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22. Dezember 2007, 10:07 Uhr

Der Ebay-Schatz von Dorsten

Alle Spuren führen nach Berlin: Ein Arbeitsloser hat in einem alten Radio einen ungewöhnlichen Schatz gefunden. Jetzt wird nach dem wahren Besitzer gesucht - oder dessen Nachkommen. Es sieht jedoch danach aus, dass der glückliche Finder sich kurz vor Weihnachten über viel Geld freuen kann. Von Frank Gerstenberg

Der Dorstener Klaus Matschos, 46, ersteigert bei Ebay ein Transistorradio für 1 Euro© © Mario Pelizzoli

Weihnachten verläuft bei Klaus Matsosch, 46, normalerweise in sehr ruhigen Bahnen. Der arbeitslose Tischler freut sich über kleine Dinge wie den Teller von seiner Mutter, auf dem er jedes Jahr eine Ananas und eine Kokosnuss findet. Höhepunkt des Festes ist eine Flasche Bourbon, die ihm sein Bruder schenkt. "Den Bourbon trinke ich mit Cola als Longdrink auf Eis, dann bin ich zufrieden."

Diesmal wird es in der kleinen Zweizimmer-Wohnung der Mutter in Dorsten jedoch reichlich Gesprächsstoff geben. Denn es ist etwas aufregendes passiert: Vier Kamerateams waren allein in dieser Woche zu Besuch. An der Nonnenstiege, wo der ledige Dorstener in einem schlichten Mietshaus aus den 50er Jahren Tür an Tür mit seiner Mutter wohnt. Der Grund: Matsosch fand in einem Kofferradio, das er bei Ebay ersteigert hatte, 12.100 Mark und brachte das Geld zur Polizei.

Ein Testament und ein Haufen Geldscheine

Klaus Matsosch freute sich: "Ein Päckchen von Ebay ist immer so ein bisschen wie Weihnachten." Am 3. Dezember bringt der Postbote das Transistorradio, das er im Internet für einen Euro gekauft hat. Es ist ein wichtiges Accessoire für die Küche in seiner Wohnung An der Nonnenstiege fünf in Dorsten, die er als "Snackbar" einrichten will, im Stil der 60er Jahre. Das kleine, in schwarzes Leder gefasste No-Name-Radio mit der silbernen Siebblende und einem Drehknopf hat genau das Design, das ihm vorschwebt: schwarz-weiß, schlicht, aber funktionell. Dass es vorne reichlich zerkratzt und mit Fettspritzern übersät ist, stört ihn nicht. Im Gegenteil. Der Oldie-Fan bastelt für sein Leben gern. Eine Tudor-Uhr an seinem linken Handgelenk, aus den 60ern, bei Ebay ersteigert, glänzt mit frisch lackierten Ziffernblättern und flammneuen grünen Leuchtstoffen.

Matsosch öffnet am Radio die Druckknöpfe der Lederhülle auf der Rückseite, und ihm fällt ein hellbrauner Umschlag mit einer Anschrift entgegen: "Postgiroamt. Postfach 110104. 1000 Berlin 9". Matosch vermutet eine Bedienungsanleitung oder einen Kaufvertrag in dem Kuvert. Als er es aufmacht, traut er seinen Augen nicht: Er findet ein Foto, das eine ältere Frau mit einem Blümchenrock zeigt, die vor einem rot geklinkerten Zwei-Familien-Haus steht und einen kleinen Jungen auf dem Arm hält.

Ein abgerissener Zettel aus einem Kellnerblock enthält eine ungeheuerliche Botschaft: "Lieber Heinz, mein Wunsch wäre von Dir wenn mir etwas zustößt. Ich bitte dich von Herzen, las mich auf den Friedhof Fürstenbrunnerweg meine Leiche zur Ruhestätte unter die Erde bringen. Das Geld, ein kleiner Betrag, ist hier im Radio. Ein anderer Teilbetrag Geld ist im Tresor. Auf meine Sterbekosten erfülle mein Wunsch in meiner Schrift. Dein Vater Gustav K., 11.8.90."

