Beim Amoklauf von Winnenden 2009 wurde die 16-jährige Tochter von Jurij Minasenko ermordet. Im stern.de-Interview spricht der Psychiater über die Zeit danach – und Parallelen mit Newtown.
Für meine Frau und mich war das ein Déjà-vu. Alle Emotionen waren nochmal da, der ganze Horror. Die Tragödie in Newtown verlief fast genauso wie die bei uns in Winnenden. Um 9.30 Uhr betritt ein gestörter, schwerbewaffneter junger Mann die Schule einer Kleinstadt und bringt viele unschuldige Kinder und Lehrer um, mit Waffen aus seinem Elternhaus.
Nein, es ist wie eine Pflicht, ich muss das sehen. Hilflosigkeit macht mich depressiv, ich möchte handeln, etwas ändern.
Es heißt zwar immer, die Zeit heilt alle Wunden – aber das passiert nicht! Der Tod unserer Tochter war ein totaler Verlust und das bleibt so. Ich habe nicht nur meine geliebte Tochter, mein einziges Kind, verloren, sondern auch einen Teil meines Lebens.
Am Anfang, in der akuten Phase, steht man unter Schock. Die Rituale, die Verabschiedung vom toten Kind vertiefen diesen Schock noch. Später könnte ein anderes Leben beginnen. Das ist wie bei einem Patienten, der erfährt, dass er Krebs hat. Er lebt weiter, aber völlig anders.
Nein, nichts! Kanzlerin Merkel wollte Winnenden als Ausnahme sehen, als unbegreifliche "unfassbare“ Tat. Aber in welchem Sinne kann man das nicht begreifen? Deutsche Politiker verstecken sich auch jetzt wieder hinter Phrasen, die nichts bedeuten. Auch der Papst spricht von einer "sinnlosen Tragödie“. Das sind Begriffe, die zeigen sollen, man fasse überhaupt nicht, was geschehen ist.
Nein, es gab in den letzten Jahren Dutzende Amokläufe. Diese Morde verlaufen inzwischen immer nach gleichem Muster: Ein psychisch gestörter, narzisstischer Mensch tötet unschuldige Menschen. Das ist der sogenannte Herostratos-Komplex: Ich bin ein Niemand, aber mit einer schrecklichen Tat verewige ich mich.