat und Justiz mit Zivilcourage.


LINK: http://www.br-online.de/das-erste/report-muenchen/report-risiko-zivilcourage-ID1272016698616.xml
sportartmakler (28.04.2010, 14:43 Uhr)
@Svjuerg - seltsam
vor kurzem war hier ein fast zu ähnlicher kommentar verfasst. ruhestörung morgens um sechs vom nachbarn, selbe frage des belästigten und diesselbe geldstrafe.....nur war der nachbar der ausl hausmeister der den bürgersteig mit großem gerät vom eis befreite.....

bestimmt nur zufall.....

im übrigen hat dieses beispiel nichts mit zivilcourage zu tun, es ist lediglich ein weiteres beispiel von nicht ganz nachvollziehbaren urteieln
re-aktor (28.04.2010, 14:01 Uhr)
Da habt ihr sie...
...die geistig, moralische Wende. Daran haben unsere Konservativen doch die letzten Jahrzehnte gearbeitet. Soziale Kälte.
iosono (28.04.2010, 13:13 Uhr)
juhuuuuu
nach dem scheitern des faschismus,sozialismus und des kapitalismus
kehren wir zurück in's mittelalter.
das comeback des feudalismus!!!
ob hier die ''schleichende islamisierung'' europas schuld hat das ansichten wie ''sie ist ja selbst schuld wenn sie sich so anzieht'' wieder ''in'' sind?
die bildzeitung sollte sich mal damit beschäftigen,daraus kann man bestimmt ''was machen''

Svjuerg (28.04.2010, 12:53 Uhr)
Verschiedenes
Ich lese nun hier einiges mit, und bin echt ratlos. Wieso bringt man es nicht auf den Punkt?

Zivilcourage ist schwer zu zeigen wenn man 2 Dinge berücksichtigt. 1. Ich werde zur Rechenschaft gezogen wenn etwas "passiert". 2. Sollte mir etwas passieren bin ich selber schuld.
-> Also in jedem Fall der Depp!

Warum die Gerichte sich um so etwas kümmern? Weil das einfacher zu handhaben ist als wirklich schwere Fälle in denen man mal Konsequenzen aussprechen und tragen können müsste.

Schade, aber das ist es doch. Und ich kann das auch aus leidvoller Erfahrung sagen.

Nur als Beispiel. Ein kroatischer Nachbar begeht Ruhestörung über Stunden hinweg. Als ich genervt morgens um 6Uhr nachfrage (nach 2Stunden Lärm) ob er "den Schuss nicht gehört hat" (Redewendung), zeigt er mich an wegen Bedrohung und bekommt Recht. -> Ich habe ihn genötigt aufzuhören und mit der Androhung eines Übels auf seine Person und deren Durchführung eine Straftat begangen. 900Euro Strafe!
Fakt ist: Er kann sehr wohl Deutsch, hat das aber mit Absicht falsch verstanden und bekommt Recht, weil ICH berücksichtigen muss das nicht-Deutscher ist und daher eingeschüchtert.
Was eine Farce, und das ist wohl nicht nur hier in Stuttgart so.
Olli99 (28.04.2010, 12:49 Uhr)
jetzt mal konkret ...
meine eigene, oft gemachte Erfahrung:

- Der Täter sucht ein Opfer, ist also Feige und scheut jegliche Konfrontation
- Oft reicht scharfe verbale Ansage, höflich aber bestimmt
- Viele Aussenstehende müssen nur etwas "aufgefordert" werden zu helfen (wenn es peinlich wird hilft der grösste Gaffer)
- Zu Mehreren ist man immer stärker (auch ohne einen einzigen Fausthieb)

-> das kann man von JEDEM ERWACHSENEN MANN VERLANGEN!

Für alles weitere hat sich vielleicht in der mobilisierten Menge ein geeigneter gefunden (Polizist, Security, ...)


Dafür muss man nicht trainiert sein, ausser vielleicht in seiner Persönlichkeit!

@schmutz: ich beschreibe nur wie ich in meiner Firma vorgehe, und notfalls wäre noch der Posten des Hausmeisters zu vergeben
Tom3 (28.04.2010, 12:09 Uhr)
@silente:
...sie liefern hier null Argumente u. machen hier einen auf Super-Schlaumeier-Demokrat, aber außer irgendwelcher Worthülsen kommt von Ihnen rein gar nix...

...auf solche Leute u. deren Meinungen leg ich keinen Wert

...und unsere Demokratie verstehe ich in der Tat nicht, aber sie dafür sicher umsomehr, so angepasst u. möchtegerneloquent wie sie hier aufzutreten versuchen...

....dann bitte schön, erklären sie mir doch, warum jemand, der zwei wehrlosen Frauen, von der eine ne Bierflaschen von nem betrunkenen Kerl über den Kopf gezogen bekommen hat, geholfen hat u. dabei leider den Aggressor geschubst hat, nun für sein Eingreifen vom Staat dafür zur Rechenschaft gezogen wird...

...wenn unsere Gerichte wirklich sooooo überlastet sind, warum haben sie dann für solche Fälle überhaupt Zeit???

...bitter Silente, erklären sie mir das doch mal... sie haben ja scheinbar kappiert, wie das bei uns läuft!
MKK-Wohner (28.04.2010, 12:03 Uhr)
@babylon
Genau dasselbe hat mir/uns mein/unser Sifu immer wieder eingetrichtert. Ich wollte dies hier eigentlich nicht öffentlich machen - aber die wirklich einzige Möglichkeit, "ungestraft" aus so einer Situation herauszukommen, heißt: den Gegner schnellstmöglich kampfunfähig zu machen (und das bedeutet "brutalstmöglich") und dann schnellstens zu verschwinden. Sollte dies nicht gelingen und man hat Kontakt mit Staatsanwaltschaft und Polizei, sollte AUF KEINEN FALL erwähnt werden, dass man bestimmte Kenntnisse besitzt.
Hier ist Schweigen wirklich Gold!

Das gilt aber nur für die Situation: keine weiteren Zeugen.
Ansonsten gilt mein Vorschlag von heute Nacht!
mantrid (28.04.2010, 12:01 Uhr)
Eine Frage der Abwägung
Wenn ich einen Agressor verbal angehe, müsste ich davon ausgehen, dass dieser mich auch physisch angreifen würde. Da ich nicht so kräftig bin, also einem Kräftemessen nicht lange Stand halten würde, müsste ich äußerste physische Gewalt einsetzen, um jegliche weitere Gegenwehr auszuschliessen, also selbst wenn der Gegner am Boden liegt, soweit auf ihn einzuwirken, dass er mir nicht mehr gefährlich werden kann.

Damit wäre ich sicher wegen schwerer Körperveletzung dran, ziemlich sicher meinen Job los und meine wirtschaftliche Existenz wäre vernichtet.

Also maximal per Mobiltelefon den Notruf wählen, wenn das denn unbemerkt geht und sich ansonsten brav heraushalten.
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