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1. September 2011, 12:05 Uhr

Böses Leck bei Wikileaks

Die Namen von mehr als 100 Informanten tauchen in den Botschaftsdepeschen von Wikileaks auf, die frei im Internet kursieren. Die Enthüllungsplattform beschuldigt einen Partner.

Julian Assange, Wikileaks, Guardian, Veröffentlichung, Daniel Domscheit-Berg

Durch Wikileaks wurden erneut Depeschen veröffentlicht, doch die hätten noch bearbeitet werden müssen© DPA

Eine schwere Datenpanne bei der Enthüllungsplattform Wikileaks bringt mehr als 100 Informanten der USA in akute Gefahr. Die Informanten waren von amerikanischen Diplomaten für besonderen Schutz vorgesehen, wie die "New York Times" berichtete. Wikileaks hatte vor neun Monaten damit begonnen, die Botschaftsdepeschen in redigierter Form zu veröffentlichen - ohne die Namen gefährdeter Personen. Jetzt aber sind die Originaltexte für jeden im Internet verfügbar, der gezielt danach sucht.

Wikileaks machte dafür einen Journalisten der britischen Zeitung "The Guardian" verantwortlich. David Leigh habe in einem Buch "rücksichtslos und ohne unsere Zustimmung einzuholen" ein Passwort zur Entschlüsselung der zum Teil noch unredigierten Botschaftsdepeschen veröffentlicht, heißt es in einer in der Nacht zum Donnerstag veröffentlichten Wikileaks-Erklärung.

Der "Guardian" wies die Vorwürfe zurück. "Es ist Unsinn zu behaupten, dass das Wikileaks-Buch des "Guardian" in irgendeiner Weise die Sicherheit gefährdet hat", erklärte die britische Zeitung. In dem Buch sei zwar ein Passwort genannt worden, "uns wurde aber gesagt, dass es ein zeitlich begrenztes Passwort sei, das verfallen und binnen Stunden gelöscht werde".

Vorwürfe gegen den Ex-Sprecher

Die Enthüllungsplattform hatte bei der Veröffentlichung der Botschaftsdokumente mit der britischen Zeitung sowie anderen internationalen Medien wie dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" zusammengearbeitet. Nun beschuldigt Wikileaks den "Guardian", mit der Herausgabe des Buches im Februar dieses Jahres gegen eine Vertraulichkeitsabsprache verstoßen und Menschen gefährdet zu haben. Man prüfe deshalb juristische Schritte "gegen den 'Guardian' und eine Person in Deutschland, die das Passwort zum persönlichen Nutzen weiterverteilt hat".

Das ist eine Anspielung auf den Wikileaks-Aussteiger Daniel Domscheit-Berg, der inzwischen eine alternative Enthüllungsplattform namens Openleaks gegründet hat. Zu den Medienpartnern von Openleaks gehört die Wochenzeitung "Der Freitag", die in der vergangenen Woche über die freie Verfügbarkeit der Botschaftsdepeschen in ihren Originaltexten berichtet hatte. Wikileaks-Gründer Julian Assange hat Domscheit-Berg über einen Anwalt den Bruch von Absprachen und Selbstverpflichtungen sowie "ein gesteigertes Maß an Niedertracht" vorgeworfen. Er habe Journalisten Hinweise zur Öffnung der verschlüsselten Dateien gegeben, hieß es in einem Schreiben des Anwalts. "Mit Ihrem Tun gefährden Sie möglicherweise das Leben und die rechtlichen Interessen Dritter." Das Verhalten Domscheit-Bergs sei "in hohem Maße geeignet, die von Ihnen angeblich befürchteten Gefährdungen überhaupt erst herbeizuführen". Konkrete juristische Schritte gegen Domscheit-Berg werden in dem Brief des Anwalts nicht angekündigt.

Ein Ablenkungsmanöver?

"Aus meiner Sicht ist das Schreiben ein klassisches Ablenkungsmanöver", erwiderte Domscheit-Berg in einer E-Mail. Im Umgang mit den Botschaftsdepeschen habe Wikileaks nun mehrfach Fehler gemacht, zum Teil wegen "des fahrlässigen Handelns von Herrn Assange". Nun seien sie für alle verfügbar. Außerdem seien Teile der Botschaftsdepeschen "durch offizielle Vertreter von Wikileaks weitergegeben und verkauft" worden, warf Domscheit-Berg der Enthüllungsplattform vor. Er habe nun "mit einem Journalisten meines Vertrauens" über das Problem der öffentlich verfügbaren Originaltexte gesprochen.

Neun Monate nach Abschaltung der Internet-Adresse wikileaks.org ist die Enthüllungsplattform inzwischen wieder über ihre Stammadresse erreichbar. Das Projekt teilte dies am Mittwoch im Kurzmitteilungsdienst Twitter mit. Anfang Dezember 2010 hatte die US-Internet-Firma everyDNS.net die zentrale Adresse entfernt, unter der WikiLeaks zuvor im Browser aufgerufen wurde. Das Unternehmen begründete die Entscheidung mit massiven Attacken auf die Webseite, nachdem WikiLeaks mit der Veröffentlichung von Berichten amerikanischer Diplomaten begonnen hatte. Das Aus für wikileaks.org löste damals eine breite Solidarisierungswelle aus.

swd/DPA
 
 
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