Die Vorwürfe beschreiben eine Horrorgeschichte: Ein Neuruppiner Familienvater soll seine minderjährige Stieftochter vergewaltigt und ein Kind mit ihr gezeugt haben. Jahre später missbrauchte er angeblich auch dieses Kind. Erst lange nach den mutmaßlichen Vergehen zeigten die Frauen den Mann an. Nun entscheidet ein Gericht über die Vorwürfe. Von Uta Eisenhardt

Vor dem Landgericht Neuruppin wird über einen mutmaßlichen Fall sexuellen Missbrauchs verhandelt© Ralf Hirschberger/Picture-Alliance
Bevor Hans M.* das Neuruppiner Landgericht betritt, zieht der kleine Mann mit den grauen Stoppelhaaren und dem energischen Kinn seine Baseballkappe ins Gesicht. Dann klappt er eine gelbe Mappe aus Pappe auseinander und hält sie vor sich - sie ist sein Schutzschild vor den Fotografen, vor der Öffentlichkeit. So präpariert wird er von Familie M. in die Mitte genommen, jedenfalls von dem Teil, der noch zu ihm hält. Dieser Teil besteht aus seiner Ehefrau, seinem Sohn und drei seiner sechs Töchter. Seitdem seine Stieftochter Karin L.* und deren Tochter Claudia sich vor einem Jahr an die Polizei wandten, geht durch die Familie ein tiefer Riss.
Die beiden zierlichen Frauen erheben vor Gericht schwere Vorwürfe gegen den 67-jährigen Pensionär. Jahrelang habe ihr Stiefvater sie vergewaltigt, so Karin L.. Das erste Mal passierte es demnach am Tag vor ihrer Einschulung, im Ehebett. Bei der Einschulungsfeier sei ihr Blick auf die Väter der anderen Mädchen gefallen und sie habe sich gefragt, ob ihre Mitschülerinnen das auch machen müssen, erzählt die 41-jährige Altenpflegerin dem Gericht. Von ihrem Stiefvater hörte sie, das sei normal, dennoch dürfe sie keinem davon erzählen. Die Siebenjährige glaubte ihm, so wie Siebenjährige ihren Eltern eben glauben.
Die Aussagen von Karin L. beschreiben eine Horrorgeschichte. Fast jeden Tag habe er sie vergewaltigt: Im Keller, im Bett, im Wald, wenn sie gemeinsam mit dem Hund Gassi gingen. Als sie älter wurde und sich zur Wehr setzen wollte, habe ihr Stiefvater sie geschlagen. Er habe sie, berichtet sie, von ihren Freunden isoliert, damit sie niemandem etwas würde erzählen können. Heimlich liebte sie einen Jungen, zweimal hatten sie Sex. Als sie 1986 mit 18 Jahren schwanger wurde, glaubte sie, das Kind sei von ihm. Doch die Eltern ihres Freundes verlangten einen Vaterschaftstest, der die grausame Wahrheit ans Licht brachte: Ihre Tochter Claudia ist das Kind von Hans M..
Als Karin L. von diesem Ergebnis erfuhr, brach für sie eine Welt zusammen. "Von da an konnte ich mein Kind nicht mehr lieben, ich habe es gehasst", sagt sie im Gerichtssaal. Jeden Tag sei sie beim Anblick ihrer Tochter an die schrecklichen Ereignisse erinnert worden. Sie habe das Kind nicht in den Arm nehmen können, statt Liebe bekam es Prügel. Als Karin L. das erzählt, fließen bei ihrer Tochter Claudia die Tränen. Für die stupsnasige, kindlich wirkende 21-Jährige, die bislang keinen Beruf erlernt hat, aber von einer Arbeit als Kindergärtnerin träumt, ist der Prozess vor dem Landgericht Neuruppin der Versuch, mit ihrer Vergangenheit abzurechnen. Als Nebenklägerin will sie endlich das Schweigen über ein bedrückendes Geheimnis beenden, das zehn Jahre in der Familie gehütet wurde.
1994 soll Hans M. nämlich ein neues Opfer gefunden haben: Sieben Jahre alt ist das Kind damals und gerade eingeschult worden. Es ist seine Tochter Claudia. Mit den Worten "Ich zeig dir Glitzerfische!", sei er mit ihr in den Keller gegangen. Dort bewahrte der Hobbyangler seine Plastikköder auf, mit denen sie gern spielte. Er habe die Tür abgeschlossen, den Plattenspieler angestellt und sie auf einen braunen Tisch gesetzt. Angst mischte sich mit Scham. Der Anblick der grellen Neonlampe über ihr, das weiße Einschulungskleid mit den rosa Rosenblüten, das sie damals trug und das sie später vor Ekel in eine Grube geworfen und mit Blättern verdeckt haben will, diese Bilder haben sich bei Claudia eingebrannt. Auch an die Wiederholung des Schrecklichen am nächsten Tag erinnert sich die junge Frau noch 14 Jahre später. Insgesamt 19 Vergewaltigungen im Keller, in ihrem Kinderzimmer, im Zelt bei einem Angelausflug, am Arbeitsplatz und im Schlafzimmer des Angeklagten sowie auf dem Autorücksitz auf dem Weg zum Einkaufen kann Claudia L. detailliert beschreiben. 19 Fälle aus drei Jahren, in denen sie fast täglich, an manchen Tagen auch zweimal missbraucht worden sei. Die Anklage basiert allein auf diesen Vorwürfen - der Missbrauch an Karin L. ist bereits verjährt.