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Erst Waisenhaus, dann Safari

22. November 2012, 14:20 Uhr

Pool allein reicht nicht: Die Wohlstandskinder von heute wollen ihren Urlaub sinnstiftend veredeln - mit ein paar Tagen Hilfe für die Armen. Wie zynisch sind Gutmenschenreisen? Von Alina Bube

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Januar 2012: Der Shuttle-Bus des Hotels hält am Kilimanjaro-Waisenhaus in Moshi, Tansania. Ein älteres Ehepaar steigt aus dem klimatisierten Wagen und blinzelt in die grelle afrikanische Mittagssonne. "Oh, wie süß die sind", entfährt es der Dame, voller Entzückung streckt sie die Arme nach dem kleinen schwarzen Baby aus, das eine Betreuerin hält. Ihr Mann holt die Digitalkamera raus und hält drauf: Gattin mit Kind auf dem Arm, schwarze Kinderhand in weißer Frauenhand, noch ein paar Fotos von den schäbigen Toiletten, den Schlafkammern, den Waisen in Lumpen - die Daheimgebliebenen sollen ja auch sehen, in welchem Elend die hier leben. Dann versammelt die Betreuerin alle Kinder, sie trällern ein Lied, das Ehepaar spendiert Süßigkeiten, es sind nicht genug für alle, aber dann muss halt geteilt werden - und nicht so schlingen! Nach einer halben Stunde in der prallen Hitze ist es Zeit, weiterzufahren. Das Ehepaar ist glücklich, so viele strahlende Kinderaugen, wie fröhlich die doch sind! "Und jetzt geht's weiter in den Affenwald", sagt der Hotel-Guide.

Was klingt wie eine Satire auf koloniale Menschenzoos und Sozialvoyeurismus, ist in Moshi Normalität. Das Springlands Hotel an der Pembo Road, in dem das Ehepaar wohnte, hat sich dem "nachhaltigen Tourismus" verschrieben und unterstützt das Waisenhaus mit regelmäßigen Spenden. Im Gegenzug dürfen die Hotelgäste die Kinder besuchen, haben auf der Heimreise ein wenig Gänsehaut, rührige Geschichten, nette Fotos und ein gutes Gewissen im Gepäck. "Ich habe oft solche Situationen erlebt, und war immer wieder erschrocken", sagt Annika Großhans, die im Kilimanjaro-Waisenhaus in Tansania sechs Monate Freiwilligendienst geleistet hat. "Die Kinder werden vorgeführt, ohne dass sie wissen, was mit ihnen geschieht. Was sollen sie aus den Besuchen lernen? Weiße geben mir Süßigkeiten, wenn ich tanze, singe und bettle?"

Sinnstiftung als business

Willkommen beim Voluntourismus, dem jüngsten Freizeittrend sinnsuchender Wohlstandskinder aus dem Westen. Vom Bergwaldprojekt in der Rhön, über Trockenmauernschichten im Aostatal, Gepardenzählen in Namibia oder Waisenkinderhüten in Tansania - es wird angeboten, was das gebildete Gutmenschenherz begehrt. Zu buchen, beispielsweise, über den Reiseveranstalter STA Travel. Einmal Karma-Optimierung in Indien? Kein Problem: Die Tour "Exotisches Rajasthan" offeriert neben dem Besuch des Taj Mahal und einer Tigersafari auch noch Englischunterricht, Kinderbetreuung, sowie die Mitwirkung bei Aufklärungskampagnen über Gesundheit, Hygiene und Frauenrechte. Komplettpreis 897 Euro.

"Wir empfehlen unseren Kunden, sich im Shop beraten zu lassen", sagt Katharina Volk, Sprecherin von STA Travel, zu stern.de. "Nicht jedem liegt körperliche Arbeit oder der Umgang mit Kindern. Allerdings sind die wenigsten von ihren Erfahrungen überfordert. Der authentische und vor allem emotionale Austausch mit den Einheimischen bereichert die Reisenden und macht die Freiwilligenarbeit zu etwas ganz Besonderem." Ihre Organisation ist, ethische Siegel gehören zum Geschäft, Mitglied im Global Sustainable Tourism Council (GSTC).

