Zur mobilen Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere Darstellung
auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
Startseite

"Rauchverbot geht an die Substanz"

Viele Menschen regen sich über das Rauchverbot in Kneipen auf. Uli Neu geht aktiv dagegen vor. Der Tübinger Wirt hat Verfassungsbeschwerde eingelegt. Er ist empört über den staatlichen Eingriff in Grundrechte - und in die schwäbische Gemütlichkeit. Eine Reportage von Markus Wanzeck

Es ist dunkel in der verwinkelten Tübinger Altstadt, und es ist kalt, die Pfützen sind gefroren. Aus den Fenstern des "Pfauen" fällt warmes Kneipenlicht auf die Pflastersteine der Kornhausstraße. Vor den Fenstern: vier runde Stehtische mit Windlichtern, für die Raucher. Aber niemand, der raucht.

Der "Pfauen" ist eine gemütliche kleine Kneipe, mit Fachwerk und viel hellem Holz. Über der Theke tickt eine Wanduhr mit lateinischen Ziffern. Kurz nach sieben. Eine gute Zeit für ein entspanntes Feierabendbier. Eigentlich. Aber nicht in diesem Moment. Uli Neu wird laut, mit der rechten Hand gestikuliert er heftig, seine Brille, die er an einem schwarzen Band um den Hals hängen hat, tanzt vor seiner Brust auf und ab. "Mir geht es an die Substanz!", ruft er. "Mir sind mal eben dreißig Prozent des Umsatzes weggebrochen!" Einige Kneipengäste drehen ihren Kopf zum Tresen, hinter dem der "Pfauen"-Wirt mit unverminderter Lautstärke fortfährt: "Seit 22 Jahren hab ich diese Kneipe. Aber so abrupt wurde mir noch nie der Teppich unter den Füßen weggezogen."

Was halten Sie von der Verfassungsbeschwerde gegen das Rauchverbot?

Abrupt, das heißt im Fall des Tübinger Gastwirts: rund vier Monate. Ende März 2007 trafen sich die Ministerpräsidenten der Bundesländer, um über die Einführung von Gaststätten-Rauchverboten in ihren Hoheitsgebieten zu beraten. Und am 1. August war es schon so weit. Fortan durfte in Baden-Württembergs Wirtshäusern nur noch in abgetrennten Räumen geraucht werden. Der "Pfauen" hat nur einen Raum. Seitdem stehen die Raucher draußen.

Wirt sieht Grundrecht auf freie Berufsausübung missachtet

Kneipenwirt Uli Neu sieht dadurch sein Grundrecht auf freie Berufsausübung und das Eigentumsrecht missachtet. Er hat beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe eine Verfassungsbeschwerde gegen das Rauchverbot eingereicht. Unterstützt wird er dabei vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) - der für fast 250.000 Gastgewerbe spricht - dem als nicht direkt betroffener Interessenverband jedoch selbst keine juristischen Wege offenstehen, das Verbot zu kippen.

Seit Ende Dezember liegt nun die Beschwerdeschrift, die von dem Verfassungsrechtler und Ex-Verteidigungsminister Rupert Scholz (CDU) zusammen mit dem Frankfurter Rechtswissenschaftler Christoph Moench erarbeitet wurde, in Karlsruhe vor. Der Dehoga und Neu fordern darin, dass es kleinen Einraumlokalen wie dem "Pfauen" freigestellt sein sollte, Raucherrefugium oder Nichtrauchernische zu sein.

Bei Einraumlokalen geht es um die Existenz

Im Saarland etwa, wo das Gastro-Rauchverbot erst im Februar kommt, wird es eine Kennzeichnungspflicht geben. Inhabergeführte Gaststätten können dann entscheiden, ob sie ihren Betrieb als Nichtraucher- oder als Rauchergaststätte deklarieren. "Unsere Verfassungsbeschwerde ist kein Nein zum Nichtraucherschutz", sagt Dehoga-Geschäftsführerin Ingrid Hartges. Allerdings gehe es bei vielen Einraumlokalen, deren Stammgäste oft Raucher sind, um die Existenz. Und so gibt sich Hartges verärgert angesichts der "staatlichen Bevormundung".

