14. Mai 2012, 18:58 Uhr

Ermittler öffnen Grab eines Mafia-Bosses

Das Verschwinden der 15-jährigen Vatikan-Bürgerin Emanuela Orlandi vor 29 Jahren schlägt bis heute Wellen. Nun wurde sogar das Grab eines in einer Basilika beigesetzten berüchtigten Mafia-Bosses geöffnet, um die Leiche des Mädchens zu finden.

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Forensische Beamte der italienischen Polizei betreten die Basilika Sant'Apollinaire, um das Grab eines berüchtigten Mafia-Bosses zu öffnen©

Knapp 29 Jahre nach dem spurlosen Verschwinden der Tochter eines Vatikan-Angestellten ist in einer spektakulären Aktion das Grab eines berüchtigten Mafia-Bosses geöffnet worden. Im Sarg befanden sich jedoch entgegen Spekulationen nur die Überreste des "Renatino" genannten Mafioso Enrico De Pedis. Die Ermittler entdeckten neben dem Sarg noch eine Kassette mit Knochen, die nicht zu dem Leichnam gehören - doch inzwischen wird davon ausgegangen, dass es sich möglicherweise um 200 bis 300 Jahre alte Knochen handelt, wie die Ansa berichtet. Denn in der Krypta würden weitere Kistchen mit Knochen Verstorbener verwahrt. Die Überreste sollten nun untersucht werden. Das Verschwinden der 15-jährigen Emanuela Orlandi bleibt aber vorerst ungeklärt.

Während Spezialkräfte der Ermittler das Grab des Chefs der römischen Magliana-Bande in der Basilika Sant'Apollinaire öffneten, warten draußen zahlreiche Journalisten und Schaulustige. Am 22. Juni 1983 war die 15-jährige Emanuela Orlandi nach dem Besuch einer Musikschule spurlos verschwunden. Da sie als Tochter eines Angestellten des päpstlichen Hauses damals die jüngste Bürgerin des Vatikanstaates war, erregte der Fall besonderes Aufsehen. Ihr Vater Ercole Orlandi war Hofdiener von Papst Johannes Paul II.

Immer wieder hatte es Gerüchte gegeben, Emanuela sei ermordet und mit dem Mafioso zusammen beigesetzt worden. Die römische Staatsanwaltschaft hatte nach jahrelangem Hin und Her im April der Graböffnung zugestimmt. Der Vatikan hatte sich zuvor bereiterklärt, das Grab des 1990 erschossenen Mafia-Bosses zu öffnen und seine Zusammenarbeit mit den Ermittlern zugesagt. Der Kirchenstaat hatte die Bestattung des Mannes in der Basilika erlaubt, obwohl dies über Jahrhunderte hinweg nur Kardinälen und anderen hohen Kirchenmännern vorbehalten gewesen war.

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Vor 29 Jahren verschwand die damals 15-jährige Emanuela Orlandi im Vatikan. Der Fall konnte bis heute nicht gelöst werden©

Gerüchte und Spekulationen

Spezialisten der Spurensicherung untersuchten am Montag den Leichnam - es handele sich eindeutig um den Mafiosi, hieß es. Der Bruder von Emanuela, Pietro Orlandi sagte, er habe nicht erwartet, den Leichnam seiner Schwester in dem Sarg zu finden. Nun könne aber diese Spur zu den Akten gelegt worden - sie sei eine von vielen gewesen. Er ist überzeugt: "Emanuela ist entführt worden, nicht weil sie Emanuela Orlandi war, sondern weil sie Bürgerin des Vatikan war." Wenn die Magliana-Bande je eine Rolle gespielt habe, sei es die von Handlangern gewesen.

Um das Verschwinden der Jugendlichen rankten sich viele Gerüchte und Spekulationen. 2008 hatte De Pedis' Ex-Freundin ausgesagt, die Drahtzieher der Entführung säßen "im Vatikan". Der Vatikan wies die Anschuldigungen seinerzeit als "infam und unbegründet" zurück. Im vergangenen Jahr behauptete dann Antonio Mancini - ein Ex-Mitglied der Magliana-Bande - Emanuela sei gekidnappt worden. Die Vatikanbank sollte nach seinen Worten so gezwungen werden, Geld zurückzugeben, das der Mafiaboss und seine Komplizen bei ihr investiert hätten. De Pedis habe das Geld aber dann abgeschrieben.

Zeitweise wurde auch gemutmaßt, die Entführung Emanuelas habe im Zusammenhang mit dem Attentat auf Papst Johannes Paul II. 1981 gestanden. Anonyme Anrufe und Schreiben wiesen damals darauf hin, das Mädchen könnte entführt worden sein, um den Attentäter freizupressen. Das könnten aber auch Ablenkungsmanöver gewesen sein. Der Attentäter soll damals einen Austausch verweigert haben, aber später behauptet haben, er wisse, dass Emanuela von einer mächtigen Organisation entführt worden und noch am Leben sei.

Emanuelas Bruder Pietro will auf jeden Fall weiter dafür kämpfen, das Schicksal seiner Schwester aufzuklären. "Es ist ein Akt der Liebe gegenüber meiner Schwester, die Unrecht erlitten hat: Sie haben ihr nicht erlaubt, ihr Leben zu leben."

Sabine Dobel, DPA
 
 
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