Unter Foto und Brief liegen 12 100 Mark in 100- und 200-DM-Scheinen, außerdem ein Schließfach-Schlüssel. Ein Testament. Harley-Fan und Kettenraucher Matsosch, dessen Blutdruck für gewöhnlich erst nach etwa einem Liter Kaffee in Wallung kommt, reagiert für seine Verhältnisse überschwänglich: "Das kann doch wohl nicht sein. Wer macht denn so etwas? Was steckt dahinter?" Vor allem das Foto beschäftigt ihn: Wer ist das Baby? Heinz K.? Kurzentschlossen steckt Matsosch Geld, Foto und Brief wieder in den Umschlag, legt ihn zurück in das Gehäuse und marschiert mit dem Kofferradio zur Polizei. "Nicht einen Gedanken" habe er daran verschwendet, das Geld zu behalten. Mit der Verkäuferin "böse Kerstin" nahm der Käufer "Stratokraz" keinen Kontakt auf: "Wer weiß, auf was für Ideen die gekommen wäre." Er hoffe vielmehr, "dass der Sohn gefunden und der Wunsch des Vaters erfüllt wird", sagt Matsosch. Den Grund für so viel Edelmut vermutet er in seiner eigenen Biografie: "Mein Vater ist vor vier Jahren gestorben, nachdem ich ihn zehn Jahre nicht gesehen hatte. Er hat mir nichts hinterlassen, nicht mal ein Foto", sagt der schlanke Mann mit den braunen Augen und dem Drei-Tage-Bart, der nie offen lacht. Im Oberkiefer leuchtet nur hin und wieder ein einziger goldener Zahn auf.

"Wer versteckt 12.100 Mark in einem Radio?"

Robert Eppink hat normalerweise mit verlorenen Autoschlüsseln oder Portmonees zu tun. Seine spektakulärsten Fundsachen waren bislang ein Rollator und eine Beinprothese. Der 1,90-Meter-Mann, Wollpullover unter dem braunen Jacket, Backenbart und gelassenes Grinsen, wirkt nicht so, als bringe ihn schnell etwas aus der Ruhe. Als der Abteilungsleiter im Ordnungsamt Dorsten jedoch das Radio mit dem Testament und den Geldscheinen von der Polizei Dorsten als Fundsache auf den Tisch bekommt, hält er den Atem an: "Unglaublich. Wer versteckt 12.100 Mark in einem Radio? Was hat es mit dem Schließfachschlüssel auf sich?"

"Bemerkenswert" findet er das Verhalten von Matsosch. "Das hätte nicht jeder gemacht." Denn Matsosch sei der Eigentümer des Radios. Hätte er das Geld eingesteckt, hätte nie mehr ein Hahn danach gekräht. Auch für Dorstens Pressesprecherin Lisa Bauckhorn war sofort klar: "Das ist die Weihnachtsgeschichte."

Vorerst allerdings noch mit ungewissem Ausgang. Denn die Dorstener müssen jetzt versuchen, den rechtmäßigen Besitzer des Geldes zu ermitteln. Alle Spuren führen dabei nach Berlin. Bislang war die Suche jedoch erfolglos, sagt Robert Eppink. Er rief alle Berliner an, die den Nachnamen des Testamentschreibers tragen, Fehlanzeige. Auf dem Luisenfriedhof in Berlin-Charlottenburg, von dem im Brief die Rede ist, sei kein Gustav K. begraben, und auch die Verkäuferin des Radios sei bislang nicht zu erreichen, heißt es aus Berlin. In Dorsten melden sich dafür seit einigen Tagen Leute, deren Vater angeblich in den 90er Jahren gestorben ist, "auch wenn sie Pansen heißen, nie einen Heinz oder Gustav in der Familie hatten und auch nie in Berlin lebten", berichtet Eppink. Er hat das Ordnungsamt in Berlin jetzt um Amtshilfe gebeten.

Wenn die "Recherche gesichert abgeschlossen" und kein Besitzer ermittelt werden konnte, ist vielleicht diesmal der Ehrliche der Glückliche: Klaus Matsosch dürfte seinen Schatz laut BGB behalten, der bis dahin im Tresor der Dorstener Stadtverwaltung liegt. Eppink würde es ihm gönnen: "Es hätte dann endlich mal den Richtigen getroffen." Matsosch wüsste schon, was er mit dem Geld machen würde: "Anlegen". Vielleicht könne er sich damit eines Tages seinen Herzenswunsch erfüllen: Der Motorradfan, der vom unbekannten Trödelliebhaber über Nacht zum bekanntesten Dorstener geworden ist, träumt von einer Harley Davidson Electra Glide. Wichtiger sei ihm aber eine ganz andere Fundsache: "Ich hoffe, einen Job im Personenobjektschutz zu finden." Mit dem Radio sei er auch ohne Geld im Gehäuse zufrieden: "Hauptsache, es spielt." Am liebsten natürlich Oldies.

Von Frank Gerstenberg
 
 
KOMMENTARE (10 von 26)
 
advizr (23.12.2007, 12:11 Uhr)
Freibetrag
Also mit etwas Glück wird der Betrag nicht auf das AlGII angerechnet. Es gibt bzgl. des Vermögens eine Freibetragsregelung. Ich habe gerade kein Gesetzbuch zur Hand, meine aber, daß es 200,- Euro pro Lebensjahr sind, also bei diesem ehrlichen Finder 9.200,- Euro. Wenn er nicht bereits Vermögen in diesem Umfang besitzt (dazu zählen z.B. auch Lebensversicherungen, nur die Riester-Rente nicht), könnte die Sache gut für ihn ausgehen. Wenn der Betrag aber nicht als Vermögen angesehen wird, sondern wie Einkünfte behandelt wird, wird´s schwierig. Dann sollte er anwaltlichen Rat einholen. Mit nem Beratungshilfeschein vom Amtsgericht Dorsten. Happy X-mas
h-p-t (23.12.2007, 12:01 Uhr)
von wegen ehrlich währt am längsten...
ich würde das gerne glauben, aber die realität sieht nun mal anders aus, da ist nichts mit "bescheidenheit, edelmut und ehrlichkeit". alles leere phrasen.
am weitesten kommen blender, schauspieler, welche sich immer irgendwelche lorbeeren aufpflanzen, lügner und angeber.
komisch und traurig zugleich, ist aber so. lediglich im eigenen persönlichen umfeld ( freunde, familie ) trifft dies wohl nicht zu da hier noch auf die inneren werte geschaut wird, aber davon kann man leider nicht leben. und vom "morgens in den spiegel schauen können" ist noch keiner satt geworden.
atride (23.12.2007, 06:59 Uhr)
@STR_EDDS
eine entschuldigung? wofür? sie sind ja von allen guten geistern verlassen... liebe leute, ihr sollt die tannezweige doch nicht rauchen?!
mcgrasi (23.12.2007, 01:29 Uhr)
200 dm-scheine
@jschude: zu sehn gibts den schein auch auf der wikipedia-seite zur guten alten d-mark.
ich schätz mal zu ner anderen zeit als weihnachten (held des monats weil arm aber ehrlich) wäre er wohl zum deppen des monats ernannt worden...
STR_EDDS (23.12.2007, 00:00 Uhr)
.
@jschude: Nana - nicht so voreilig mit dem Tadel. Den 200er gab es in der 4. Serie. Vorne mit Paul Ehrlich, hinten mit dem Bazillensucher. :-)
@Martha: wir leben in zwei unterschiedlichen Welten, ganz offensichtlich. Wenn Sie vorher nicht verstanden was ich meinte, dann werden Sie es auch jetzt nicht verstehen. Ersparen wir uns die Worte. Gute Nacht.
MarthaMuse (22.12.2007, 23:01 Uhr)
@danov
