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Jeder fünfte Grundschüler hat Probleme beim Lernen

Internationaler Vergleich: Deutschlands Grundschüler erbringen bei Tests in Lesen, Mathe und Naturwissenschaften überdurchschnittliche Leistungen. Trotzdem besteht Anlass zur Sorge.

Die Leistungen deutscher Grundschüler standen auf dem internationalen Prüfstand - und brachten passable Ergebnissen

Die Leistungen deutscher Grundschüler standen auf dem internationalen Prüfstand - und brachten passable Ergebnissen

Die Viertklässler in Deutschland erreichen beim Lesen, in Mathematik und in den Naturwissenschaften erneut überdurchschnittliche Leistungen. Kinder mit Migrationshintergrund holen deutlich auf, wie aus der am Dienstag in Berlin präsentierten Iglu-Lesestudie und der Timss-Mathematikstudie hervorgeht. In den internationalen Vergleichen schneiden die Grundschüler im oberen Drittel ab. Doch fast jedes fünfte Kind gilt als Risikoschüler und hinkt mit seinen Leistungen hinterher.

Der wissenschaftliche Leiter der Studien, Wilfried Bos, sagte: "Wir haben unsere hohe Position halten können." Allerdings existierten auch deutliche Anteile von Kindern, die in den drei Bereichen so schlecht seien, dass sie in der Sekundarstufe I Probleme bekommen dürften. Und es gebe im internationalen Vergleich teils weniger Kinder in der obersten Kompetenzstufe. "Das veranlasst einen zur Sorge. Wir vergeuden unsere Talente", sagte Bos. "Das gilt für Lesen, für Mathematik und für die Naturwissenschaften."

Der Dortmunder Forscher sprach dennoch davon, dass Deutschland sich unter erschwerten Bedingungen auf hohem Niveau habe halten können. Deutschland befinde sich auf Augenhöhe mit den Ländern der OECD und schneide spürbar besser ab als die EU-Länder im Schnitt.

Kinder lesen gerne und oft - auch zu Hause

Beim Lesen sank der Anteil von Risikoschülern mit besonders schlechten Leistungen leicht von 16,9 Prozent 2001 auf 15,4 Prozent zehn Jahre später. 9,5 Prozent schnitten besonders gut ab (2001: 8,6 Prozent).

In diesem Bereich räumten die Wissenschaftler außerdem mit Vorurteilen auf. Denn immer mehr Kinder lesen gerne und oft - ungeachtet aller Warnungen vor einer verkümmernden Lesekultur wegen Fernsehens und des Internets. Nur noch 11 Prozent lesen nie außerhalb der Schule. "Unsere Kinder lesen viel, und sie lesen gerne", sagte Bos. "Das ist eine große Leistung unserer Grundschulen und auch unserer Elternhäuser." Die Lesemotivation sei hoch.

An der Spitze liegen bei Lesen und Textverständnis erneut die Schüler aus Hongkong. Sie sind dort ein gutes halbes Schuljahr weiter als deutsche Zehnjährige. An der Iglu-Studie hatten 45 Staaten teilgenommen.

Ergebnisse, "die Schlimmes befürchten lassen"

In Mathematik hatten 2011 19,3 Prozent der Kinder so schlechte Leistungen, dass man annehmen muss, dass sie in der Sekundarstufe I große Probleme bekommen. Nur 5,2 Prozent verfügen über Kompetenz der obersten Stufe. In England waren dies 18 Prozent, auch in Dänemark deutlich mehr.

Bei den Naturwissenschaften liegt Deutschland hinter Tschechien und Finnland im obersten Leistungsdrittel. Doch hier hätten sogar 22 Prozent der Schüler niedrige Leistungen. Bos sprach von Ergebnissen, "die Schlimmes befürchten lassen in der Sekundarstufe I". Der höchsten Kompetenzstufe seien nur 7,1 Prozent zuzuordnen. "Zufriedenstellend ist es sicherlich nicht, dass wir da die Luft nach oben nicht optimal ausschöpfen."

Die neue Statistik entkräftet auch Vorurteile zur Erziehung in Familien mit Migrationshintergrund. Insgesamt nur 0,8 Prozent der Kinder sprächen zu Hause nie deutsch. "Man kann schwerlich von Parallelgesellschaft sprechen", so Bos. Insgesamt seien die Migranten die Bildungsgewinner im Grundschul-Test. Allerdings seien Kinder mit Migrationshintergrund weiter benachteiligt. "Wir kriegen es schlechter hin als der Durchschnitt der OECD." Bulgarien und Ungarn schnitten hier noch schlechter ab.

Werbung für die Ganztagsschulen

Die Leistungen seien allerdings oft an die Schichtzugehörigkeit gekoppelt. "Ein Kind von einem Professor oder einem Chefarzt hat eine 4,7-fache Chance zur Gymnasialempfehlung im Vergleich zu einem Facharbeiter", erläuterte Bos.

Der Präsident der Kultusministerkonferenz, Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD), machte für das hohe Niveau auch die Anstrengungen der Länder in den vergangenen Jahren verantwortlich. Er sprach von einem kraftvollen Ausbau der Sprachförderung. "Jetzt gilt es, die Sprachförderung nachzujustieren." Zudem müsse die Lehrerbildung gestärkt werden. Die Ganztagsschulen müssten ausgebaut werden, allerdings so, dass die Zeit auch für gute Bildung genutzt werde.

Die Staatssekretärin im Bundesministerium, Cornelia Quennet-Thielen, sagte: "Wir können noch besser werden." Es gebe weiteren Handlungsbedarf.

hw/DPA/AFP/DPA

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