Die Gäste im "Pfauen", von denen Uli Neu sagt, dass drei Viertel von ihnen Stammgäste seien und davon wiederum die meisten rauchten, sehen das ähnlich. Selbst die, die nicht rauchen. Wolfgang Fritz, ein kräftiger Kerl mittleren Alters, der vor einem Pilsglas am Tresen hockt, kommt drei Mal die Woche in den "Pfauen". Er ist Nichtraucher. Trotzdem, sagt er, gefalle es ihm einfach nicht, dass "der Staat uns so viel vorschreibt". Er habe gar kein Problem damit, in einer verrauchten Kneipe zu sitzen. "Wenn die g'mütlicher isch - warum net?" Ein Mann mit Brille und grauem schulterlangen Wuschelhaar, der zum Zahlen an den Tresen kommt, pflichtet ihm bei. Wolfgang Wettlaufer, studierter Astronom, kennt den "Pfauen" schon seit den siebziger Jahren. Seiner Gesundheit mag das Rauchverbot ja ganz zuträglich sein, sagt er. Aber er sorge sich um die Tübinger Kneipenkultur: "Neben dem Fernsehen und dem Internet trägt jetzt auch noch das Rauchverbot seinen Teil dazu bei, dass die den Bach runtergeht." Er selbst sei vor neun Jahren Nichtraucher geworden - "mit der simplen Bonbonmethode". Dann greift er nach seiner Baumwolltasche mit den Büchern, muss weg, die abendliche Astronomie-Ringvorlesung in der Uni beginnt in wenigen Minuten.

"Manche bleiben gleich ganz zu Hause"

Sieben Tage die Woche hat der "Pfauen" seine türen geöffnet, in der Regel von halb elf morgens bis ein Uhr nachts. Vier Aushilfskräfte hat Uli Neu eingestellt, die er zu Stoßzeiten einsetzt oder um mal einen Tag freimachen zu können. An einem Dienstagabend wie heute schmeißt er den Laden allein - zumal seit dem Rauchverbot. "Viele von den Stammgästen kommen jetzt nur noch für ein, zwei Bier statt für vier oder fünf", klagt er. "Und manche bleiben gleich ganz zu Hause und setzen sich mit Bier und Kippe vor den Fernseher." Mit flinken Fingern zapft der drahtige 49-Jährige ein Weizen. Während der Schaum sich setzt, verschwindet er in der Küche, um einen Flammkuchen in den Ofen zu schieben. Als er zurückkommt, lehnt er sich mit einem Ellbogen auf den Tresen und nimmt einen Schluck aus seinem Bierglas. "Sarkastisch gesagt: Durch das Rauchverbot ist die Arbeit jetzt nicht mehr so stressig." Nur leider könne er von seiner Kneipe jetzt kaum noch leben.

Sicher, Wirt Uli Neu könnte den Gastraum mit einer Trennwand aus Glas in Raucher- und Rauchfrei-Zonen unterteilen. Andere Kneipen im Ländle haben das längst getan. Uli Neu hält von einer solchen Baumaßnahme nichts. Gar nichts. "Das hat doch nix mehr mit Gemütlichkeit zu tun!", ruft er. Wieder erntet er einige Blicke. Etwa zwanzig Gäste sitzen an den Tischen und am Tresen. Um die fünfzig hätten Platz.

"Gleich 'ne Telefonzelle als Raucherkabine reinstellen"

Dreiundsechzig Quadratmeter - so groß, oder besser klein, ist der Gastraum des "Pfauen", erklärt Neu. "Und den soll ich auch noch unterteilen? Dann kann ich ja gleich 'ne Telefonzelle als Raucherkabine reinstellen." Er klingt trotzig. Vor drei Jahren erst hat er einen sechsstelligen Betrag in die Renovierung gesteckt. Das Rauchen in öffentlichen Gebäuden zu verbieten, in Bahnhöfen, auf Flughäfen, das finde er ja durchaus richtig, sagt er. Doch bei ihm, im "Pfauen"? Zwar wurme es ihn auch ein bisschen, dass er seine eigene Kneipe jetzt zum Rauchen verlassen müsse. "Aber mein Hauptproblem ist, dass jemand anders darüber entscheiden will, ob bei mir im Haus geraucht wird oder nicht." Dabei werde doch kein Gast gezwungen, zu ihm in die verqualmte Kneipe zu kommen.

Draußen unterdessen, wo die Raucher rauchen dürften, wenn sie wollten, stehen die vier Tische mit den Aschenbechern noch immer einsam in der eisigen Abendkälte. Und nirgends einer dieser Heizstrahler, die den Rauchern in anderen Städten beim Gassi-Gehen gnädig die Hände wärmen. Stattdessen liegen neben den Tischen hellblaue, weinrote und violette Filzdecken auf den Fensterbänken. Aus Sorge um das Weltklima hat Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) im vergangen Jahr ein stadtweites Heizpilzverbot erlassen.

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools