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23. November 2007, 12:50 Uhr

"Lea-Sophie war ganz normales Kind"

Die kleine Lea-Sophie aus Schwerin ist verhungert und verdurstet. Ihre ehemalige Kindergärtnerin hat geschockt auf den Tod des Mädchens reagiert: "Wir sind alle sehr traurig und betroffen", sagte sie stern.de. Auch Kanzlerin Merkel zeigte sich tief erschüttert. Unterdessen hat Schwerins Oberbürgermeister Lücken im System der Kinder- und Jugendhilfe eingeräumt.

Kerzen stehen vor dem Haus in Schwerin, in dem die kleine Lea-Sophie lebte© Patrick Lux/AP

Die ehemalige Kindergärtnerin der in Schwerin verhungerten Lea-Sophie hat geschockt auf den Tod des Mädchens reagiert: "Wir sind alle sehr traurig und betroffen, dass so etwas passieren konnte", sagte Hildegard Kralisch, Leiterin der Kindertagestätte "Gänseblümchen", zu stern.de. Lea-Sophie habe die Kindertagestätte von 2003 bis 2004 besucht. "Es war ein ganz normales Kind. Sie war zwar sehr zurückhaltend, sie war aber nicht unterernährt", sagte Kralisch, die das Kind aber seit 2004 nicht mehr gesehen hat. Auch bei den Eltern habe sie damals keine Auffälligkeiten bemerkt.

Die fünfjährige Lea-Sophie ist durch Vernachlässigung durch die Eltern verhungert und verdurstet. Das Mädchen hatte bei der Einlieferung ins Krankenhaus nur noch 7,4 Kilogramm gewogen und war mit Wunden übersät. Sie starb in der Nacht zum Mittwoch. Die Eltern sitzen in Untersuchungshaft.

"Mechanismen haben nicht ausgereicht"

Schwerins Oberbürgermeister Norbert Claussen (CDU) hat mögliche Lücken im System der Kinder- und Jugendhilfe eingeräumt. Der Tod des Mädchens zeige, "dass die Mechanismen offensichtlich nicht ausgereicht haben", teilte Claussen am Freitag in einer Presseerklärung mit. Den Mitarbeitern des Amtes könne nach bisherigem Kenntnisstand kein Versäumnis vorgeworfen werden. Man gehe bislang davon aus, dass das Regelwerk, wie bei Hinweisen zu Kindeswohlgefährdungen zu verfahren sei, eingehalten wurde. Unmittelbar nach Bekanntwerden des tragischen Todes hatte der Oberbürgermeister nach eigenen Angaben eine Aufarbeitung des Sachverhaltes veranlasst. "Wir werden weiterhin alles tun, um die Umstände, die zum Tode des kleinen Mädchens geführt haben, lückenlos aufzuklären", sagte Claussen.

Trotzdem wächst der Druck auf die Stadtverwaltung in Schwerin: "Wir brauchen eine ehrliche Aufklärung, wie es zum Versagen der zuständigen Behörden und damit zum grausamen Tod eines Kindes kommen konnte", sagte der familienpolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion in Mecklenburg-Vorpommern, Harry Glawe. "Es muss geklärt werden, an welcher Stelle wer versagt hat." So zu tun, als ob alles richtig gelaufen sei, "ist angesichts des grausamen Todes der fünfjährigen Lea-Sophie nicht hinnehmbar".

Glawe warnte davor, sich hinter Zuständigkeiten zu verstecken: "Der Staat muss eingreifen, wenn Eltern ihre Verantwortung trotz aller Angebote nicht wahrnehmen. Gerade wenn durch eine Anzeige ein Anfangsverdacht besteht, muss mehr getan werden als im Schweriner Fall." Der CDU-Politiker forderte deshalb die Einrichtung von Kriseninterventionsteams und warnte davor, so zu tun, als sei der Spardruck der Kommunen für den Fall ausschlaggebend. Damit werde die bestehende Verantwortung nur weggeschoben.

"Merkel ist betroffen und angerührt"

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich nach dem Tod von Lea-Sophie tief erschüttert gezeigt. "Das Schicksal des kleinen Mädchens hat die Kanzlerin sehr tief betroffen und angerührt", sagte Vize-Regierungssprecher Thomas Steg am Freitag in Berlin. Sie verfolge die Berichterstattung mit großem persönlichen Interesse und Anteilnahme. Die Kanzlerin wolle aber nicht bewerten, wo es Versäumnisse gegeben habe. Steg verwies auf die Ermittlungsbehörden. Der Tod sei ein weiteres Beispiel dafür, wie aufmerksam die zuständigen Behörden sein müssten und wie wichtig auch Hinweise von Nachbarn auf Fälle von Vernachlässigung seien.

Hamburg hat auf den Fall Jessica reagiert

Der Tod der kleinen Lea-Sophie erinnert an den Fall der siebenjährige Jessica, die 2005 verhungert in der elterlichen Wohnung in Hamburg gefunden worden war. Auch hier hatten die Behörden vor dem Tod des Kindes Hinweise, dass es in der Familie Probleme gibt. Aufgrund des Todes von Jessica, der damals ebenfalls bundesweit für großes Entsetzen sorgte, habe man in der Hansestadt Konsequenzen gezogen, sagte der Sprecher der Sozialbehörde, Rico Schmidt, zu stern.de.

Schmidt weist vor allem auf den Schulzwang hin, der schon 2005 eingeführt wurde. Bei einer Nichtanmeldung zur Schule, aber auch bei einem Fernbleiben, darf die Schulbehörde demnach mit richterlicher Genehmigung in die Wohnung eindringen, um nach schulpflichtigen Kindern zu suchen. Als weitere Maßnahme sei eine für 24 Stunden erreichbare "Kinderschutzhotline" eingerichtet worden, sagte Schmidt. Von Anfang 2006 bis März 2007 seien hier 248 Meldungen von möglicher Kindeswohlgefährdung eingelaufen, sagte Schmidt, denen man dann nachgehe. Zudem sei das Personal des "Allgemeinen Sozialen Dienstes" aufgestockt worden, der sich für das Jugendamt um Problemfamilien kümmert.

Allerdings sagte Schmidt: "So einen Fall wie Jessica kann man nicht ausschließen, selbst mit dem besten Hilfesystem nicht. Dafür bräuchte man eine dauernde Überwachung der Bevölkerung. Aber das will niemand."

Nach Angaben des Schweriner Jugendamtes sind im Fall Lea-Sophie zwei Mitarbeiter wenige Tage vor ihrem Tod an der Wohnung ihrer Eltern gewesen. Allerdings hätten sie dort niemanden angetroffen und deshalb eine Einladung für einen Termin am nächsten Tag hinterlassen. In Hamburg würde man in einem ähnlichen Fall ähnlich verfahren, sagte eine Mitarbeiterin des "ASD" stern.de. "Hier sind uns die Hände gebunden", sagte sie. Wenn keine verdächtigen Laute aus einer Wohnung dringen, könne man sich nicht durch ein Aufbrechen der Wohnung Zugang verschaffen. Um Fälle wie Jessica oder Lea-Sophie in Zukunft zu verhindern, forderte die ASD-Mitarbeiterin verpflichtende Untersuchungen im Alter von einem Jahr.

Auch die Hamburger SPD will sich für verpflichtende Vorsorgeuntersuchungen für Kinder stark machen. Dafür werde die SPD- Fraktion ihren entsprechenden Gesetzentwurf vom Dezember 2006 erneut in die Bürgerschaft einbringen, kündigte der SPD-Sozialexperte Dirk Kienscherf in Hamburg an. Er warf der CDU und dem Senat vor, die landesrechtlichen Möglichkeiten für die Einführung verpflichtender U-Untersuchungen für Kinder nicht auszunutzen. Nach Angaben des Sprechers der Sozialbehörde, Hartmut Stienen, hat der CDU-Senat einen Gesetzentwurf im Grunde vorbereitet.

Pflicht-Vorsorgeuntersuchungen gefordert

Unterdessen hat auch sich die Vorsitzende des Bundestags-Familienausschusses, Kerstin Griese, für Pflicht-Vorsorgeuntersuchungen ausgesprochen. Notwendig sei eine bundesweit einheitliche gesetzliche Regelung, sagte die SPD-Politikerin der "Berliner Zeitung". Zwar sei dies keine Garantie dafür, dass künftig Fälle wie der in Schwerin verhindert würden. "Aber es ist ein Baustein für den Schutz der Kinder."

Die Union äußerte sich zu den Forderungen nach einem staatlichen Eingreifen zurückhaltender. Vize-Fraktionschefin Ilse Falk sagte der Zeitung, es könne nicht darum gehen, einen riesigen Kontrollapparat zu installieren. Der Ball liege jetzt ohnehin bei der Gesundheitspolitik. So müsse gewährleistet werden, dass es bei den Vorsorgeuntersuchungen nicht nur um den allgemeinen Entwicklungsstand der Kinder gehe. Vielmehr müsse konkret auf Anzeichen von Misshandlungen geachtet werden, fügte die CDU-Politikerin an. Vertreter der Oppositionsparteien beklagten vor allem ein Versagen der staatlichen Stellen.

Nachfolgend eine Aufstellung der Ereignisse im Fall Lea-Sophie aus Sicht der Stadt Schwerin: 2. November 2006: Erste Kontaktaufnahme eines Familienmitglieds mit dem Jugendamt. Die Eltern nehmen die Beratungsangebote des Jugendamtes nicht in Anspruch. 26. Juni 2007: Erneuter Kontakt eines Familienmitglieds mit dem Jugendamt. Ein Beratungsgespräch findet statt. 12. November. Anonymer Anruf aus der Nachbarschaft: Man mache sich Sorgen um einen drei bis vier Wochen alten Säugling. Dieser sei kaum draußen zu sehen, die Mutter gehe nur abends mit dem Kind in der Babywiege und zwei Hunden spazieren. Das größere Kind scheine im Haushalt nicht mehr zu leben. Sonst sei dort nichts bemerkt worden. Unmittelbar nach Eingang der Information sind zwei Mitarbeiter vor Ort und treffen die Familie nicht an. Sie hinterlassen eine Einladung für den nächsten Tag. 13. November: Die Eltern erscheinen mit dem Säugling im Jugendamt zum Termin. Es kommt zu einem umfangreichen Gespräch. Das Baby hinterlässt dort einen gut versorgten Eindruck auf die Mitarbeiter. Bei dem Gespräch wird auch nach dem Aufenthalt des größeren Kindes gefragt. Die Eltern geben an, dass sich dieses bei Bekannten befindet. Aus den Gesamtumständen ergibt sich für den Sozialarbeiter demnach kein Hinweis auf eine Kindeswohlgefährdung. 21. November: Um 07.45 Uhr geht ein Anruf von der Kriminalpolizei mit der Information ein, dass das fünfjährige Kind gestorben ist. Die Wohnung macht laut Jugendamt einen kindgerechten Eindruck, das Kinderzimmer ist liebevoll eingerichtet. Auch sei genügend Essen im Haus gewesen. Der Säugling wird einem Arzt vorgestellt - das Kind ist gesund.

mta/DPA/AP
 
 
KOMMENTARE (9 von 9)
 
SirDidimus (23.11.2007, 18:32 Uhr)
sportartmakler
mit diesem beispiel wollte ich nur auf die gleichgültigkeit hinweisen. oftmals passiert es, dass dann auch noch geschlagen wird, und keiner sagt was.
sportartmakler (23.11.2007, 16:32 Uhr)
@sirdim...- hinkt aber ein bißchen dein supermarktbeispiel
die typische quängelszenerie in einem supermarkt dreht sich bestimmt nicht um den überlebenskampf zwecks unterernährung oder soll das ihr ernst sein??
ansonsten habe ich meine meinung schon kund getan. alle stricke einer möglichen hilfe sind gerissen, und in letzter verantwortung auch der des jugendamtes welches mal wieder schön betriebsblind zu werke war.
vondervogelwheyde (23.11.2007, 15:20 Uhr)
Mehr Transparenz bitte...
Sie geben eine verkürzte Darstellung der Ereignisse um Lea-Sophie aus Sicht der Stadt Schwerin wieder.So wie Sie, zu Recht, eine lückenlose Aufklärung einfordern, erwarte ich von Ihnen als Journalisten, uns LeserInnen lückenlos zu informieren.
Nach Darstellung der Stadt Schwerin hatte das Jugendamt die Familie im Nobember 2006 und Juni 2007 der Familie nahegelegt Lea-Sophie in eine Vorschulgruppe im Kindergarten zu geben. Das Angebot wurde von den Eltern nicht wahr genommen. In Schwerin gehen ca. 95% der Fünfjährigen in den Kindergarten. Bei dem Gespräch im November habe der Sozialarbeiter keinerlei Hinweise zum Zustand von Lea-Sophie erhalten. Der Mitarbeiter begnügte sich mit der Antwort "das Kind sei bei Bekannten". Mein gesunder Menschenverstand sagt mir, wenn fast alle Fünfjährigen in die Vorschule gehen, das ich hinterfrage, aus welchen Gründen es die Eltern nicht wollen und biete ggfs. meine Unterstützung zur Gewährleistung zum Besuch der Vorschule an. Wenn sich der Sozialarbeiter mit der Auskunft begnügt haben soll, das Lea-Sophie bei Bekannten wäre, verstehe ich sein Verhalten nicht. Es gab Hinweise aus der Nachbarschaft, dass das Kind schon länger nicht gesehen wurde. Da müssen die Alarmglocken schrillen und auch hier das Verhalten der Eltern überprüft werden: was für Bekannte, Adresse,Telefonnummer, ist die Versorgung gewährleistet?
SirDidimus (23.11.2007, 14:54 Uhr)
Elternfürherschein
wird nicht helfen. Man schaue sich mal auf den Straßen um. Dort wimmelt es von Leuten, die einen Führerschein für ein Auto haben, sich aber dennoch nicht an die Regeln halten.
Trotz der Tragik die in diesen Foren immer geäußert wird, die Vorschläge die gemacht werden, stelle ich im realen Leben fest, das meßtens nur dumm geguckt wird, wenn ein Kind im Supermarkt schreit (ich meine die Tüpische Szene, bei der ein Kind auf dem boden tobt und schreit, und ein Elternteil hilflos dabeisteht und das Kind beruhigen will). Die Beobachter sagen sowas wie "furchtbares Kind" oder so ähnlich, gehen aber dann einfach weiter.
Bei den Eltern des verhungerten Mädchens frage ich mich, wie man nur so lange zugucken kann, bis das Kind endlich tot ist? So was will mir nicht in den Kopf.
Ich bin auch der Meinung, auch wenn noch mehr Kontrollen eingeführt werden, dass solches und ähnliches wohl nie vermieden werden kann.
Traurig aber wahr...
postit (23.11.2007, 14:14 Uhr)
manche sollten sich nicht vermehren...
Die Gesellschaft schreit nach mehr Kindern und und prangert andere Lebensentwürfe öffentlich an und wa sist das ende vom Lied:
Die Kinder kommen von den Menschen, die lieber verhütet hätten. Vielleicht wäre ein Eltern-TÜV gar nicht so abwegig - zum Schutz des ungeborenen Lebens. Viele Menschen sind der Aufgabe intellektuell gar nicht gewachsen. Dann lieber eine Verhütungspolitik!
heino1 (23.11.2007, 14:02 Uhr)
Politik ist gefordert
„Die Union äußerte sich zu den Forderungen nach einem staatlichen Eingreifen zurückhaltender. Vize-Fraktionschefin Ilse Falk sagte der Zeitung, es könne nicht darum gehen, einen riesigen Kontrollapparat zu installieren. Der Ball liege jetzt ohnehin bei der Gesundheitspolitik. So müsse gewährleistet werden, dass es bei den Vorsorgeuntersuchungen nicht nur um den allgemeinen Entwicklungsstand der Kinder gehe. Vielmehr müsse konkret auf Anzeichen von Misshandlungen geachtet werden, fügte die CDU-Politikerin an.“
Doch, es geht genau darum einen „riesigen Kontrollapparat“ zu installieren, weil es offensichtlich anders nicht möglich ist die Kinder zu schützen. Auch scheint mir hier wieder Verantwortung von der einen auf die andere Seite geschoben zu werden. Wobei selbstverständlich bei den Vorsorgeuntersuchungen auch auf Misshandlungen geachtet werden muss. Auch sollten diese Untersuchungen Pflicht werden.
ganzbaf (23.11.2007, 13:58 Uhr)
Verrohung der Sitten...
...durch Verrohung der Gesellschaft vermittels eines "real existierenden Steinzeitkapitalismus"...
Dazu Verblödung in Schule und über Privatfernsehmüll/Gewaltsendungen etc.und wir sind an den Ursachen dran
Ein Schulfach "Entwicklungsstufen Kleinkind-Erwachsener", oder auch "Gesundheit & Ernährung" scheint dringend angezeigt.
Mule (23.11.2007, 13:42 Uhr)
Frau Merkel
Na Gott sei Dank, daß unsere wandelnde Knopfleiste (Urban Priol)tief erschüttert ist - das hilft uns allen doch sehr!!!!!!
Malt (23.11.2007, 13:07 Uhr)
Das Gejammer...
...ist jetzt groß... nur ändern wird sich nichts. Ist ja nicht so, als ob's der erste Fall in Deutschland wäre!
Für jeden Scheiß braucht man in Deutschland einen Berechtigungsnachweis: Ob ich jetzt ein Auto mit Anhänger fahren will oder mir einen sog. Kampfhund zulegen möchte. Nur: Kinder in die Welt setzten, DASS darf jeder Depp! Ob er dazu geeigent ist oder nicht... vielleicht sollte man mal einen Elternführerschein einführen?
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