Da will ich atride mal nicht allein im Regen Ihrer Ereiferung stehen lassen: Mir ist Ihre Selbstbeweihräucherung auch übel aufgestoßen. Im Grunde schreiben Sie doch nichts anderes als : "Schaut her, ich bin ein grundguter Mensch!" Gutes tut man, man lobpreist sich aber garantiert nicht selbst dafür.
In diesem Sinne, tun Sie das nächste Mal ewas Gutes, ohne auf den Lohn "Anerkennung" zu warten. Das wirkt einfach sympathischer. Und STR_EDDS :wofür sollte atride um Entschuldiung bitten müssen?
STR_EDDS (22.12.2007, 22:21 Uhr)
@atride
Ein kleines "Entschuldigung" gegenüber Herr/Frau danov hätte sicherlich genügt und wäre auch angebracht. Mich hat das Posting zumindest in meiner Meinung bestärkt, dass nicht alle Deutschen egoistische Motzköpfe sind. Und wenn einer etwas Gutes tut, dann darf er das auch sagen.
atride (22.12.2007, 20:44 Uhr)
@danov
stimmt, ich gebe meinen senf in der regel nur dazu, wenn ich etwas zu kritisieren habe. und du hast aber sicher recht, wer in diesen foren nicht wie du aus irgendwelchen gründen auf wolke 7 unterwegs ist, muss ein scheiß leben haben. ist klar. sehr enger zusammenhang. und hartz 4 ist in wirklichkeit auch ein leben auf wolke 7, als sicher kann gelten, dass seine sachbearbeiter alle augen zudrücken ihm den fund gönnen und herr Matsosch von dem geld erst mal im januar 4 sterne in die karibik fliegt. und außerdem mach der weihnachtsmann bestimmt auch den klimawandel weg. oops, was das wieder zu negativ... sorry!
Dylan1941 (22.12.2007, 19:25 Uhr)
Ich sehe das so...
Pkt.1) Wie schon richtig bemerkt kann die gute alte D-Mark immer und unbegrenzt umgetauscht werden.
Pkt.2) Wieso kassiert bei HartzIV der Staat ? Wer das Geld eingesteckt hätte,wäre sicher auch gewitzt genug,daß Geld von einem Verwandten/Bekannten umtauschen zu lassen und würde es nicht dem Amt angeben !
Pkt.3) Somit ist der Finder ehrlich, egal wie einige dieses Handeln einschränken wollen.
Pkt.4) Ob nach 17 Jahren die Rückgabe des Geldes überhaupt sinnvoll ist und
ein Sich-Selbst_beschenken nicht sinnvoller gewesen wäre, kann jeder selbst beurteilen.
Pkt.5) Trotz allem Hut ab vor dem Herrn. Arbeitslos und auf das Geld verzichten hat schon andere Klasse als wenn vollgestopfte Stars auf Charity Veranstaltungen für Bedürftige unter dem Mantel der guten Sache betteln gehen damit eigene CD Verkäufe in Gang kommen etc.
danov (22.12.2007, 18:28 Uhr)
@ astride
ich habe schon viele Kommentare von Dir gelesen, aber in den seltensten Fällen schreibst Du was nettes/höfliches/freundliches! Ist Dein Leben so schlecht, dass Du Deinen Frust hier in den Foren rauslassen musst? 1. Das war kein fishing for compliments (Englisch kannst Du?), sondern ich wollte damit zum Ausdruck bringen, dass Ebay auch gute Seiten hat (hab auch gute Sachen erlebt). 2. Warten wir doch erstmal ab, was ihm davon bleibt, so einfach kann der Staat das nicht gegenrechnen, da es keine Zusatzeinnahme im Sinne einer Beschäftigungstätigkeit ist, sondern im weitesten Sinne einer Schenkung gleichkommt.
Vielleicht schreibst ja mal was nettes zur Abwechslung. Liebe Grüsse aus München und ein frohes Fest wünsche ich ganz speziell Dir!
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