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"Massenmord wird uns jetzt öfter treffen"

19. Dezember 2012, 12:14 Uhr

Beim Amoklauf von Winnenden 2009 wurde die 16-jährige Tochter von Jurij Minasenko ermordet. Im stern.de-Interview spricht der Psychiater über die Zeit danach – und Parallelen mit Newtown.

Jurij Minasenko Der Psychiater Jurij Minasenko und seine Frau Lena verloren beim Amoklauf von Winnenden ihre Tochter Viktorija.

Die 16-Jährige war eine von acht Schülerinnen, einem Schüler und drei Lehrerinnen der Albertville-Realschule, die vom Amokläufer Tim K. ermordet wurden. An jenem 11. März 2009 starben außerdem drei Männer, die Tim K. auf seiner Flucht erschoss, bevor er sich selbst richtete.

Viktorijas Mutter komponierte ein Lied für ihre Tochter, um die Trauer zu verarbeiten.

Die Familie war Ende 1994 aus der Ukraine nach Deutschland übergesiedelt. Sie wollten der Tochter, damals nicht mal zwei Jahre alt, ein besseres Leben ermöglichen.

Herr Minasenko, was haben die Bilder des Amoklaufs in den USA bei Ihnen ausgelöst?

Für meine Frau und mich war das ein Déjà-vu. Alle Emotionen waren nochmal da, der ganze Horror. Die Tragödie in Newtown verlief fast genauso wie die bei uns in Winnenden. Um 9.30 Uhr betritt ein gestörter, schwerbewaffneter junger Mann die Schule einer Kleinstadt und bringt viele unschuldige Kinder und Lehrer um, mit Waffen aus seinem Elternhaus.

Haben Sie die Nachrichten ausgeschaltet?

Nein, es ist wie eine Pflicht, ich muss das sehen. Hilflosigkeit macht mich depressiv, ich möchte handeln, etwas ändern.

Wie geht es Ihnen heute?

Es heißt zwar immer, die Zeit heilt alle Wunden – aber das passiert nicht! Der Tod unserer Tochter war ein totaler Verlust und das bleibt so. Ich habe nicht nur meine geliebte Tochter, mein einziges Kind, verloren, sondern auch einen Teil meines Lebens.

Wie können Eltern solch eine Verletzung überleben?

Am Anfang, in der akuten Phase, steht man unter Schock. Die Rituale, die Verabschiedung vom toten Kind vertiefen diesen Schock noch. Später könnte ein anderes Leben beginnen. Das ist wie bei einem Patienten, der erfährt, dass er Krebs hat. Er lebt weiter, aber völlig anders.

Ist die deutsche Gesellschaft weiter als die amerikanische, hat sie gelernt aus den Amokläufen?

Nein, nichts! Kanzlerin Merkel wollte Winnenden als Ausnahme sehen, als unbegreifliche "unfassbare“ Tat. Aber in welchem Sinne kann man das nicht begreifen? Deutsche Politiker verstecken sich auch jetzt wieder hinter Phrasen, die nichts bedeuten. Auch der Papst spricht von einer "sinnlosen Tragödie“. Das sind Begriffe, die zeigen sollen, man fasse überhaupt nicht, was geschehen ist.

Ist das denn nicht eine normale Reaktion?

Nein, es gab in den letzten Jahren Dutzende Amokläufe. Diese Morde verlaufen inzwischen immer nach gleichem Muster: Ein psychisch gestörter, narzisstischer Mensch tötet unschuldige Menschen. Das ist der sogenannte Herostratos-Komplex: Ich bin ein Niemand, aber mit einer schrecklichen Tat verewige ich mich.

Die Kontrollen von Waffenbesitzern wurden nach Winnenden verschärft.

Das Waffengesetz zu ändern, reicht bei Weitem nicht. Viel wichtiger ist ein gesellschaftlicher Diskurs, wie ihn Barack Obama jetzt für Amerika fordert. Unser Waffengesetz wurde verändert, aber nicht unser Bewusstsein.

Ein Beispiel?

Es gab eine große Diskussion in Winnenden, ob es eine öffentliche Gedenkstätte in der Stadt geben sollte, oder ob man die Bevölkerung besser vor dieser schlimmen Erinnerung schützen sollte. Wir Angehörigen mussten nicht nur für die Gedenkstätte kämpfen, sondern auch dafür, dass es einen Prozess gegen den Vater von Tim K. gab. Beides waren keine Initiativen der Politik. Eine Gedenkstätte ist wichtig für uns, aber wir brauchen sie nicht für unsere Trauerarbeit - sie ist wichtig für die Gesellschaft.

Wie gehen die Menschen in Winnenden heute mit dem Amoklauf um?

Sie möchten weiterleben wie vorher. Das liegt daran, dass es keine echte gesellschaftliche Diskussion gab. Die Leute glauben, dass es nur unser Schicksal ist - es hat nichts mit ihnen zu tun. Aber wir waren Zufallsopfer, meine Tochter kannte Tim K. nicht einmal.

Ist Verdrängen denn nicht eine normale Reaktion auf so großes Leid?

Natürlich, das sind Mechanismen, um sich in der akuten Phase selbst zu schützen. Aber danach muss die Gesellschaft das bearbeiten. Nach welchen Werten leben wir? Welche Vorbilder bieten wir jungen Menschen?

Was ist das Ziel des gesellschaftlichen Diskurses, den Sie verlangen?

Solche Taten zu verhindern und vor allem zu verstehen, was dahinter steckt.

Was steckt Ihrer Meinung nach dahinter?

Wir erleben eine moralische Krise. Wir leben ohne Orientierung, wir beten das goldene Kalb an, Erfolg ist alles. Die liberale Gesellschaft hat die alten Werte zerstört, sie hat aber keine neuen.

Welche könnten dies sein?

Genau dafür brauchen wir den gesellschaftlichen Diskurs. Unsere Gesetze funktionieren nur auf einer gesunden moralischen Basis. Wenn diese Werte aber fehlen, dann können wir die Gesetze hundert Mal verbessern und es ändert sich nichts. Norwegen ging anders damit um.

Wie?

Das ganze Land hat sich von Breivik betroffen und angegriffen gefühlt. Die deutsche Gesellschaft dagegen hat den Amoklauf stets als etwas Isoliertes begriffen. Das war anders nach der Atomkatastrophe von Fukushima. Plötzlich hatten alle Angst, es könnte etwas Ähnliches in Deutschland passieren, binnen kürzester Zeit folgte der Atomausstieg.

Obama sagte, Amerika hat schon zu viele dieser Dramen erlebt.

Ja, Obama hat das gesagt, aber kein deutscher Politiker. Wir haben vielleicht weniger Amokläufe, aber nur, weil sie bei uns später begonnen haben. Wir leben in einer globalisierten Welt, wir gehen in die gleiche Richtung. Wir sprechen nicht mehr von einem isolierten Phänomen.

Sondern?

Von einem Trend. Amoklauf ist viel mehr als ein erweiterter Suizid. Er bedeutet Rache und Protest. Er ist eine Machtdemonstration: "Ich sterbe nicht, weil ich schwach bin, sondern weil ich stark bin.“ Wenn wir die einzigen Opfer wären, könnte man sagen, das Leben läuft weiter. Aber der Massenmord ist zur Serientat geworden. Das heißt, er wird unsere Gesellschaft jetzt öfter treffen.

Interview: Ingrid Eißele

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