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29. März 2007, 15:00 Uhr

"Keine Prothese kann mein Bein ersetzen"

Ihre Haut ist verbrannt, sie haben Beine und Arme verloren, Granatsplitter stecken in ihren Körpern. Täglich werden schwer verletzte US-Soldaten aus dem Irak und Afghanistan ausgeflogen. Sie landen im amerikanischen Militärhospital im pfälzischen Landstuhl. stern.de hat den Ort voller Leid und Schrecken, voller Patriotismus und Hoffnung besucht. Von Malte Arnsperger, Landstuhl

Landstuhl, Militärkrankenhaus, US-Armee, Irak

US-Soldat Charles Parker liegt im Krankenhaus Landstuhl. Er wurde im Irak schwer verletzt. Ihm wurde ein Bein amputiert. Er hat eine Flagge seiner Einheit über sein Krankenbett gelegt© Dirk Claus/stern.de

Der Schnee hat den Landstuhler Kirchberg weiß gefärbt. Genauso blütenweiß wie die dünne Leinendecke, die Charles Parkers Unterleib bedeckt. Der dunkelhäutige Mann schaut aus dem Fenster, er kann von seinem Krankenbett aus die Wipfel der gepuderten Bäume sehen. Es ist ein erschöpfter, trauriger Blick. Seine gefalteten Hände hat er auf seinem Bauch abgelegt. Langsam wandert sein Blick auf den kleinen Tisch neben ihm. Dort liegen zwei Din-A4 große, durchsichtige Beutel, gefüllt mit einer farblosen Flüssigkeit: das Schmerzmittel. Es tropft durch dünne Schläuche, sie führen unter der Decke zu seinem rechten Bein. Plötzlich zuckt der US-Soldat zusammen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht fasst er sich an seinen rechten Unterschenkel. Doch der Griff geht ins Leere.

Sein Bein ist nur noch ein Stumpf, und dennoch hat Corporal Parker Glück gehabt. Er lebt. Ein Wunder. Sein Kamerad hat es nicht geschafft. Er starb wenige Tage zuvor, nachdem die beiden US-Soldaten im irakischen Tikrit in einen Hinterhalt geraten waren. Ihr Humvee wurde von beiden Seiten von Granaten getroffen. Sofort eröffneten die Angreifer - irakische Aufständische, meint Parker - das Feuer. Der Maschinengewehrschütze auf dem Dach des Humvee konnte sich irgendwie schützen. Parker nicht. Eine Kugel durchschlug das Knie des 32-Jährigen. Stark blutend rettete er sich mit letzter Kraft aus dem Kugelhagel, dann fiel er in Ohnmacht. Einem Gefechtssanitäter, der das Bein mit der klaffenden Wunde sofort abklemmte, verdankt Parker sein Leben. Noch im Krankenhaus in Bagdad wurde ihm das Bein unterhalb des Knies amputiert und sofort nach Deutschland evakuiert.

Drei Tage nach seiner Verletzung liegt der Soldat im Zimmer 10 C 221 im US-Militärhospital im rheinland-pfälzischen Landstuhl.

35.000 Kriegsverletzte wurden in Landstuhl behandelt

Was sich so bescheiden "Landstuhl Regional Medical Center" (LMRC) nennt, ist das größte US-Hospital außerhalb der Vereinigten Staaten. Normalerweise werden hier die Hautprobleme, Sportverletzungen oder Mandelentzündungen der über 245.000 Militärangehörigen des "European Command" behandelt. Auch heute erblicken durchschnittlich 2,3 Babys pro Tag das Licht der Welt im LMRC. Doch seit sich die politische Weltlage mit den Terroranschlägen des 11. Septembers drastisch verändert hat, Amerika in Afghanistan und im Irak Krieg führt, ist auch das Leben in der amerikanischen Enklave in Landstuhl ein anderes geworden. Statt sonst 120 Ärzten arbeiten hier nun 200, statt 16 Patienten werden nun 23 pro Tag aufgenommen. Seit 2001 wurden über 35.000 Patienten von OEF (Operation Enduring Freedom) und OIF (Operation Iraqi Freedom) in Landstuhl behandelt, mehr als 7600 mit Wunden aus der Schlacht eingeliefert - 543 aus Afghanistan, 7100 aus dem Irak.