Naturschutz okay, soziale Projekte nicht

In der Forschung wird das neue Business bereits skeptisch registriert. "Wir erleben einen Wandel von der hedonistischen Spaßgesellschaft zur Sinngesellschaft unserer Zeit. Heute sind immer mehr Menschen auf der Suche nach Orientierung jenseits der Überfülle von Konsumangeboten. Deswegen boomt auch der nachhaltige Tourismus und Angebote wie Freiwilligenarbeit im Urlaub ", sagt die Münchner Tourismusforscherin Felizitas Romeiß-Stracke. "Bei Umwelt- oder Naturschutzprojekten ist dagegen nichts einzuwenden", sagt sie. "Problematisch kann es bei sozialen Projekten werden, das würde ich sehr kritisch sehen. Tourismus ist immer noch ein Geschäft, egal wie man es dreht und wendet."

Ein Geschäft, von dem zumindest zwei profitieren: der Veranstalter und sein Kunde. "Ich würde es immer wieder so machen und es auch jedem empfehlen", schwärmt Elke Krämer über ihre Voluntouri-Erfahrung in Tansania, "das zeigt einem das ganze Spektrum Afrikas." Krämer war 26 Tage im Land, wohnte bei Einheimischen und arbeitete im Waisenhaus. Zwischendurch war sie auf Safari, besuchte ein Massai-Dorf, bestaunte einen Wasserfall. Ihre Bilanz ist positiv, gerade weil aus ihrer Sicht die Mischung stimmte. "Tansania ist kein Land, wo ich mich an den Strand legen kann, während Menschen verhungern oder an schweren Erkrankungen leiden. Deshalb wollte ich als Volunteer hin, und konnte sogar noch etwas Urlaub machen."

Entwicklungshilfe geht anders

Ist das zynisch? Ulla Schuch, die sich mit der Organisation "Schule fürs Leben" in Schulen, Kinderheimen und Lehrwerkstätten in Kolumbien engagiert, hat dazu eine klare Meinung. "Beim Voluntourismus wird Betroffenheit konsumiert wie ein trauriger Film, den man abschalten kann, indem man wieder nach Hause fliegt. Man kann nicht innerhalb weniger Tage eine Kultur verstehen, man kann sich nicht innerhalb weniger Tage nachhaltig für eine bessere Welt einsetzen", sagt sie stern.de.

Die "Schule fürs Leben" ist eine anerkannte Entsendeorganisation von "weltwärts", der Initiative des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die Freiwillige für 6 bis 24 Monate ins Ausland vermittelt. "Wir wissen, dass die Dienste in unseren Einrichtungen eine große Herausforderung sind - sowohl für die Freiwilligen als auch für die Einheimischen. Deswegen sind die Einsätze längerfristig, beinhalten Vor- und Nachbereitung, sowie eine fachlich-pädagogische Begleitung vor Ort, und die Teilnehmer werden in einem Bewerbungsverfahren ausgewählt. Das Wohl unserer Kinder ist unser höchstes Gut, wir schützen sie, und lassen sie nicht einmal ohne Absprache von unseren Freiwilligen fotografieren", sagt Schuch.

Besser ein bisschen Unterstützung

All das leistet Voluntourismus in der Regel nicht. Der kurze Touchdown in einem Elendsquartier hat eben nichts mit langfristig angelegter Entwicklungshilfe zu tun. Dennoch, und bei aller Kritik: Wer hat etwas davon, wenn Wohlstandskinder nur in Ghettos für Wohlstandskinder urlauben? Greg Higgins, pensionierter Arzt aus Alaska und Leiter des Kilimanjaro Waisenhauses in Moshi, sieht es pragmatisch: Ein bisschen Unterstützung ist besser als keine. "Wir haben keine verlässliche Spendenquelle, wissen oft nicht, wie wir die nächste Rechnung bezahlen sollen. Da ist jede Hilfe willkommen", sagt Higgins zu stern.de.

"Einmal kamen zwei Kanadier, und waren so gerührt von ihrer Begegnung mit den Kindern, dass sie die Miete des Waisenhauses für ein ganzes Jahr übernommen haben. Und meine Kinder freuen sich immer über die Besuche, so merken sie, dass sie beachtet und geschätzt werden. Egal, ob die Touristen eine dauerhafte Beziehung zu unserem Projekt aufbauen oder nicht: Ich sehe es als einen Erfolg, wenn es die Leute dazu bewegt, darüber nachzudenken, dass es da draußen mehr gibt als ihr kleines Leben."

Die Betroffenen selbst haben, wie so oft, keine Stimme. Ihnen stößt zu, was der Westen tut. Im Guten wie im Schlechten.

Alina Bube

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