Späte Wahrheitssuche vor Gericht

19. Februar 2009, 08:00 Uhr

Sie war gerade einmal zehn Jahre alt, als sie 1981 entführt, in eine vergrabene Kiste gesperrt wurde und darin starb: Ursula Herrmann. Lange liefen die Ermittlungen ins Leere, nun beginnt in Augsburg ein Prozess gegen die mutmaßlichen Entführer. Doch die Beweisführung dürfte schwierig werden.

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In dieser im Wald vergrabenen Kiste erstickte 1981 die entführte Ursula Herrmann. 28 Jahre später kommt es zum Prozess©

Es ist wohl eines der spektakulärsten ungeklärten Verbrechen in der Geschichte der Bundesrepublik: die Entführung der damals zehnjährigen Ursula Herrmann. Das blonde Mädchen wird am 15. September 1981 bei Eching am Ammersee in Bayern auf der Heimfahrt vom Fahrrad gezerrt und in eine im Wald eingegrabene Kiste gesperrt. Als die Entführer Tage später Lösegeld von Ursulas Eltern fordern, ist das Mädchen bereits tot. Denn die von den Entführern gebaute Belüftung der Kiste funktioniert nicht. Das Mädchen erstickt nach wenigen Stunden in seinem hölzernen Gefängnis.

Dennoch fordern die Täter drei Tage nach der Entführung mit einem Erpresserbrief zwei Millionen Mark Lösegeld von den Eltern. Daneben rufen sie mehrfach bei den Eltern an, spielen aber lediglich über Tonband die Erkennungsmelodie des Radiosenders "Bayern 3" ab. Zur Übergabe des Geldes kommt es nicht: Der Kontakt zu den Entführern bricht ab, nachdem die Eltern ein Lebenszeichen von Ursula gefordert hatten. Erst 19 Tage nach der Entführung, am 4. Oktober, findet ein Suchtrupp der Polizei die Kiste mit Ursulas Leiche. Die Ermittlungen liefen jahrzehntelang ins Leere.

Erpresserischer Menschenraub mit Todesfolge

Doch nun beginnt vor dem Landgericht Augsburg der Prozess gegen den 58-jährigen Fernsehtechniker Werner M. und seine 52-jährige Frau. Der Mann ist wegen erpresserischen Menschenraubes mit Todesfolge angeklagt, seine Ehefrau muss sich wegen Beihilfe verantworten. Der jetzt Angeklagte war zwar als Verdächtiger Wochen nach der Tat festgenommen, wegen mangelnder Beweise aber wieder freigelassen worden.

Doch dann beschlagten die Ermittler 26 Jahre später, im Oktober 2007, bei dem inzwischen nach Schleswig-Holstein gezogenen Mann bei einer Hausdurchsuchung ein altes Tonband. Spezialisten des Bayerischen Landeskriminalamtes sollen darauf Spuren gefunden haben, die sich den mitgeschnittenen Erpresseranrufen von 1981 zuordnen ließen. Zudem hätten sich früher geltend gemachte Alibis als falsch erwiesen, hieß es.

Angeklagter leugnet die Tat

Hinzu kommt, dass Werner M. laut den Ermittlern mit einem Millionenbetrag verschuldet gewesen sein soll. Auch habe er sich in Widersprüche verstrickt und bestritten, die Familie Herrmann gekannt zu haben, obwohl er nur 250 Meter von deren Haus entfernt wohnte. Der Ehefrau des mutmaßlichen Haupttäters wird vorgeworfen, die Erpresserbriefe aus Zeitungsfetzen gebastelt zu haben. Die Fahnder gehen von weiteren Mittätern neben den beiden Angeklagten aus, weil sie es für unwahrscheinlich halten, dass Werner M. die etwa 1,40 Meter große Kiste allein transportieren und vergraben konnte. Der Angeklagte selbst leugnet die Tat. "Ich bin unschuldig", zitierte die "Bild"-Zeitung Werner M. Am Tag des Verbrechens habe er gearbeitet. "Mir tun nur die Eltern des Mädchens leid, und ich bedauere ihr Schicksal", zitierte ihn das Blatt weiter. Werner M. sieht sich als "Justizirrtum".

Die Staatsanwaltschaft ist sich offenbar bewusst, dass die Beweisführung trotz oder gerade wegen der vorliegenden Indizien nicht ganz leicht werden dürfte: Ein derart aufwendiges Verfahren habe es in einem Tötungsprozess in Augsburg noch nicht gegeben, sagte Oberstaatsanwalt Nemetz. Er geht dennoch davon aus, dass die gesammelten Hinweise der Ermittler eine Verurteilung des Beschuldigten wahrscheinlich machen.

Eltern bleiben Verhandlung fern

Für die Eltern von Ursula Herrmann reißen mit dem Prozess alte Wunden auf. "Jahrelang haben sie sich nach dem Tod von Ursula Bewältigungsstrategien zum Überleben aufgebaut, die jetzt zusammenbrechen", sagt die Rechtsanwältin Marion Zech, die für die Eltern als Nebenklägerin vor dem Landgericht Augsburg auftreten wird. Die Eltern selbst wollten zu der Verhandlung nicht kommen: Sie wollen sich ersparen, noch einmal die Details zu erfahren, wie ihre Tochter gekidnappt wurde und starb. "Die Eltern scheuen sich vor der Öffentlichkeit, wollen diese Belastung nicht an sich 'ran lassen und werden nur als Zeugen auftreten", sagt Zech. Nur Ursulas Bruder, der bei der Entführung damals 18 Jahre alt war, will als Nebenkläger auch persönlich in Erscheinung treten.

Und die persönlichen Belastungen für die Eltern könnten in der Tat groß werden: Bis zum 17. Dezember sind bislang 53 Sitzungen angesetzt. Rund 200 Zeugen sollen aussagen. Der Verteidiger des Angeklagten, Walter Rubach, hat angekündigt, dass sich der Beschuldigte zum Prozessbeginn umfassend zum Tatvorwurf äußern will. Es gibt keine DNA-Spuren, keine Fingerabdrücke, widersprüchliche Angaben: Die Anklage kann sich nur auf Indizien, nicht auf Beweise stützen. Mögliche Zeugen sind bereits tot. Der Ausgang des Verfahrens ist unsicher. Genauso wie die Antwort auf die Frage, ob jemals ans Licht kommen wird, wer für Ursula Herrmanns Tod verantwortlich ist.

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