Landstuhl, Militärkrankenhaus, US-Armee, Irak

Ein schwer verletzter Soldat wird aus dem Bus gehoben. Täglich werden Patienten aus dem Irak und Afghanistan nach Landstuhl gebracht© Dirk Claus/stern.de

Erik Harp hat viele davon begrüßt. Er ist einer von neun Kaplänen des Krankenhauses. Wann immer evakuierte "wounded warriors" - verletzte Krieger werden die Verwundeten ehrfurchtsvoll genannt - von der nahe liegenden US-Militärbasis in Ramstein auf den Kirchberg gebracht werden, empfängt einer der Geistlichen die Neuankömmlinge.

Auch heute, an einem verschneiten Morgen im März. Mit rund 30 Ärzten, Schwestern und Verbindungsoffizieren wartet Harp in der Lobby des Krankenhauses. Der kleine Mann mit dem akkuraten Seitenscheitel trägt wie fast alle Tarnkleidung. Im Krieg sind alle gleich.

"Du bist jetzt in Sicherheit"

Gleich zwei Flugzeuge sind vor wenigen Minuten in Ramstein gelandet. Das eine hat 20 Patienten aus dem Irak an Bord, das andere bringt acht Soldaten aus Afghanistan nach Deutschland. Drei sind im kritischen Zustand. Schwerstarbeit für das Empfangskomitee.

Ein blauer "Blue Bird"-Bus mit Verletzten rollt auf die Plattform vor der Notaufnahme des Krankenhauses. Die Hintertüren werden geöffnet. Sofort haben sich ein Dutzend Helfer um das Heck versammelt. Eine Trage wird aus dem Innenraum des Busses gehoben. Sechs Handpaare greifen nach der Liege, lassen sie langsam auf einen Rollwagen herab. "Intensivstation", ruft eine Schwester. Das gehört zur Routine, doch ist jedem hier klar. Denn im Körper des Soldaten stecken Schläuche und Drähte. Auf seinen Beinen liegen medizinische Geräte, Computer, eine Sauerstoffflasche. Obwohl sich der Patient in Narkose befindet und sein Kopf völlig verbunden ist, nähert sich Kaplan Harps rundes Gesicht dem Soldaten: "Willkommen in Deutschland", flüstert er ihm zu. "Du bist jetzt in Sicherheit. Gott segne dich." Schon wird der Patient eilig in die Eingangshalle geschoben, zwanzig Sekunden nachdem er vom Kaplan begrüßt wurde, befindet er sich im Aufzug zur Intensivstation.

Für Harp und seine Kollegen geht die Arbeit im Schneetreiben weiter. Nach einer knappen halben Stunde ist der letzte Patient im Krankenhaus verschwunden. Der Kaplan mit dem stets freundlichen Gesichtsausdruck atmet durch. Alle neun Schwerverwundeten, die nicht laufen können, hat er an diesem Morgen willkommen geheißen. "Es ist egal, ob mich die Verletzten hören oder nicht. Wir begrüßen alle. Die bei Bewusstsein sind, lächeln meistens zurück."

Landstuhl, Militärkrankenhaus, US-Armee, Irak

Kaplan Erik Harp ist einer von neun Geistlichen, der die Verwundeten in Landstuhl begrüßt© Dirk Claus/stern.de

Seit zwei Jahren arbeitet der 35-Jährige in Landstuhl. Er sitzt im Büro des Chef-Kaplans. Hinter dem Schreibtisch steht ein großes Sternenbanner. Im Bücherregal steht neben einem Werk über das Dritte Reich und den "Großen Schlachten der Army" der Ratgeber "Wie verhindere ich es, einen Idioten zu heiraten". Harp stammt aus einem kleinen Kuhdorf in Oregon. Aus der amerikanischen Provinz, so wie viele der Soldaten, für die er im Moment des Leids die Verbindung nach oben darstellt. "Ich will, dass sie wissen, dass sie Gott trotz ihrer Verletzung liebt", sagt er im pastoralen Ton. Er ist Mormone, die Konfession spiele aber bei der spirituellen Erstversorgung keine Rolle.

Ob Mormone, Katholik oder Protestant: Wie lässt sich der Krieg mit seinem Glauben vereinbaren, steigen in ihm angesichts des täglichen Schreckens keine Zweifel auf? Aus Kaplan Harp wird urplötzlich Captain Harp: "Ich muss die Entscheidung den Politikern überlassen. Aber ich glaube, dass Freiheit extrem wichtig ist. Es ist ein Prinzip, wofür es sich lohnt, sein Leben zu riskieren." Fest blicken seine blauen Augen durch die dicken, runden Brillengläser. "Ich bin stolz und fühle mich geehrt, meinem Land und diesen Soldaten zu dienen."

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