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1. Oktober 2011, 08:18 Uhr

Befreiungsschlag gegen die Hells Angels

Nachdem ihm Nähe zu Rockern unterstellt wurde, hat Hessens Innenminister die Frankfurter Clubs der Hells Angels verboten. Dahinter aber verbergen sich Ränke in der Polizei. Von Kuno Kruse

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In Hessen wurden zwei Hells-Angels-Charter verboten© Ronald Wittek/DPA

Am Donnerstagnachmittag gaben Beamte die Verbotsverfügung gegen zwei Frankfurter Charter der Hells Angels an der Haustür der beiden Präsidenten ab. Bis Freitagmorgen um vier wurde das Clubhaus "Westend" durchsucht. Innenminister Boris Rhein schaute bei der entschlossenen Aktion persönlich vorbei. Mittags präsentierte er sich der Presse. Der CDU-Politiker will Stärke zeigen, nachdem er selbst in der Presse durch Indiskretionen interessierter Kreise in den Behörden in die Nähe der Rocker gerückt worden war.

In seiner Offensive gegen die Hells Angels präsentierte der Minister am Freitag auch keinen rauchenden Colt, wie ein klarer Beweis in Ermittlerkreisen genannt wird, sondern akribische Fleißarbeit: Die lange Jahre gesammelten Strafverfahren gegen 45 Mitlieder der beiden Rocker-Clubs. Alles ist verbüßt, manche der Straftäter sind schon nicht mehr dabei. Deshalb wurde konzentrierte sich die Polizei auf acht schwere Straftaten aus den vergangenen fünf Jahren.

Es war ein klirrend kalter Morgen, als Ende vergangenen Jahres mehrere Tausend Polizisten, allen voran die Kollegen der SEK, in Frankfurt Wohnungen und Bordelle durchsuchten. Ihr Ziel: Die Hells Angels. Der Verdacht: Die Rocker hätten Polizei und Ordnungsamt infiltriert, die Tentakeln des Riesekraken würden bis ins Innenministerium reichen. Fünf Polizistinnen und Polizisten, angeblich mit den Rockern verbandelt, wurden festgenommen.

Nach Monaten intensiver Ermittlungsarbeit erwies sich die Razzia als Schlag ins Wasser. Die Bestechungsvorwürfe gegen Rocker stellten sich als haltlos heraus. Nur drei Beamte blieben im weit ausgeworfenen Netz der Fahnder hängen. Eine Polizistin hatte eine Nebentätigkeit im horizontalen Gewerbe nicht angemeldet, die andere nahm Drogen, was Kollegen allerdings schon vorher bekannt war. Ein junger Kollege in der Abteilung Internet-Kriminalität rauchte Haschisch.

Ein Mann packt aus

Grundlage der großen Polizeiaktion bildete eine einzige Zeugenaussage. Die aber nur zu gut ins Bild passte. Ein mehrfach vorbestrafter Dachdecker, nach dem gerade mal wieder gefahndet wurde, hatte sich dem hessischen Landeskriminalamt und später der Presse, darunter auch dem stern, angeboten. Er bezeichnete sich selbst als eine Art heimlicher Buchalter der Hells Angels. Sein Angebot an die Polizei: Er könne die "organisierte Kriminalität" der Rocker bis in den obersten Etagen von Polizei, Wirtschaft und Politik belegen. Sein Preis: Neue Identität und Aufnahme ins Zeugenschutzprogramm.

Anders als Journalisten, bei denen der fulminante Zeuge auf Zweifel stieß, folgten die Ermittler des Landeskrimalamtes den Ausführungen des "Auspackers". Tatsächlich hatte er sich in der Vergangenheit um Aufnahme bei den Hells Angels bemüht, war ein sogenannter Hangaround,blitzte jedoch nach Aussagen der Rocker als "Anwanzer" schnell ab.

Tatsächlicher Hintergrund des polizeilichen Ermittlungseifers aber waren Querelen im Landeskriminalamt selbst, die inzwischen die "Frankfurter Neue Presse" offen gelegt hat. Der damalige Innenminister und jetzige Ministerpräsident Volker Bouffier hatte eine neue LKA-Chefin ins Amt gerufen: Sabine Thurau.

"Pueblo" wird gegründet

Der Beamtin war als Vizepräsidentin des LKA bereits massives Führungsversagen bis hin zum Mobbing vorgeworfen worden. Kripobeamte wehrten sich juristisch, die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen die Karriere-Beamtin. Ein erfolgreicher Schlag gegen die Hells Angels, so soll Sabine Thurau Freunden anvertraut haben, würde ihren Ruf wieder aufpolieren. Das soll Thomas Ruhmöller, Reporter der "Frankfurter Neuen Presse", aus Polizeikreisen erfahren haben.

Als erstes schnitt die neue Chefin per Anweisung den erfahrenen Beamten, der bis dahin die Abteilung Organisierte Kriminalität geleitet hatte, von allen Informationen ab. Er war ins Innenministerium gewechselt, und sollte, so Thurau, ohnehin in Sorge um seine kranke Mutter, nicht unnötig mit Informationen über die Ermittlungen gegen die Rocker belastet werden. Vielleicht hätte ein guter Rat des erfahrenen Kriminalisten manchen Unbill verhindern können. Er kennt das Milieu, und angebliche Zeugen, die große Geschichten auftischen, melden sich immer wieder einmal. Sie schloss auch weitere erfahrene Kollegen aus, und hörte auch nicht auf Warnungen aus der Behörde, die sie vor dem Zeugen warnten.

Doch die neue Leiterin des LKA, Sabine Thurau, setzte lieber auf den Zeugen, als auf Sachverstand, gründete die Arbeitsgruppe "Pueblo" und hievte einen ihrer Vertrauten an die Spitze, der zuvor in der Abteilung "Interne Ermittlungen" gearbeitet hatte. Der vernahm den Zeugen, machte ihn zum rund um die Uhr beschützten Kronzeugen. Und für einen Moment schien alles wie Wasser auf seine Mühlen.

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